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England Nach deutscher Norm

Angesichts der Wirtschaftsmisere im eigenen Land setzen immer mehr britische Unternehmer auf die EWG. Wie nie zuvor investieren sie auf dem Kontinent und entwickeln neue Geschäftsstrategien.
aus DER SPIEGEL 30/1972

Wir Engländer haben vieles versucht -- Pfundabwertung, Austerity-Politik, Floating«, erkannte Sir Hugh Wecks, Vorsitzender der Londoner Geschäftsbank Leopold Joseph & Sons Ltd., »aber nichts hat bislang geholfen. Das jetzt ist ein Glücksspiel, und es liegt so etwas wie Verzweiflung darin.«

Als ein Glücksspiel, bei dem man auch verlieren kann, sieht der Bankier Englands Beitritt zur EWG am 1. Januar nächsten Jahres: Für Großbritanniens marode Wirtschaft (Inflationsrate derzeit 6,1 Prozent; 833 000 Arbeitslose; Wirtschaftwachstum 1971: ein Prozent) verheißt die EWG -- mit künftig 257 Millionen Menschen größter Verbrauchermarkt der westlichen Welt -- zwar wieder höhere Wachstumsraten. Aber schon heute steht fest: Mit dem Eintritt in den Wirtschaftsklub wird es unter Britanniens Unternehmen nicht nur Gewinner. sondern auch Verlierer geben.

So werden nach einer Analyse der Börsenmaklerfirma Hoare & Co., Govett, die 37 Wirtschaftszweige untersuchte, zwölf Branchen vom EWG-Beitritt profitieren. Sechs Branchen hingegen müssen mit Nachteilen rechnen, und bei 19 Wirtschaftszweigen gleichen sich Vor- und Nachteile wahrscheinlich aus. Nach der Hoare-Studie können beispielsweise die Autobauer und ihre Zulieferer, Chemieproduzenten, Flugzeughersteller, die Textilfabrikanten, Teppichknüpfer- und Spielzeughersteller mit Verteilen rechnen. Auch für Englands Bauunternehmer wird sich nach Expertenmeinung die EWG als lukrativ erweisen.

Den Herstellern von Haushaltsgeräten, den Maschinenbauern und Spediteuren hingegen wird es schwerfallen, dem verschärften Konkurrenzkampf auf dem erweiterten EWG-Markt ohne Zölle und Handelsrestriktionen standzuhalten. Die wichtigsten. Gründe für das schlechte Abschneiden: Diese Branchen liegen gegenüber ihren EWG-Konkurrenten vielfach zurück. Ihr technischer Leistungsstand ist oft dürftig und die Produktivität gering.

Doch in einem Ausmaß wie nie zuvor reformieren britische Firmenherren in allen Wirtschaftszweigen derzeit ihr Management, entwickeln neue Verkaufsstrategien und suchen nach Investitionsmöglichkeiten auf dem Kontinent, um den Konkurrenten die Märkte streitig zu machen. »Der leichteste Weg, schon jetzt in der EWG Fuß zu fassen«. urteilte J. F. J. Jardine, zuständig für europäische Industrie und Technologie im Londoner Handels- und Industrieministerium, »scheint für viele Unternehmer der Firmenkauf oder die Beteiligung an schon eingeführten Betrieben auf dem Kontinent zu sein.«

Tatsächlich registrierten Handelskammern und Maklerfirmen »einen wahren Run aus London« (so die Brokerfirma Chesham Amalgamations & Investments) auf EWG-europäische Unternehmen. Das britische Bankhaus Singer & Friedlander stellte eine Liste von über 100 englischen und kontinentaleuropäischen Konzernen auf. »Jedes dieser Unternehmen, das eine Firma zu kaufen sucht«, erklären die Banker, »ist britisch. Jede Firma, die verkaufen will, ist kontinental.«

Zwar investieren die Briten schon seit langem eifrig in den Ländern des Gemeinsamen Marktes -- nach den jüngsten offiziellen Zahlen waren es allein von 1968 bis 1970 jährlich rund 700 Millionen Mark*. Aber wie nie zuvor waren Englands Bosse so wie jetzt darauf aus, die vollständige Kontrolle über ausländische Unternehmen zu erlangen.

Spektakuläre Beispiele für die neue Strategie: Londons Konzern für Stahlbau und Verfahrenstechnik Davy-Ashmore kaufte die Bamag Verfahrenstechnik GmbH in Butzbach. die Vickers-Zimmer AG, Frankfurt, Chemiebau Zieren in Köln und die Hallden-Robertson GmbH (Werkzeuge) in Leverkusen. Der britische Pharma- und Kosmetikriese Beecham gliederte sich für rund 110 Millionen Mark Westdeutschlands führendes Klebstoffunternehmen Uhu-Werke ("Im Falle eines Falles ...") in Bühl an. Ende letzten Jahres hatte sich British-American Tabacco für 280 Millionen Mark die Sperrminorität bei der Horten AG gesichert und war -- mit 25,6 Prozent der Aktien -- zum größten Anteilseigner bei Westdeutschlands viertgrößtem Kaufhauskonzern avanciert.

Auch in Italien wurden die Gentlemen aktiv. So kaufte der britische Autokonzern British Leyland Motor Corporation für drei Millionen Pfund die Mailänder Autoschmiede Innocenti S. p. A. Dieses Familienunternehmen hatte bislang vor allem Leylands Minis in Lizenz montiert. Ebenfalls in Italien kaufte Englands Branchenführer für Autozubehör, Joseph Lucas, eine 40-Prozent-Beteiligung an der Konkurrenzfirma Fausto Carello & Co. In Frankreich schluckte das britische Nahrungsmittel-Konglomerat Cavenham für rund 101 Millionen Mark die Sanders SA. Und Englands Kaufhauskonzern Great Universal Stores bemüht sich derzeit, die französischen Hemdenschneider Les 100 000 Chemises mit zwei Fabriken und 40 Läden für 34 Millionen Mark aufzukaufen.

Wie im Produktionsbereich trachten die britischen Unternehmer auch in ihren Absatzorganisationen mehr als früher danach, die volle Kontrolle über alle Marketing-Operationen zu erhalten -- statt wie bisher durch unabhängige. manchmal sogar gegeneinander konkurrierende Vertriebsfirmen ihre Waren verkaufen zu lassen.

Charakteristisch dafür ist zum Beispiel das Vorgehen der British-Leyland-

* Insgesamt bezifferten sich die britischen Investitionen in der EWG Ende 1970 auf etwa 804 Millionen Pfund (nach derzeitigem Kurs 6,2 Milliarden Mark). An der Spitze lag die Bundesrepublik mit 239 Millionen Pfund, dicht gefolgt von Frankreich (223 Millionen Pfund).

Manager. In der Bundesrepublik faßten sie den verzettelten Verkaufsapparat für die meisten Leyland-Marken (mit Ausnahme der Mini-, Midi- und Maxi-Modelle) unter dem Dach der British Leyland Deutschland GmbH zusammen. Später brachten sie ihre Deutschland-Tochter bei dem Düsseldorfer Importeur A. Brüggemann gegen eine 40-Prozent-Beteiligung ein. Auf ähnliche Weise strafften sie die Verkaufsorganisationen in den anderen EWG-Ländern. Ein eigenes Vertriebsnetz baut sich auch der führende britische Pharma-Händler Boots auf. Boots sicherte sich eine 55-Prozent-Mehrheit bei einem italienischen Großhandelsunternehmen für Pharmazeutik und kaufte sich mit 80 Prozent in eine französische Firma ein, die rund 2500 Apotheken beliefert.

Den Run aufs Festland hatte schon im Frühjahr Schatzkanzler Anthony Barber erleichtert. Damals -- als im Unterhaus die Entscheidung für Englands EWG-Beitritt gefallen war -- lockerte er die Bestimmung, nach der Unternehmer jeweils nur bis zu umgerechnet zwei Millionen Mark Devisenkredite für Auslandsinvestitionen aufnehmen konnten. Seither liegt das Limit bei 8,4 Millionen Mark.

Viele Großunternehmen Englands freilich haben die Entscheidung über die EWG-Mitgliedschaft längst vorweggenommen. »Für uns ergeben sich keinerlei dramatische Veränderungen durch den EWG-Beitritt«, meint beispielsweise F. S. Lomax, Europa-Direktor der Beecham-Gruppe. »Unsere Entscheidung für Europa fiel«, so Lomax, »als 1963 de Gaulle »nein« zum EWG-Beitritt Englands sagte.«

Beecham gründete zahlreiche europäische Tochterfirmen, die heute 32,4 Prozent der gesamten Konzern-Gewinne bringen. Auch andere Großunternehmen wie der Chemieriese Imperial Chemical Industries (ICI), der Ölkonzern British Petroleum, die Computer-Hersteller ICL oder die Maschinenbauer Babcock & Wilcox Ltd. kennen sich seit langem im Europa-Geschäft aus.

Gleichwohl hofft mancher Großkonzern, der schon in der EWG produziert, zusätzlich vom Zollabbau zwischen der Wirtschaftsgemeinschaft und England -- in fünf Stufen vom 1. April 1973 bis 1. Juli 1977 -- zu profitieren.

Ford-of-Europe-Chef Paul Lorenz etwa verkündet, daß es mit dem Fortfall der elf Prozent Pkw-Zoll möglich werde, aus den nicht voll ausgelasteten Werken der Autobauer in Großbritannien »ein Maximum an Produktionsausstoß« herauszuholen. Ford verfügt zudem in England ebenso wie British Leyland über große Kapazitäten für den Lastwagen-Bau. Doch auf Briten-Lkw liegt noch ein EWG-Zoll von 22 Prozent. Fällt der Zoll, »könnten englische Lastwagen den Herstellern auf dem Kontinent erhebliche Schwierigkeiten machen«, sorgt sich bereits Italiens Fiat-Boß Giovanni Agnelli.

Die Manager des Chemie-Trusts ICI rechnen vor, daß ihre Exporte in den nächsten Jahren durch den EWG-Beitritt um zusätzlich fünf bis zehn Prozent steigen können. Denn gegenwärtig wird der Absatz britischer Chemie-Produkte in der EWG noch mit Zollsätzen von durchschnittlich elf Prozent gebremst.

Um das Europa-Geschäft besser steuern zu können und der drohenden Konkurrrenz besser gewachsen zu sein, strafften viele Unternehmen ihr Management. So haben die meisten bedeutenden Unternehmen inzwischen ihren »Mr. Europe« in der Vorstandsetage -- einen Mann, der für das gesamte Finanzwesen und Marketing auf dem Kontinent verantwortlich ist.

War es in der Vergangenheit »der größte Fehler. daß die Unternehmen nicht zwischen der Überwachungsfunktion des Managements und den bloßen Tagesentscheidungen differenzierten« (Charles Villiers. Chef der Guinness-Mahon-Bank), so gehen jetzt immer mehr Bosse zur mittel- und langfristigen Unternehmensplanung über.

Die Bemühungen um eine Verbesserung der Firmen-Organisationsstruktur spiegeln sich in der Zahl arbeitslos gewordener Manager wider: 60 000, so schätzt ein Londoner Banker.

Tausende von mittleren und kleinen Betrieben allerdings »haben bislang nichts getan, außer zu beteuern, 'wir müssen die EWG wie unseren Inlandsmarkt behandeln'«, klagt Brian Smith. Direktor der Unternehmensberatung P. A. Management Consultants.

Londons Handels- und Industrieministerium sowie der Industrieverband CBI starteten daher eine umfassende Aufklärungskampagne. Unter dem Schlagwort »Preparing for Europe« druckte das Ministerium beispielsweise Tausende von Broschüren, deren Inhalt von der Übersetzung der EWG-Regeln bis hin zur Erklärung des in England noch weitgehend unbekannten metrischen Systems reicht.

Der Industrieverband rüstete einen Sonderzug mit vier Waggons unter dem Motto »Impact Europe« (Stoßrichtung Europa) als EWG-Seminar für Firmenherren aus. Die Europa-Schule auf Rädern rollte im Mai und Juni in 24 Provinzstädte von Brighton bis Edinburgh. Jeweils 100 Manager lernten, in Vorträgen, TV-Spots und Informationsschriften Chancen und Fallstricke des EWG-Geschäfts kennen »Wir haben eine Menge Möglichkeiten entdeckt«, freute sich etwa Frederick Toffler, Direktor der Metal Alloys (South Wales) Ltd. bei Cardiff.

Daß gerade auch die kleineren Unternehmen vom größeren EWG-Markt profitieren können, davon ist CBI-Sprecher Joe Parr überzeugt. Denn: »Sie sind flexibel, anpassungsfähig und in der Produktgestaltung oft erfindungsreich.«

Typisch dafür, wie sich ein kleines Unternehmen auf die EWG einstellt, ist die Firma Berisfords Ltd. in Congleton (Grafschaft Cheshire), Hersteller von Textilbesatzartikeln wie etwa Kleiderborten (800 Beschäftigte; Umsatz 1971: 2,9 Millionen Pfund).

Mit Investitionen in Höhe von 250 000 Pfund erneuert Berisfords derzeit seinen gesamten Maschinenpark. Produktion und Preise werden von Yard- auf Meter-Basis umgestellt. Vom Handels- und Industrieministerium in London besorgten sich die Berisfords-Manager eine Liste der EWG-Fabrikanten, die verwandte, aber nicht konkurrierende Produkte (beispielsweise Knöpfe, Reißverschlüsse) herstellen. Mit ihnen sucht das Unternehmen Partnerschaftsabkommen für den Vertrieb. Mit einem Transportunternehmen hat Berisfords einen regelmäßigen Auslieferungsservice in bestimmte Zentren auf dem Kontinent vereinbart -- darunter Düsseldorf, Frankfurt, Stuttgart. Brüssel und Amsterdam.

Ähnlich zielstrebig setzt die Elektronikfirma A. B. Electronic Components Ltd. (Umsatz 1971: 6,6 Millionen Pfund) auf den EWG-Markt. Schon jetzt werden die Elektronikteile nach deutscher (DIN-) Norm produziert. Mit einer breit angelegten Anzeigenkampagne auf dem Kontinent will das Unternehmen sich nun als Markenartikel-Hersteller Reputation erwerben.

Skeptiker in Großbritannien freilich fürchten, daß trotz guter Beispiele allzu viele Unternehmen »den Gemeinsamen Markt verschlafen«, so ein Beamter im Handels- und Industrieministerium. Und Ökonomie-Professor John Dunning, Experte für internationale Wirtschaft an der Reading-Universität. prophezeite gar: »Wir werden innerhalb weniger Jahre das größte Firmensterben in der britischen Industrie seit dem Ersten Weltkrieg erleben.«

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