Nach Zinssenkungsflop Notenbanker im Clinch

Auch die siebte Leitzinssenkung der US-Notenbank in diesem Jahr ist regelrecht verpufft. US-Notenbank-Chef Alan Greenspan scheint mit seinem Latein am Ende.


Kontroverse Diskussionen: US-Notenbank-Chef Alan Greenspan
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Kontroverse Diskussionen: US-Notenbank-Chef Alan Greenspan

Washington - Die Debatten über das Für und Wider weiterer Zinssenkungen werden deshalb im Offenmarktausschuss der Fed, der für die Geldpolitik zuständig ist, nach Angaben von Eingeweihten immer hitziger. "Die Fed ist sich in diesem Punkt überhaupt nicht einig. Das ist kein Geheimnis", sagte Scott Brown, Ökonom bei Raymond James and Associates, dem Sender "CNN". Weil Zinssenkungen sich erst nach frühestens sechs Monaten durch erhöhte Investitionen oder Verbraucherausgaben auswirken, warnen viele, dass die Fed eine Inflationsgefahr heraufbeschwört.

Mehrere Wirtschaftsindikatoren deuten darauf hin, dass die Erholung bevorsteht. Das Verbrauchervertrauen ist relativ ungebrochen, der Index der zehn wichtigsten Konjunkturdaten zeigt seit vier Monaten nach oben. Der fallende Dollar, der in den vergangenen sechs Wochen fast zehn Prozent gegenüber dem Euro verlor, lässt US-Exporteure aufatmen und optimistischer in die Zukunft blicken. Zudem erhalten Millionen von Steuerzahlern in diesen Tagen Schecks mit Rückzahlungen von rund 300 Dollar pro Person von der Steuerbehörde. Das im Frühjahr verabschiedete Steuersenkungsprogramm dürfte die Verbraucher zusätzlich zu neuen Anschaffungen ermuntern.

Wenn diese Impulse sich in den nächsten Monaten richtig auswirken, könnten die jetzigen Zinssenkungen zu einem Zeitpunkt greifen, an dem es längst wieder kräftig bergauf geht, warnen Kritiker. Sie malen das Inflationsgespenst an die Wand. Die Verbraucherpreise sind im Juli zwar so stark zurückgegangen wie seit 15 Jahren nicht mehr, aber das könne sich bei einer Trendwende in der Wirtschaftsdynamik schnell ändern. "Die legitime Sorge, dass die Fed zu viel Liquidität in den Markt gepumpt hat, kann nicht von der Hand gewiesen werden", sagte Bill Cheney, Chefökonom bei John Hancock Financial Services, in einem Fernsehinterview. "Vielleicht müssen sie dann stark zurückrudern, wenn die Wirtschaft sich erholt."

Fed-Chef Alan Greenspan, der dank zahlreicher kluger und zeitlich perfekt terminierter Zinsentscheidungen seit seinem Amtsantritt 1987 als nahezu unfehlbar galt, gerät zunehmend in die Kritik. Die Fed habe die Zinsschraube im vergangenen Jahr zu stark auf ein Neunjahreshoch angezogen. Damals trieb die Fed die Sorge vor einer Überhitzung der seit Jahren boomenden Konjunktur. Doch dann platzte die Technologieblase an den Börsen, die Investitionen wurden abrupt gekürzt. Gleichzeitig zogen die Energiepreise kräftig an. Mit der ersten Zinssenkung im Januar habe Greenspan zu spät reagiert, sagen Kritiker.



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