Hoeneß' Multimillionen-Monopoly Risiko ersetzt Kapital

Transaktionen über mehrere hundert Millionen, Verluste von 18 Millionen an nur einem Tag: Selbst für einen Top-Verdiener wie Uli Hoeneß sind das gigantische Beträge. Hebelprodukte am Devisenmarkt machen es möglich, bereits mit relativ kleinem Einsatz solch große Summen zu bewegen.
Bayern-Präsident Hoeneß: Transaktionen im Sekundentakt

Bayern-Präsident Hoeneß: Transaktionen im Sekundentakt

Foto: Andreas Gebert/ dpa

Berlin - Fünf Millionen Euro, dazu eine Bürgschaft für mögliche Kredite in Höhe von 15 Millionen von seinem Freund, dem damaligen Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus: Das derart bestückte Vontobel-Konto von Uli Hoeneß bildet den Ausgangspunkt für den wohl aufsehenerregendsten Steuerkrimi in der Geschichte der Bundesrepublik. Spekulationsgeschäfte brachten dem Bayern-Boss zwischen 2001 und 2005 so viel Geld ein, dass sich die daraus resultierende Steuerschuld auf 27,2 Millionen Euro summiert. Mindestens.

Der Saldo seiner Konten bei der Schweizer Bank Vontobel habe zeitweise mehr als 150 Millionen Euro betragen, erklärte auch die Rosenheimer Steuerfahnderin, die am Dienstag als Zeugin im Prozess aussagte. Den größten Teil der Gewinne erzielte Hoeneß danach 2003 und 2005: insgesamt knapp 130 Millionen Euro.

Die gewaltigen Beträge, die über das Schweizer Konto gelaufen sind, schockieren viele Prozessbeobachter, sogar die Staatsanwaltschaft zeigte sich überrascht. Gleichzeitig drängt sich die Frage auf, wie das gehen kann. Wie macht man aus fünf Millionen Euro in kaum vier Jahren 150 Millionen Euro und mehr?

Für Finanzexperten liegt die Antwort nahe. "Wer schnell viel Geld machen will, besorgt sich einen Zugang zum Devisenmarkt", erklärt Herwig Wild, Währungsexperte beim Bankhaus Metzler. "Dort kann man mit geringen Einsätzen große Summen verdienen, aber auch verlieren."

Vier Billionen Dollar pro Tag

Der Devisenmarkt, von dem Wild spricht, gehört zum Schillerndsten, was die Finanzwelt zu bieten hat. Mit der Aussicht auf schnelle Gewinne zieht er nicht nur Glücksritter magisch in seinen Bann. Schätzungen zufolge werden hier drei bis vier Billionen Dollar pro Tag umgesetzt. Transaktionen im Sekundentakt sind keine Seltenheit, Kursschwankungen an der dritten Stelle hinter dem Komma entscheiden bereits über riesige Gewinne oder Verluste. "Eigentlich ist das ein Geschäft für Profis", sagt Wild. Denn auf dem Devisenmarkt seien Wechselkursschwankungen ähnlich schwierig vorauszusagen, wie das Wetter an der Eiger-Nordwand.

Der Thrill dürfte auch einen wie Hoeneß angezogen haben, der sich in der "Zeit" als süchtigen Zocker bezeichnet hatte. Gegenüber dem Vorsitzenden Richter Rupert Heindl sprach er von einer "Spirale der Unglückseligkeit", in die er hineingezogen worden sei. Er habe Gewinne erzwingen wollen und dabei kein Ende gefunden.

Fünf Millionen bezeichnen Experten dabei als eine mehr als üppige Ausgangsbasis. Denn der eingesetzte Betrag für jede einzelne Transaktion lässt sich über den Kauf sogenannter Hebelprodukte leicht vervielfachen. 1000 Euro genügen bereits für ein Investment von 100.000. Minimale Bewegungen des Wechselkurses führen dann schnell dazu, dass sich der Einsatz verdoppelt. Oder - in der anderen Richtung - ein tiefes Loch in die Kasse reißt.

Dafür, dass Hoeneß in diesem Spiel mitgemischt hat, spricht auch die Anzahl der Transaktionen. Ungefähr 50.000 sollen es gewesen sein im Laufe der Jahre, Hunderte am Tag, angestoßen über einen kleinen Pager, vom Büro aus, im Stadion, im Auto oder sonstwo.

Blind für Warnsignale

Die Sucht entstand mit den Gewinnen. Nach SPIEGEL-Informationen gab Hoeneß für 2003 einen Gewinn von 51.956.660,72 Euro an und für 2005 sogar 78.389.716 Euro. Obwohl er eigentlich nichts von dem komplexen Feld verstand, in dem er sich da bewegte. Stattdessen interpretierte er die Gewinne offenbar als Beweis für seinen Instinkt in Sachen Finanzmärkte.

In seiner Selbstüberschätzung ignorierte Hoeneß die Warnsignale, die von den Fehlschlägen ausgingen. Einmal hat er an einem einzigen Tag 18 Millionen Euro Verlust gemacht, erzählt er dem Richter. Am Ende war von dem märchenhaften Vermögen auf den Vontobel-Konto kaum mehr etwas übrig.

Für Hoeneß bleibt damit nur eine bittere persönliche Bilanz: Hätten sich Gewinne und Verluste über die Jahre hinweg die Waage gehalten, dann wäre das Casinospiel an den Finanzmärkten womöglich nicht zur Sucht geworden. Jedenfalls aber wäre es nie zu dem Prozess gekommen. Denn ohne Gewinne wären auch keine Steuern fällig geworden.

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