Nach Mehdorns Schmähbrief Parlament fordert den Kotau

„Viel Feind, viel Ehr“ - das scheint zurzeit die Devise zu sein, der sich Bahnchef Hartmut Mehdorn verpflichtet fühlt. Mit seinem rüden Schmähbrief hat er jetzt auch die letzten wohlwollenden Parlamentarier gegen sich aufgebracht. Die fordern eine „ernste Entschuldigung“ - viele halten einen Rücktritt nur noch für eine Frage der Zeit.


Bahnchef Mehdorn: Rückhalt schwindet nach Parlamentarier-Schelte
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Bahnchef Mehdorn: Rückhalt schwindet nach Parlamentarier-Schelte

Berlin - Das Echo aus dem Parlament kam prompt. Der verkehrspolitische Sprecher der SPD, Reinhard Weis, verlangte einen "sehr tiefen Kotau" und eine "ernste Entschuldigung", damit neues Vertrauen entstehe. "Eine Entschuldigung beim Parlament ist das Mindeste, was wir erwarten", unterstrich auch der verkehrspolitische Sprecher der Grünen Albert Schmidt in der "Bild"-Zeitung. In einem Brief an Industrie-Präsident Michael Rogowski, hatte der Bahnchef Verkehrsexperten von Koalition und Opposition vorgeworfen, "im Drei-Tage-Rhythmus... polemisch gegen mich und die Bahn" vorzugehen.

Der Aufforderung der Parlamentarier will Mehdorn nicht nachkommen. Entschuldigungen und Emotionen brächten jetzt niemanden weiter, sagte ein Bahn-Sprecher. Erforderlich sei die Rückkehr zur Sachlichkeit und einem fairen Miteinander, wozu Mehdorn bereit sei. Alle Beteiligten sollten helfen, die Ziele der Bahn zu verwirklichen.

Ob Mehdorn dafür noch lange Zeit bleibt, wird immer unwahrscheinlicher. Nachdem gestern bereits Rücktrittsforderungen aus den Reihen der Opposition erhoben worden waren, werden jetzt auch in den Regierungsfraktionen Zweifel laut. Verkehrspolitiker Weiß räumte Mehdorn "sehr begrenzte Chancen" ein, Vorstandsvorsitzender zu bleiben. Die Tatsache, dass im Kanzleramt über das Jahr des Börsenganges in Abwesenheit Mehdorns diskutiert worden sei, "stempelt ihn zu einem Bahnchef auf Zeit", sagte Weis gegenüber der "Tageszeitung". Am Mittwoch hatte die Bahn - unter maßgeblicher Beteiligung Schröders - den von Mehdorn für 2006 geplanten Börsengang verschoben. Er soll 2007 oder 2008 nachgeholt werden.

Diskussion um Preissteigerungen setzt sich fort

Der Rüffel für das Parlament war selbst Verkehrsminister Manfred Stolpe zuviel. "Das ist ein Punkt, bei dem er sich ganz sicher korrigieren muss. Er hat ohne Frage einige Leute vor den Kopf gestoßen, und ich würde ihn niemals vorschlagen für den diplomatischen Dienst." Dennoch - bislang will Minister an Mehdorn festhalten. Dieser habe die Bahn erfolgreich saniert. Ihn jetzt abzulösen, wäre ein Fehler.

Die Bahn will Mitte Dezember die Preise im Fern- und Nahverkehr anheben. Hoffnungen auf einen Verzicht auf die Preissteigerungen verpasste Stolpe einen Dämpfer. "Ich gehe mal davon aus, dass man um eine Erhöhung wohl nicht herumkommt", meinte er im Berliner Inforadio. SPD und Grüne verlangten erneut einen Verzicht auf die Preissteigerungen.

Stolpe erklärte, der Börsengang sei sicher Hintergrund der Preiserhöhungen gewesen. Der Bahn-Vorstand habe sich vorgenommen, das Unternehmen 2004 in die Gewinnzone zu führen. Allerdings spielten auch die gestiegenen Energiekosten eine Rolle. Diese Aspekte werde der Aufsichtsrat bei seiner Entscheidung über die Preise abzuwägen haben.



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