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LEHRSTELLEN Nach der Predigt

Rund 50 000 Jugendliche sind noch ohne Lehrstelle, jetzt muß der Staat einspringen. *
aus DER SPIEGEL 41/1983

Der Kanzler ist bescheidener geworden, und er weiß jetzt, was gut für ihn ist: Für das kommende Jahr, so Helmut Kohl, könne er keine neue Garantie geben, daß jeder willige Jugendliche eine Lehrstelle bekommt.

Wie denn auch: Schon diesmal kam Kohl, der sich vor der Wahl am 6. März persönlich für hinreichende Ausbildungsplätze stark gemacht hatte, nur mit Mühe aus seinem Versprechen heraus.

Zwar haben Industrie und Handwerk viel Verständnis für ihren Kanzler gezeigt und rund 30 000 zusätzliche Lehrstellen angeboten. Doch die Anstrengung reichte nicht. Rund 665 000 junge Leute, so rechnete die Bundesanstalt für Arbeit in der vergangenen Woche vor, bekamen einen Lehrvertrag - eine Rekordzahl. Doch mehr als 50 000 Schulabgänger haben keine Stelle bekommen, und das ist auch ein Rekord.

Offensichtlich hatte Kohl, als er sich für genügend Ausbildungsplätze verbürgte, ganze Gruppen von Lehrstellensuchenden außer acht gelassen: Die überraschend zahlreichen Abiturienten, die aufs Studium verzichten, waren in seiner Rechnung ebensowenig enthalten wie die übriggebliebenen Bewerber des Vorjahres oder Jugendliche, die nach der Schule nur eine Zusatzausbildung zwischengeschoben hatten.

Mit dem überwältigenden Andrang, verteidigt der Parlamentarische Staatssekretär im Arbeitsministerium, Wolfgang Vogt, den Kanzler, habe doch im Frühjahr niemand rechnen können. »Nach der Predigt«, so Vogt an die Adresse der Kohl-Kritiker, »ist der Küster immer klüger als der Pastor.«

DGB-Vorstandsmitglied Gustav Fehrenbach läßt das nicht gelten. »Wir haben«, korrigiert Kohls Parteifreund die Kanzler-Experten, »schon frühzeitig die höhere Nachfrage erkannt.«

Inzwischen ist Kohl und seiner Partei klar, daß die Lage auch in den kommenden Jahren nicht besser wird, im Gegenteil: Für die Union, erläuterte Baden-Württembergs Ministerpräsident Lothar Späth dem CDU-Präsidium, müßten sich die politischen Folgen der Lehrstellenknappheit noch verschärfen. Weil auf Druck des Kanzlers die Wirtschaft alle ihre Reserven schon in diesem Jahr ausgeschöpft

habe, werde in den nächsten Jahren von dieser Seite keine Entlastung mehr kommen.

In den beiden nächsten Jahren werden noch einmal fast ebenso starke Jahrgänge wie 1983 einen Ausbildungsplatz suchen. Der Andrang von Fachschülern und Abiturienten wird ebenfalls nicht nachlassen, sondern stärker werden.

Verschäft wird das Problem noch durch ein geringeres Angebot an Lehrstellen. Der Jahrgang, der 1984 seine Lehre beendet und damit neuen Bewerbern Platz macht, »zählt 40 000 Köpfe weniger als der von 1983«, wie Gewerkschafter Fehrenbach ermittelte. Die Zahl der aussichtslosen Bewerber, fürchtet auch Dieter Mertens vom Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, wird 1984 und 1985 deutlich über 50 000 liegen.

So fühlen sich die regierenden Christdemokraten gedrängt, diesmal mehr zu bieten als ein vages Kanzler-Versprechen. Sie fürchten, wohl mit Recht, daß sich die Lehrstellen-Misere bei Landtagswahlen, etwa in Nordrhein-Westfalen (1985), ungünstig für die Union auswirken könnte.

In ihrer Not werfen die Regierungsparteien nun ideologischen Ballast über Bord. Jahrelang hatten sie von einer Lehrlingsausbildung außerhalb von Betrieb und Berufsschule nichts wissen wollen. Vergangene Woche verkündete Bildungsministerin Dorothee Wilms, die Regierung werde in den nächsten drei Jahren 160 Millionen Mark ausgeben, um vor allem in strukturschwachen Gebieten rund 8000 Mädchen und Jungen in Staatsregie zu Bürokaufleuten und Facharbeitern auszubilden.

Für eine Regierung, die immer wieder die Vorzüge privaten Wirtschaftens ohne Staatseinfluß preist, sieht das Programm der Frau Wilms wunderlich genug aus. Mit öffentlichen Mitteln sollen Fortbildungswerke der Gewerkschaften und der Arbeitgeber, das Christliche Jugenddorfwerk oder der Internationale Bund für Sozialarbeit in eigenen Werkstätten oder in Konkursunternehmen Lehrlinge ausbilden. Auch Arbeitsämter, Handels- und Handwerkskammern sollen Ausbildungsvereine gründen.

Doch der Erfolg des ganzen Unternehmens scheint bereits gefährdet: Die Regierung hat die Gewerkschaften verärgert.

Ohne Absprache mit DGB und DAG nämlich legte das Kabinett fest, wieviel Geld ihre Lehrlinge monatlich bekommen sollen: 395 Mark. Das aber ist weniger, als in den meisten Tarifverträgen vereinbart wurde - »ein genereller Angriff auf die tarifvertraglichen Ausbildungsvergütungen«, konterte Fehrenbach sofort.

Bei den Gewerkschaften regte sich auch gleich der Verdacht, Regierung und Unternehmer versuchten gemeinsam, über die niedrige Entlohnung der Staatslehrlinge alle geltenden Tarife zu drücken. Sie verweisen auf eine Umfrage des CDU-Wirtschaftsrats bei 1200 Mitgliedsunternehmen: Die förderte zutage, daß 43 Prozent der Betriebe sich durch die Höhe der Ausbildungskosten »unerträglich belastet« fühlen.

Die Gewerkschaften bemängeln zudem, daß Bildungsministerin Wilms bei ihren jetzt vorgelegten Plänen zu einseitig vorgegangen sei. So habe sie beispielsweise das 1980 von ihrem Vorgänger Björn Engholm (SPD) vorgestellte Bundesprogramm zur Förderung der Berufsausbildung von benachteiligten Jugendlichen nicht in dem erforderlichen Maße verwirklicht.

Zwar werden, wie im Vorjahr, auch 1983 rund 5000 benachteiligte Sonderschüler und ausscheidende Schulabbrecher gezielt unterstützt. Doch weitere 5000 jugendliche Bewerber, für die schon Lehrstellen und Meister bereitstehen, werden mangels Geld ohne Berufsausbildung bleiben.

Das Engholm-Programm, zu dem sich auch Frau Wilms bekannte ("ein Aufgabenschwerpunkt meiner Bildungspolitik"), trägt nicht nur zu mehr sozialer Gerechtigkeit bei, weil es vor allem Unterschicht-Kinder besonders unterstützt. Es gilt auch volkswirtschaftlich als sinnvoll, weil es gerade jene Zielgruppe fördert, deren Angehörige häufiger als andere auf Dauer zu Sozialhilfeempfängern werden, erst recht, wenn sie ohne Berufsausbildung bleiben.

»Die Leute, die mit dem neuen Programm gefördert werden sollen«, kritisiert der Frankfurter Erziehungswissenschaftler Hans-Joachim Petzold, »finden doch noch eher eine Lehrstelle. Die Benachteiligten aber liegen dem Staat jahrzehntelang auf der Tasche, wenn man sie nicht rechtzeitig unterstützt.«

Dabei haben es schon jene Jugendlichen, die nach Petzolds Ansicht eher eine Lehrstelle finden, schwer genug. Von den 50 000, die dieses Jahr keinen Ausbildungsplatz fanden, sind zwei Drittel Mädchen, meist mit gutem Schulabschluß, die schon länger um eine Ausbildung anstehen.

Die meisten, so der Düsseldorfer Landesarbeitsamtspräsident Olaf Sund, hätten schon eine »Warteschleife« auf weiterbildenden Schulen, die sie eigentlich gar nicht besuchen wollten, hinter sich. Wenn diese Mädchen nun nach einer zusätzlichen Anstrengung wieder keinen Platz fänden, sei das besonders entmutigend, zumal mit zunehmendem Alter die Chancen weiter fielen.

Die Wirtschaft, erkannte Bildungsministerin Wilms, sei an den Grenzen ihrer Ausbildungsmöglichkeiten angelangt. Das herkömmliche Ausbildungssystem, so die Ministerin, habe »die Grenzen seiner Möglichkeit erreicht, Puffer, Wartesaal und Schutz vor Jugendarbeitslosigkeit zu sein«.

Die Schlußfolgerung wird in Bonn noch nicht ausgesprochen: mehr Staat auch in der Ausbildung, selbst wenn es den Verfechtern der Privatinitiative nicht paßt.

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