François Hollande Abstimmung an der Börse

Haben die Märkte Angst vor der Präsidentschaft von François Hollande? Als Kandidat inszenierte sich der Sozialist als Gegner von Hedgefonds und Reichen. Nach dem Amtsantritt sucht der Politiker nun die Nähe zur Wirtschaft. Unternehmer und Börsianer hoffen auf eine Rückkehr zum Pragmatismus.
François Hollande: Abstimmung an der Börse

François Hollande: Abstimmung an der Börse

Foto: KENZO TRIBOUILLARD/ AFP

Erst stimmten die Franzosen ab, dann die Märkte. Nach dem knappen, aber eindeutigen Sieg des Sozialisten François Hollande schien das Votum an der Pariser Börse zunächst eindeutig auszufallen. Am Morgen rutschten die Kurse kräftig ins Minus. "Eine Art Misstrauensantrag" gegen die demokratische Mehrheitsentscheidung, sagte ein Finanzfachmann.

Schon seit Mitte März gehen die Kurse am Aktienindex der Pariser Börse nach unten. Der CAC-40, der die 40 wichtigsten Werte abbildet, verlor seitdem rund 400 Punkte - offenbar in vorauseilendem Argwohn vor der Machtübernahme der Linken.

"Macht die Linke den Märken Angst?", fragte kürzlich die linke Tageszeitung Libération. Offenbar ja. Gewiss steht keine Kapitalflucht an wie 1981, als nach dem Wahlsieg von François Mitterrand wohlhabende Franzosen ihre Barschaft kofferweise in die Schweiz retteten. Doch François Hollande - berüchtigt seit seiner Einlassung "Ich mag die Reichen nicht" -, gilt nicht gerade als vertrauenerweckender Patron der Spitzenverdiener.

Mit beißender Wahlkampfrhetorik sprach er zum Auftakt der Kampagne im Januar von "dem wahren Feind, der keinen Namen hat und kein Gesicht" und trotzdem regiert. Und zwar die Welt der Finanzen. Hollande rügte Banken, Rating-Agenturen, Spekulationsfonds als "außerhalb jeder Kontrolle, ohne jede Moral". Seine Ankündigung, Jahreseinkommen von mehr als einer Million Euro mit 75 Prozent Steuern zu belegen, sorgte für Verbitterung. Die Maßnahme wurde in den Führungsetagen der Multis als "staatliche Beschlagnahme" gebrandmarkt.

Unter Bankern warnt man vor der Flucht hochkarätiger Trader und Finanzdienstleister ins benachbarte Ausland; Nicolas Sarkozy sah Frankreich im Falle eines Wahlsieges Hollandes bereits "auf den Knien", sein Premier,François Fillon prophezeite "spekulative Attacken in dem Moment, in dem Hollande gewählt ist". "Muss man vor dem zweiten Wahlgang seine Aktien verkaufen oder muss man kaufen?" fragte das Fachblatt "investir" und konstatierte: Die Pariser Börse und Staatsanleihen seien unter Druck.

"Ich bin nicht gefährlich"

Nach dem ersten Schock versuchten es die Unternehmer nun allerdings mit pragmatisch-diskreter Kontaktaufnahme. Die Vereinigung französischer Privatunternehmen, die Union der Metallverarbeitenden Industrie und andere Verbände baten die Sozialisten zu Gesprächen, Foren und Debatten. Als hilfreich erwiesen sich persönliche Bekannte aus dem Umfeld Hollandes. Manche sind Studienkollegen von vorher - auf der Hochschule für Handel (HEC) oder der staatlichen Kaderschmiede ENA.

Auch Hollande selbst versucht, die Wogen zu glätten. "Ich verabscheue nur die irre, unkontrollierte Finanzwelt", versicherte der Sozialist bei einem Kurzbesuch vor Geschäftsleuten in der Londoner City. "Ich bin nicht gefährlich." Tatsächlich verfügt Hollande trotz linker Wahlkampfparolen über ein breites Netzwerk zu Industriekapitänen und Firmenbossen.

Trotz der bestehenden Interessengegensätze bei Arbeitszeit, Flexibilität und Steuererleichterung drängt Hollande darauf, die Brücken zum Patronat nicht abzubrechen und für ein Klima des Vertrauens zu sorgen - nach deutschem Vorbild. "Wir brauchen sie als Partner für die Sanierung des Landes", zitiert ein Wirtschaftsmagazin den PS-Mann Michel Sapin, der als künftiger Finanzminister gehandelt wird.

Zu den wichtigsten Strippenziehern zählt zudem Jean-Pierre Jouyet. Der von Nicolas Sarkozy bestellte Chef der Bankenaufsicht, ehemaliger Europaminister und enger persönlicher Freund Hollandes, fungiert als Pfandfinder zwischen dem linken Lager und den Bastionen des Big Business.

Frankreich drohen Massenentlassungen

Für den angehenden Präsidenten, gerühmt als ausgebuffter Wirtschaftsfachmann, sind pragmatische Beziehungen zur Sicherung des sozialen Friedens von entscheidender Bedeutung: Nach seinem Amtsantritt drohen Frankreich landesweit Firmenschließungen und Massenentlassungen quer durch alle Branchen - von Automobil und Atomkraft bis Stahlindustrie und Transport. Es sind rigorose Maßnahmen, auf die die Bosse mit Rücksicht auf den Wahlkampf von Ex-Staatschef Sarkozy bislang verzichtet hatten.

Die Finanzmärkte beobachten nun genau, welche wirtschaftspolitischen Maßnahmen Hollande ergreift, wie er Schlüsselposten in Finanz- und Wirtschaftsministerium besetzt. Noch genauer wird der erste Haushalt analysiert werden, den Hollande im Juni vorstellen will. Von ihm wird abhängen, ob Frankreich - trotz Krise und der Herabstufung seiner Kreditwürdigkeit durch die Rating-Agentur Standard & Poor's - auch künftig an den internationalen Finanzmärkten Gelder zu günstigen Konditionen aufnehmen kann.

Bis dahin wird Hollande versuchen, das Vertrauen der Märkte zu gewinnen. Am ersten Tag nach der Wahl des Sozialisten stellte sich nach der anfänglichen Aufregung zunächst wieder Ruhe ein. Zum Ende des Geschäftstages notierte der Pariser Aktienindex bei 3214 Punkten - rund 1,65 Prozent höher als am Vortag.