Nachhilfe für Unternehmer Der Ethik-Kanon der Uno

Uno-Generalsekretär Kofi Annan will erreichen, dass sich international tätige Konzerne auf neun ethische Grundprinzipien verpflichten. Ein zusätzliches zehntes Gebot soll lauten: Offenheit und Verbot von Korruption.

Von Holger Kulick


Wenn Manager lernen: Jahrestagung des Global Compact in Berlin
Rabe/ GTZ

Wenn Manager lernen: Jahrestagung des Global Compact in Berlin

Berlin - Avoid Corruption - Vermeide Korruption heißt der Titel einer Broschüre für Unternehmen. Herausgegeben hat sie ein dänischer Industrieverband, der an Beispielen erläutert, worauf sich vorbildliche Manager lieber nicht einlassen sollten.

Soll in Niederlassungen in Entwicklungsländern nach dort üblichen Regeln mittels Schmiergeld "mitgespielt" werden? Die Antwort: ein klares Nein. Sollen Chefs darauf eingehen, wenn in manchen Ländern Schutzgeld verlangt wird? Empfohlen wird ebenfalls nein, denn das Risiko sei zu groß, dass sich anschließend ein ruinöser Kreislauf entwickelt, in dem mehr und mehr Gelder gezahlt werden müssen, wenn ein sich darauf einlässt. Wer dagegen sauber bleibe, könne sich eine Menge Folgeprobleme ersparen, raten die Verfasser der Broschüre.

Diese Tage lag sie im Haus der deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) aus. Für drei Tage drückten dort Unternehmensvertreter aus aller Welt gemeinsam mit NGO-Vertretern, Gewerkschaftern und renommierten Fachwissenschaftlern die Schulbank der Vereinten Nationen.

Ethik als Uno-Schulfach

Learning forum war die Veranstaltung überschrieben, die nur um ein Thema kreiste: Wie können ethische Grundsätze, die die Uno für Unternehmer als Spielregeln für die Globalisierung entwickelt hat, real umgesetzt, kontrolliert und bei Nichtbeachtung auch geahndet werden? Die Grundlage dafür hat Uno-Generalsekretär Kofi Annan bereits 1999 gelegt, als er den so genannten Uno-Global-Compact ins Leben rief. Diesem Partnerschaftsbündnis für verantwortungsvolles Handeln können Unternehmen freiwillig beitreten.

Die beteiligten Firmen und Konzerne versprechen dabei schriftlich dem Uno-Generalsekretär, neun Prinzipien in allen Ländern zu erfüllen, in denen sie tätig sind. Dazu zählen Umwelt- und Gesundheitsschutz, Verbot von Kinderarbeit und Diskriminierung, Respekt vor Arbeitnehmerrechten, die Einhaltung der Menschenrechte, aber auch das Streben, vor Ort dazu beizutragen, die Entwicklung der Zivilgesellschaft zu fördern.

Zahnloser Ehrenkodex?

Der Global Compact der Uno verpflichtet beteiligte Unternehmen auf neun Prinzipien: 1. Einhaltung der Menschenrechte 2. Durchsetzung von Menschenrechten im eigenen Einflussbereich 3. Respekt von Arbeitnehmerrechten und Gewerkschaften 4. Abschaffung von Zwangsarbeit 5. Absoluter Verzicht auf Kinderarbeit 6. Verbot von Diskriminierung am Arbeitsplatz 7. Unterstützung vorsorgender Umweltpolitik 8. Initiativen zur Stärkung von Umweltverantwortung 9. Ausbau umweltfreundlicher Techniken Ein zehntes Prinzip über Anti-Korruption soll folgen.
AP

Der Global Compact der Uno verpflichtet beteiligte Unternehmen auf neun Prinzipien:
1. Einhaltung der Menschenrechte
2. Durchsetzung von Menschenrechten im eigenen Einflussbereich
3. Respekt von Arbeitnehmerrechten und Gewerkschaften
4. Abschaffung von Zwangsarbeit
5. Absoluter Verzicht auf Kinderarbeit
6. Verbot von Diskriminierung am Arbeitsplatz
7. Unterstützung vorsorgender Umweltpolitik
8. Initiativen zur Stärkung von Umweltverantwortung
9. Ausbau umweltfreundlicher Techniken
Ein zehntes Prinzip über Anti-Korruption soll folgen.

Mehr als 500 multinationale Firmen sind dem Global Compact bislang beigetreten, den die Uno von einem kleinen, nur mit zwei Millionen Dollar Jahresetat ausgestatteten Büro in New York aus betreibt. Die beteiligten Konzerne sollen künftig auf der Homepage des "Global Compact" (www.unglobalcompact.org) mit ihren Projekten vorgestellt werden, sofern sie vorbildlich handeln. Mitarbeiter, Bürger, Konkurrenten und NGOs können sich im Fall der Nichteinhaltung der Prinzipien beim Global Compact beschweren.

Sanktionen blühen bislang allerdings keine, allenfalls ein Renommee-Verlust durch Streichung aus der Uno-Liste. Sinnvoller wäre "eine Art Richterskala der Pflichterfüllung, mit der jedes Unternehmen öffentlich bewertet wird", regte auf dem Forum der Baseler Entwicklungssoziologe Klaus Leisinger an.

Betrüblich sei, dass sich vor allem amerikanische Firmen vor der Teilnahme am Global Compact drückten und sich in der Praxis schwer mit manchen Prinzipien des Uno-Forums täten, klagten mehrere Unternehmer über ihre US-Konkurrenz. Aber auch in Westeuropa hätten noch zu wenig Firmen die ethischen Prinzipien des Global Compact ausreichend verinnerlicht. So würden panische Manager in Zeiten der Rezession die Ziele des Global Compact allzu rasch als "Luxus" über Bord werfen, bedauerte Salil Tripathi von Amnesty International London.

"Null Toleranz" bei ABB

Dabei gebe es durchaus einen Unterschied in den Managergenerationen zu beobachten, hob Björn Edlund von ABB hervor. Sein in 100 Ländern operierendes Energietechnikunternehmen habe nach der Analyse eigener schwerwiegender Managementfehler business ethics entwickelt, die allen Beschäftigten eingeimpft werden sollen. Dabei verschweigt Edlund eigene Sünden in der bisherigen Firmengeschichte nicht. Doch "ethische und unternehmerische Werte sind untrennbar", heiße es nunmehr in den ABB-Richtlinien, die "null Toleranz" bei Verstößen gegen lokales und internationales Recht und die Unternehmensstandards gebieten.

Vornehmlich jüngere Manager würden diesen Ehrenkodex auch "mit Ehrgeiz" ernst nehmen und im Zweifel einen Auftrag sausen lassen. Auch hätten sie weniger Scheu, sich als whistle blower zu betätigen, also Einhalt zu gebieten, wenn sie von Verstößen anderer gegen die Unternehmensprinzipien erführen. Eine eigene interne Website greife solche Verfehlungen auf.

Hoffnung auf ein zehntes Gebot

Edlund war einer der Referenten, die auf dem Forum der Uno anderen Unternehmern Mut machen sollten, sich einem neuen, zehnten Prinzip zu verpflichten, das Kofi Annan im Zusammenwirken mit der Berliner Finanzkontrollorganisation Transparency International durchsetzen will: das Gebot der Transparenz und Verbot von Korruption.

Herausgefordert seien sowohl Regierungen, als auch private Unternehmen. "Dies ist wie eine Wurst mit zwei Enden, beides gehört zusammen", beschreibt der ehemalige World-Banker und Exekutiv-Direktor von Transparency International, Miguel Schloss die Lage. Unternehmen müssten Regierungen verdeutlichen, "dass sie illegale Gepflogenheiten nicht akzeptieren, um ins Geschäft zu kommen". Experten wie Schloss sehen rigide Öffentlichkeit als Grundbaustein der Beziehungen von Unternehmen zu Verwaltungen. Nur auf diese Weise entstehe Druck, durch den sich auch korrupte Staaten ändern würden, die erfolgreich wirtschaften wollen. Unerlässlich sei aber auch der Anstand von Banken, die helfen müssten, die Herkunft ominöser Geldflüsse aufzudecken.

"Integrity compact"

Global-Compact-Chef Georg Kell: "Ich bin zuversichtlich, dass auch Unternehmen ein Eigeninteresse an Transparenz haben"
Rabe/ GTZ

Global-Compact-Chef Georg Kell: "Ich bin zuversichtlich, dass auch Unternehmen ein Eigeninteresse an Transparenz haben"

Für den Leiter des Global Compact, Georg Kell, und seine Projektleiterin Ellen Kalinowsky ist solch ein "Integrity Compact" das zentrale Ziel, das rasch erreicht werden müsse. Denn um Unternehmensethik weltweit durchzusetzen, plant die Uno bis Ende 2003 eine Konvention gegen Korruption. Dafür sei, kalkuliert Kell, auch der Druck von Unternehmern wichtig, die deutlich machten, dass "ein ureigenes Interesse an einer solchen Übereinkunft besteht", um ihr langfristiges Wirtschaften abzusichern. Andernfalls fehle auch dem Global Compact eine entscheidende Grundlage, um in seinen übrigen neun Prinzipien ernst genommen zu werden.

Dass sich solche Standards auszahlen, ist sich der ABB-Manager Björn Edlund aus eigener Erfahrung sicher. Jedes Mauschelgeschäft habe nur eine durchschnittliche Halbwertzeit "von drei Jahren, kommt aber dann in der Regel zur Explosion", rechnet er vor. Der Schaden für ein Unternehmen sei dann in der Regel so beträchtlich, dass es langfristig sehr viel kostengünstiger sei, auf Fairplay zu setzen - mit den Grundregeln des Global Compact als eine Art license to operate. Überdies fördere der Verzicht auf Korruption ein ganz wesentliches Unternehmeranliegen, meint der gebürtige Schwede. Die Geschäfte würden billiger.



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