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NEUE HEIMAT Nach Art des Hauses

Kripo und Staatsanwälte durchsuchten die Düsseldorfer Filiale des Baukonzerns: Leitende Mitarbeiter stehen im Verdacht, eine Vielzahl von Straftaten begangen zu haben.
aus DER SPIEGEL 30/1982

Es gab keinen Ausweg mehr.

Vor dem Haupteingang des siebengeschossigen Verwaltungsgebäudes an der Düsseldorfer Vagedesstraße hatten sich am Donnerstagmorgen kurz nach Bürobeginn bewaffnete Polizeibeamte postiert. Die beiden Eingänge an der Prinz-Georg-Straße waren gleichermaßen abgeriegelt. Ausweise wurden kontrolliert, keiner der 450 Beschäftigten durfte das Grundstück verlassen. Drinnen wurde das Treppenhaus bewacht.

Während der gesamten Bürozeit durchwühlten Wirtschafts-Staatsanwälte und Kripofahnder in den drei oberen Etagen Schreibtische und Schränke, Aktenordner und Postmappen.

Die Durchsuchungsaktion, von einer Richterin des Düsseldorfer Amtsgerichts sanktioniert, galt der nordrhein-westfälischen Niederlassung des Baukonzerns Neue Heimat (NH). In den stapelweise beschlagnahmten Unterlagen vermuten die Ermittler Beweise für eine Reihe neuer Fälle von Begünstigungen und, so die Düsseldorfer Staatsanwaltschaft, »Untreue im Zusammenhang mit bestimmten Baumaßnahmen«. Im Verdacht stehen mehrere leitende Angestellte der größten NH-Niederlassung.

Ermittelt wird insbesondere gegen die beiden Düsseldorfer NH-Geschäftsführer Ulrich Hermann und Volker Schweda sowie den ehemaligen rheinischen NH-Chef Günter Lentzler. Sie sollen durch Geschäfte zum eigenen Vorteil und zugunsten von Freunden die NH schwer geschädigt haben.

Zu der Chronik der Skandale und Enthüllungen des gewerkschaftseigenen Baukonzerns hat die NRW-Tochter bereits mehrere Kapitel beigesteuert.

Bei der Errichtung des Aachener Klinikums, des größten bundesdeutschen Krankenhausbaus, überzog die Neue Heimat die Baukosten um mehrere 100 Millionen Mark. Der damalige nordrhein-westfälische Finanzminister Hans Wertz hatte den Genossen von der Neuen Heimat die Generalunternehmerschaft mit besonderen Vollmachten eingeräumt. Damit hatte die NH freie Hand für alle Baumaßnahmen in Aachen und war somit kaum noch kontrollierbar.

Der jetzige Finanzminister Diether Posser reichte schließlich 1979 »wegen des Verdachts der Untreue« Schadenersatzklage gegen Unbekannt ein. Bis heute konnte weder ein parlamentarischer Untersuchungsausschuß noch die Justiz noch der Landesrechnungshof die Ungereimtheiten um das monströse Bauwerk aufklären.

Im April dieses Jahres blieb im rheinischen Neue-Heimat-Filz der erste prominente Politiker hängen. Konrad Grundmann, Präsidiumsmitglied der NRW-CDU, Vizepräsident des Landtags und Mitglied des nordrhein-westfälischen S.29 Neue-Heimat-Aufsichtsrats, hatte sich für den Bau seines Eigenheims in Bad Münstereifel von der gemeinnützigen Firma Preisnachlässe verschafft. Grundmann trat als Landtagsvize, Verwaltungsratschef des WDR und NH-Aufsichtsrat zurück.

Mit dem Grundmann-Skandal kam die Affäre um die rheinische Neue Heimat erst richtig in Gang. Der ehemalige Pressesprecher der NH in Düsseldorf, Claus Schwoerbel, wurde verhaftet, weil er aus der Firmenkasse für sich rund 400 000 Mark abgezweigt haben soll.

Dezent, nach Art des Hauses, hatte die NH versucht, die Affäre zu vertuschen. Schwoerbel wurde zwar entlassen, aber nicht angezeigt. Seine Chefs mußten fürchten, Schwoerbel könnte auch sie mit seinem Insider-Wissen ins Zwielicht bringen. Zu Recht: Schwoerbel bot sein Wissen den Fahndern an und kam frei.

Belastendes Material hat auch der Düsseldorfer Regierungspräsident Achim Rohde zusammengetragen. Rohde, dem die Kontrolle der gemeinnützigen Unternehmen obliegt, verlangte schon nach seinen ersten Recherchen »personelle, gesellschaftsrechtliche und wirtschaftliche Konsequenzen«.

Rohde rieb sich an den sogenannten Ergebnisabführungsverträgen, die 1975 zwischen den lokalen NH-Filialen und der NRW-Zentrale einerseits und zwischen Düsseldorf und der Hamburger Konzern-Zentrale andererseits vereinbart worden waren.

Während das Wohnungsgemeinnützigkeitsgesetz vorschreibt, daß nur bis zu vier Prozent der Kapitaleinlagen als Jahresgewinn ans Mutterhaus abgeführt werden dürfen, ging man bei der NH in die vollen. Allein die Neue Heimat Westfalen überwies im Jahr 1977 mehr als 41 Millionen Mark nach Düsseldorf, das Fünffache ihres Stammkapitals.

Das Geld wurde dringend in Hamburg gebraucht. Der damalige NH-Chef Albert Vietor hatte bei Grundstücksspekulationen im Ausland Millionen verloren. Mit der Gemeinnützigkeitsvorschrift hat das wenig zu tun: Danach sollen Gewinne wieder in gemeinnützige Projekte der Untergesellschaften investiert werden, um billiger bauen und damit die Mieten niedrighalten zu können.

Rohde forderte die Neue Heimat auf, das Geld wieder herauszurücken, ansonsten werde »das Verfahren zur Entziehung der Gemeinnützigkeit eingeleitet«. Die NH klagte vor dem Verwaltungsgericht Düsseldorf und verlor. Auch das Oberverwaltungsgericht Münster gab dem Regierungspräsidenten recht.

Jetzt befaßt sich das Bundesverwaltungsgericht mit den umstrittenen Abführungsverträgen. Verliert die Neue Heimat auch da, kann NH-Chef Diether Hoffmann neu mit dem Aufräumen anfangen: Bundesweit bräche die Finanzkonstruktion des Bauriesen zusammen.

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