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AUTOMOBILE Nach Art des Hauses

BMW tut sich schwer in der Prestige-Klasse: Der Verkauf der großen Limousinen sackte ab. Opel dagegen gewann mit Senator und Monza beachtliche Marktanteile.
aus DER SPIEGEL 28/1979

Der Chef der Bayerischen Motoren Werke (BMW) fand wohlgesetzte Worte, um Mitarbeitern und Aktionären die Lage zu beschreiben. »Der Höhepunkt des Booms der Autobranche«, sprach Eberhard von Kuenheim, »liegt hinter uns.«

Was er sagen wollte: BMW sorgt sich um den Verkauf seiner großen Limousinen. Um rund elf Prozent gingen die Inlands-Bestellungen bis Ende April gegenüber dem Rekordniveau des Vorjahres zurück.

Von Kuenheim machte bereits einen allgemeinen Branchentrend nach unten aus. Doch Daimler-Benz-Chef Joachim Zahn korrigierte den bayrischen Kollegen. Er könne »eine solche rückläufige Entwicklung nicht feststellen«.

In der Tat scheint, aus Stuttgarter Sicht, trotz Ölkrise und steigender Benzinpreise die Lust am schweren Wagen ungebrochen. Daimler-Benz hat derzeit die volle Produktion zweier Jahre -900 000 Wagen -- fest verkauft.

Über Erwarten erfolgreich wehrten die Stuttgarter auch den jüngsten BMW-Sturm in der Klasse der großen Limousinen auf die Position des Marktführers ab.

Dabei hatten die Bayern vor zwei Jahren Vielversprechendes zu bieten. Damals trumpfte BMW mit einer völlig renovierten Spitzenklasse, der 7er-Reihe (von 180 PS und 29 000 Mark an aufwärts), gegen die schon recht betagte S-Klasse (280 5 bis 450 SEL) aus Stuttgart auf.

»Mit Gelsenkirchener Barock«, so spöttelte von Kuenheim über die Konkurrenz, »werden wir nicht kommen.« Was dann aber kam, war offensichtlich nicht so recht nach dem Geschmack der BMW-Klienten.

Statt der sonst bei der Stammkundschaft so geschätzten sportlichen Raffinesse und einer schnittigen Form zeigte die neue Limousine nur ein gefälliges Allerweltskleid und bot Fahreigenschaften nach Art des Hauses Mercedes. Trotz aufwendiger Werbekampagnen konnten die 7er-BMW im Verkauf nicht Anschluß an die Mercedes-Limousinen finden.

Noch schwieriger wurde die Situation für BMW, als sich im vergangenen Jahr ein dritter Konkurrent nach jahrelangen Mißerfolgen im Markt der Großen etablierte: Opel mit den neuen Sechszylinder-Modellen Senator und Monza.

Von den spurtstarken, aber im Preis um etliche Tausender billigeren Opel sahen die Münchner in den ersten vier Monaten des laufenden Jahres nur die Rücklichter. Opel verkaufte in der Prestigeklasse 8427 Senator-Limousinen, BMW nur 6018 seiner 7er-Modelle. Mercedes verbesserte seine Position in der Neuzulassungstabelle um 10 Prozent auf 11 596 S-Klasse-Limousinen.

Während BMW in den Mittelklassen (3er- und ser-Reihe) neue Rekorde einfuhr, schrumpften die Verkäufe in der schweren Limousinenklasse damit um mehr als 14 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Ein Trost für die Münchner: Die Coupés (6er-Reihe) fanden im Gegensatz zu den Limousinen weit mehr Kundschaft als im Frühjahr zuvor.

Doch gerade bei den Luxuswagen drohen von Kuenheim noch weitere Rückschläge. Im Herbst präsentiert Mercedes seine neue S-Klasse, ein Programm, das laut Mercedes-Lenker Zahn »deutlich die Fortschritte auch in der Energieeinsparung zum Ausdruck bringt«.

Dieser Herausforderung will von Kuenheim begegnen, indem er das 7er-Programm mit neuen Innenausstattungen und verbesserten Motoren aufmöbelt. Das Blech bleibt allerdings das altbekannte.

Gerade die neue Ausstattung aber, meint BMW-Direktor Horst Avenarius, sei der Grund, warum die Wagen aus München gegenwärtig so schlecht liefen. »Der Markt«, so Avenarius, »hatte von dem Neuen Wind bekommen und mit Kaufzurückhaltung reagiert.«

Die Deutung ist riskant. Denn wenn tatsächlich der Markt schon auf minimale Modellveränderungen so sensibel reagiert, dann werden Zahns neue Mercedes die Münchner erst recht das Fürchten lehren.

Auch von Kuenheims Anlauf, mit einem sportlichen Modell neue Käufer zu gewinnen, brachte den Münchnern nicht nur Freude. Mit dem spoilerbestückten 635 CSi rollte BMW im vergangenen Jahr ein Sportcoupé auf den Markt, das selbst dem Vergleich mit Porsche standhalten sollte.

Aber sehr schnell bemerkten CSi-Fahrer eine unangenehme Eigenschaft des BMW-Renners. Das ursprünglich auf eine viel geringere Spitzenleistung ausgelegte CSi-Triebwerk kann bei längerer Vollgasfahrt so heiß werden, daß die Zylinderkopfdichtung durchbrennt und der Motor den Dienst verweigert.

Trotz aller Enttäuschungen wollen die Münchner ihren von Technikern hochgelobten Sechszylinder-Motor unbeirrt weiterentwickeln. Mercedes wird seinen Aluminium-Achtzylinder (fünf Liter Hubraum) in Zukunft auch in der S-Klasse anbieten, und da wollen die Bayern mithalten -- sie bringen einen 745 i auf den Markt.

Hinter der Bezeichnung verbirgt sich bei BMW nicht etwa ein hubraumstarker Großmotor, sondern eben der Sechszylinder, der mittels Turboladung auf 245 PS getrimmt ist.

Auch eine weitere Neuheit der weißblauen Automarke, eine rundum gepanzerte Limousine, ist eher eine Spezialität für einen relativ schmalen Kundenkreis. Für nur 70 000 Mark soll der Panzer-BMW allerdings deutlich preiswerter ausfallen als das Stuttgarter Konkurrenzmodell.

Branchenkenner zweifeln, daß BMW mit diesen Varianten seine Verkaufsprobleme in der Prestigeklasse lösen kann. Denn in Nordamerika, aber auch zunehmend bei den europäischen Nachbarn, ziehen die Käufer der großen Limousinen inzwischen biedere Dieselmotoren vor.

Mercedes verkauft den S-Klasse-Diesel in den USA bereits mit durchschlagendem Erfolg. BMW-Kunden müssen noch warten: Die Münchner haben den Beginn des Diesel-Zeitalters eigenwillig und ganz gegen den allgemeinen Trend erst für 1982 angesetzt.

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