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Mexiko Nachbarn verärgert

Löhne werden eingefroren, Abgaben erhöht: Mexiko steuert auf schwere soziale Konflikte zu.
aus DER SPIEGEL 2/1995

Im größten Supermarkt von Mexiko herrscht Hochbetrieb. Dicht an dicht schieben die Kunden ihre Einkaufswagen durch die Filiale des US-Handelskonzerns Wal-Mart, in dem sich die wohlhabenden Mexikaner gern mit amerikanischen Produkten eindecken.

Die Abteilung für Elektrogeräte und Fernseher ist praktisch ausverkauft. Auch Möbel sind kaum noch auf Lager. »Die Leute haben Angst«, sagt Filialleiter Jose Antonio d'Avila, »daß wir bald die Preise drastisch erhöhen.«

Die Angst ist begründet. Die 90 Millionen Mexikaner stehen vor einer so schweren wirtschaftlichen Krise, daß sogar Präsident Ernesto Zedillo von »einer schweren Stunde« spricht. Der Verband der mexikanischen Bankiers kommt zu dem Schluß, Mexiko befinde sich in einem »wirtschaftlichen Notstand«.

Das Drama begann kurz vor Weihnachten mit einer reinen Finanzaktion. Zedillo, der erst drei Wochen im Amt war, hatte angeordnet, den Kurs des mexikanischen Peso auf den Devisenmärkten abzuwerten und in Zukunft frei floaten zu lassen.

Der Peso war plötzlich auf den Devisenmärkten nur noch etwa halb soviel wert wie vor einem Jahr. Jäh wurde Mexiko aus dem Traum von der aufstrebenden Industrienation gerissen.

Nun müssen sich die Mexikaner damit abfinden, daß Importwaren drastisch teurer werden. Die Inflationsrate, die im vergangenen Jahr bei für Lateinamerika ungewöhnlich niedrigen 7 Prozent lag, wird 1995 wieder mindestens 20 Prozent ihrer Kaufkraft fressen.

Die amerikanischen Kapitalgeber, die mit 30 Milliarden Dollar zu den größten Investoren in Mexiko zählen, reagierten verärgert und ließen Mexiko wie eine heiße Kartoffel fallen. Sofort zogen sie 8 Milliarden Dollar ab.

Die New Yorker Kapitalexperten hätten es besser wissen können. Der Peso war schon seit Jahren überbewertet. Die ehrgeizige Politik von Zedillos Vorgänger Carlos Salinas hatte das Land offenbar überfordert.

Salinas, ein im amerikanischen Harvard ausgebildeter Ökonom, hatte für einen radikalen Abbau der Zölle gesorgt und verbilligte mit einem künstlich hochgehaltenen Pesokurs die Importe. Die veraltete heimische Industrie wurde so einem brutalen Wettbewerb ausgesetzt, die einheimischen Betriebe brachen reihenweise zusammen.

Mit extrem hohen Zinsen lockte Salinas ausländisches Kapital nach Mexiko. Wallstreet, Weltbank und Internationaler Währungsfonds waren von dem Modell des mexikanischen Präsidenten so begeistert, daß sie kräftig Stimmung für Kapitalanlagen in Mexiko machten.

Der Höhenflug fand ein Ende, als am 1. Januar des vergangenen Jahres eine militärische Revolte von Indios im südlichen Bundesstaat Chiapas die politische Stabilität Mexikos erschütterte. Als auch noch zwei führende Politiker der Staatspartei PRI ermordet wurden und zudem die Zinsen in den USA anzogen, ging die lebenserhaltende Kapitaltransfusion vom nördlichen Nachbarn zurück.

Jetzt drohen in Mexiko wieder verstärkt soziale Konflikte. Vor allem auf dem Lande zeigt sich zunehmende Unzufriedenheit mit den wirtschaftlichen Verhältnissen.

»Dies ist keine Krise der Regierung Zedillo, sondern des politischen Systems«, sagt Lorenzo Meyer, Politikwissenschaftler am Colegio de Mexico. Durch den drastischen Abbau von Arbeitsplätzen und eine restriktive Lohnpolitik wurden die Mexikaner immer ärmer. Die mexikanischen Löhne sind heute niedriger als vor 18 Jahren, gesteht selbst der Arbeitsminister ein.

Im nächsten Jahr braucht Zedillo mindestens 26 Milliarden Dollar für die Rückzahlung von ausländischen Krediten. Die USA und einige andere Industrieländer sowie internationale Banken haben 18 Milliarden Dollar als Überbrückungshilfe zur Verfügung gestellt. Doch das reicht nicht, und es wächst die Gefahr, daß Mexiko eines Tages sogar um die Stundung seiner Schulden bitten muß.

Um das Vertrauen der internationalen Kapitalmärkte zurückzugewinnen, bietet Zedillo wieder nur die alten Rezepte an: »Alle werden Opfer bringen müssen.«

Gemeint ist nicht Mexikos superreiche Oberschicht. Die Löhne werden eingefroren, die Sozialausgaben beschränkt, und die Gebühren für öffentliche Leistungen steigen.

Jose Luis Calva von der Universidad Nacional Autonoma in Mexiko befürchtet, daß dieser Kurs zu schweren sozialen Konflikten führt: »Wenn die Regierung so weitermacht, wird sich Mexiko in ein Pulverfaß verwandeln.« Y

[Grafiktext]

Kurs des Peso zum US-Dollar (1994 - 5. Jan. 1995)

[GrafiktextEnde]

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