Nachrichten-Kahlschlag bei Sat.1 Horror vor den Medien-Heuschrecken

Der Spar-Eklat um Sat.1 versetzt Politiker und Gewerkschafter in Alarmstimmung. Die Sorge: Der Sender könnte erst der Anfang sein - in der SPD gibt es schon Forderungen, Beteiligungen von Finanzinvestoren in der Medienbranche zu begrenzen.

Von


Hamburg - Die Revolution beim Fernsehsender Sat.1 wurde mit einfachen Worten bekannt gegeben. "Bei der anstehenden Programmreform werden einige Formate ersetzt", sagte Konzernchef Guillaume de Posch heute auf der Hauptversammlung von ProSiebenSat.1 in München. Dies habe leider auch personelle Konsequenzen für die Beschäftigten: Mit sofortiger Wirkung werden die Nachrichtensendungen "Sat.1 am Mittag" und "Sat.1 am Abend" gestrichen, insgesamt fallen rund 200 Jobs weg.

Sat.1-Spielshow "Deal or no Deal" (mit Moderator Guido Cantz): Unterhaltung statt Information
DDP

Sat.1-Spielshow "Deal or no Deal" (mit Moderator Guido Cantz): Unterhaltung statt Information

Was de Posch so schnell dahin sagte, hat nicht nur die betroffenen Mitarbeiter entsetzt. Die gesamte deutsche Medienlandschaft ist in Aufruhr. Von CSU bis SPD, von Gewerkschaftern bis zur Medienaufsicht: Alle sind sich einig, dass es so nicht geht.

Ein großer Sender wie Sat.1, der unter dem Renditedruck seiner Eigentümer das Nachrichtenprogramm zusammenstreicht - das ist ein Tabubruch. Natürlich hat Sat.1 bisher kein Intellektuellenfernsehen gemacht. Doch die Sorge ist groß, dass nun nur noch "Schwachsinn" produziert wird - wie es Manfred Helmes ausdrückt, der Direktor der Landesmedienanstalt Rheinland-Pfalz. Unbegründete Panikmache? Oder steckt mehr hinter den Befürchtungen der Kritiker?

Fest steht: Die Finanzinvestoren KKR und Permira, denen die Senderkette ProSiebenSat.1 gehört, haben ordentliche Renditeerwartungen. Von jedem eingenommenen Euro sollen 30 Cent als Gewinn übrig bleiben. Derzeit kommt das Unternehmen auf eine Umsatzrendite von 24 Prozent.

Auf herkömmlichem Weg können die Erwartungen der Eigentümer kaum erfüllt werden. Deshalb werden die Programme mit den höchsten Produktionskosten radikal gestrichen - und das sind die Nachrichten.

In der Politik schrillen nun die Alarmglocken. Denn möglicherweise ist Sat.1 nur ein Versuchsballon, und der Großangriff der Heuschrecken steht erst noch bevor. "Ich sehe durchaus diese Gefahr", sagt SPD-Medienexpertin Monika Griefahn SPIEGEL ONLINE. "Deshalb brauchen wir für Finanzbeteiligungen an Medienunternehmen dringend eine Begrenzung."

Derzeit plant die Große Koalition, sensible Schlüsselindustrien vor ausländischen Staatsfonds zu schützen. Bisher dachte man dabei vor allem an Rüstungs- oder Energiefirmen. In der Debatte müsse man aber auch die Finanzinvestoren in der Medienbranche berücksichtigen, fordert Griefahn. "Das gehört unbedingt mit dazu."

Mit ihrer Sorge steht die Sozialdemokratin nicht alleine. Auch CSU-Generalsekretär Markus Söder geißelt die Sat.1-Pläne als "verheerendes Signal für den Medienstandort Deutschland". Es könne nicht angehen, "dass ein Privatsender auf seine Informationssendungen verzichtet, obwohl er ursprünglich die Lizenz für ein Vollprogramm erhalten hat".

Wer steckt hinter den Investoren?

Tatsächlich prüft die zuständige Landesmedienanstalt in Rheinland-Pfalz, ob Sat.1 die Sendelizenz entzogen werden könnte. "Es stellt sich die Frage, ob man die Medien anonymen Investoren ausliefern sollte", sagt Direktor Helmes SPIEGEL ONLINE. "Niemand weiß, wer wirklich dahinter steckt."

Nach Auffassung von Gewerkschaftern liefern Permira und KKR ein Musterbeispiel für das Vorgehen von Finanzinvestoren. "Das ist absolut typisch", sagt Ver.di-Medienexperte Martin Dieckmann. Zunächst hätten sie den Kauf von ProSiebenSat.1 über Schulden finanziert - und anschließend die Rückzahlung der Kredite dem übernommenen Unternehmen aufgebürdet.

Wegen der drückenden Schuldenlast steht ProSiebenSat.1 nun in der Pflicht, seine Kosten zu senken. Gleichzeitig schrauben die Eigentümer die Renditewünsche nach oben. "Es kann mir niemand erzählen, dass man mit einer Umsatzrendite von 24 Prozent nicht zufrieden sein kann", sagt Dieckmann. "Aber es müssen ja unbedingt 30 Prozent sein."

Wäre ProSiebenSat.1 seinerzeit an den Axel Springer Verlag gegangen, wäre heute alles nur halb so schlimm, sagt der Gewerkschafter. "Die können auch mit einer Rendite von 20 Prozent leben." Doch das Kartellamt untersagte das Geschäft, und die Heuschrecken kamen zum Zug.

Vier Milliarden Euro Schulden

Seit vergangenem Monat kommt noch ein anderes Problem hinzu: die Fusion von ProSiebenSat.1 mit der europäischen Senderkette SBS. Die Deutschen haben das Unternehmen für viel Geld gekauft, seitdem sind sie der größte Privatsender Europas.

Doch das Geschäft ist durchaus pikant: Denn auch an SBS waren Permira und KKR beteiligt. Durch den 3,3 Milliarden Euro teuren Deal kam nun reichlich Geld in die Kassen der Finanzinvestoren - ProSiebenSat.1 hingegen blieb auf den Kosten sitzen. "Brancheninsider berichten, dass SBS für einen zu hohen Preis gekauft worden ist", sagt Gewerkschafter Dieckmann. Insgesamt summieren sich die Schulden von ProSiebenSat.1 mittlerweile auf vier Milliarden Euro.

Sat.1 betont, die aktuellen Programmumstellungen hätten nichts mit den Eigentümern zu tun. Für Dieckmann ist das ein vorgeschobenes Argument. "Natürlich mischen sich die Finanzinvestoren nicht in das operative Geschäft ein. Aber wenn man solche Renditeforderungen stellt, ergibt sich doch automatisch, was daraus folgt."

insgesamt 1754 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Heinz Meier, 17.07.2007
1.
Zitat von sysopGerichtsshows und Soaps statt Nachrichten: Ist Deutschlands Privatfernsehen zu flach geworden - oder machen die Sender einfach nur das, was die Leute sehen wollen?
Flach? Wer braucht mehr auf der Erden Scheibe ? ;-)
David Leon 17.07.2007
2.
Zitat von sysopGerichtsshows und Soaps statt Nachrichten: Ist Deutschlands Privatfernsehen zu flach geworden - oder machen die Sender einfach nur das, was die Leute sehen wollen?
Wie der Zuschauer so das Programm. Wie die Wähler so die Politiker. Wie die Politiker, so der Staat
propaganda, 17.07.2007
3. das sat1 mittagsmagazin
war an flachheit nicht zu unterbieten. was soll die ganze aufregung also?
balduinbandwurm 17.07.2007
4. Söder
"Im Nachhinein muss man sich fragen, warum Herr Söder Ereignisse immer nur "im Nachhinein" kommentiert. Hoffen wir dass ab Oktober auch Herr Söder von Gestern sein wird...
sperrache 17.07.2007
5.
das privatfernsehen hilft mir auf jeden fall die stromkosten flach zu halten
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.