Nächster Rettungskandidat Bürgermeister verlangen Staatshilfe für Hertie

Opel, Arcandor - und jetzt Hertie? Eine Initiative von Bürgermeistern will die insolvente Kaufhauskette in letzter Minute mit Staatsgeld retten. Die Lokalpolitiker ziehen nicht nur die öffentliche Hand zur Verantwortung, sondern auch die Deutsche Bank.

Frankfurt am Main - Die Diskussionen über eine mögliche Staatshilfe für den Karstadt-Mutterkonzern Arcandor   sind in schönster Blüte - da trommelt der Rendsburger Bürgermeister Andreas Breitner schon zum Kampf für ein weiteres Krisenunternehmen: "Wenn es Hilfe für Arcandor gibt, muss es auch Hilfe für Hertie geben", sagt der SPD-Politiker.

Hertie in Köln: Bürgermeister wollen die Traditionsmarke doch noch retten

Hertie in Köln: Bürgermeister wollen die Traditionsmarke doch noch retten

Foto: DDP

Breitner ist eines der Stadtoberhäupter, die zur Rettung ihrer örtlichen Hertie-Filiale einen Brief an ihr jeweiliges Wirtschaftsministerium geschrieben haben. Insgesamt hätten sich bereits rund 40 Politiker der Aktion angeschlossen, sagen die Autoren des Schreibens - mit von der Partie sind etwa auch Bingens Oberbürgermeisterin Birgit Collin-Langen und Bürgermeister Günter Ditgens aus Wesseling. Vor zwei Wochen hatte die Gläubigerversammlung der insolventen Kaufhauskette nach einem zähen Überlebenskampf beschlossen, den Betrieb in den verbleibenden 54 Häusern endgültig einzustellen.

"Hertie hat, als oftmals einziges Kaufhaus in der Innenstadt, für die Klein- und Mittelstädte größere Bedeutung als Karstadt für die Großen", heißt es in dem Brief. Hertie stehe wegen der großen Bedeutung für so manche Kleinstadt "im selben Verhältnis Staatshilfen" zu wie Arcandor. Den Autoren zufolge haben sich schon über 40 der insgesamt 50 betroffenen Städte und Gemeinden der Rettungsaktion angeschlossen.

Mit dem Aufstand der Bürgermeister scheint der Alptraum der Bundesregierung wahr zu werden. Nach der Opel-Rettung droht der Staat für immer mehr Krisenfirmen zur Kasse gebeten zu werden. Zwar betont Berlin beharrlich, nur ein volkswirtschaftlich unentbehrliches Unternehmen dürfe auf öffentliche Unterstützung hoffen - doch die Formulierung lässt offenkundig Spielraum für Interpretation.

Für den Rendsburger Bürgermeister Breitner etwa ist Hertie wirtschaftlich kaum ersetzbar. Sollte das direkt im Zentrum gelegene Kaufhaus tatsächlich dicht machen, drohe nicht nur der Verfall der Immobilie. Viele kleine Geschäfte der 30.000-Einwohner Stadt in Schleswig-Holstein würden gemeinsam mit dem legendären Warenhaus untergehen, fürchtet das Stadtoberhaupt. "Immer mehr Leute werden in Einkaufszentren auf die grüne Wiese fahren", prophezeit Breitner. Die Innenstadt verliere so wichtige Kundschaft. "Da geht es zwar nur um ein paar Prozent Umsatz, aber das sind die paar Prozent, wegen denen dann bei den Kleinen Schluss ist." Ähnlich sehe es fast in allen kleinen Ortschaften aus, die von der Insolvenz betroffen sind.

Appell an die Deutsche Bank

Nicht nur der Staat soll deshalb für die Zukunft des Unternehmens zur Verantwortung gezogen werden. Auch bei Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann will Breitner mit seinen Amtskollegen vorsprechen. Der Hintergrund: Die Deutsche Bank   hatte Kredite für den Finanzinvestor Dawnay Day - dem aktuellen Besitzer der Hertie-Immobilien - arrangiert und verbrieft, also deren Verkauf am Kapitalmarkt organisiert. Den Briten wiederum wurden im Zuge der Insolvenz harsche Vorwürfe seitens des Insolvenzverwalters und der Hertie-Belegschaft gemacht. Dawnay Day hätte für die Kaufhäuser horrende Mieten verlangt - und so letztendlich den Untergang der Traditionsmarke Hertie provoziert.

Die Deutsche Bank habe nichts getan, um das zu verhindern, empört sich Bürgermeister Breitner - deshalb ziehe man nun nach Frankfurt. "Die Bank soll Einfluss darauf nehmen, dass Dawnay Day endlich marktübliche Preise verlangt", sagt der Bürgermeister.

Weil Breitner und seine Kollegen sich der Bedeutung öffentlicher Aufmerksamkeit durchaus bewusst sind, haben sie gar nicht erst nach einem Termin beim Deutsche-Bank-Vorstand verlangt. Vielmehr ist eine Art Flashmob-Aktion (mehr auf SPIEGEL WISSEN...)  geplant: Die Truppe will einfach überraschend in der Konzernzentrale auftauchen und Einlass in die Führungsetage begehren.

Doch selbst wenn sie vorgelassen werden - viel ausrichten werden sie in Frankfurt vermutlich kaum. Denn zumindest Deutschlands größtes Geldhaus kann für Hertie wohl wenig bewirken. Ein Sprecher der Bank betont, das Haus sei selbst kein Kreditgeber und verfolge deshalb auch keine eigenen wirtschaftlichen Interessen. Und in seiner "Eigenschaft als Verwalter der Kredite für Kapitalmarktinvestoren" habe das Geldinstitut sich im Rahmen seiner Möglichkeiten für eine konstruktive Lösung eingesetzt.

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