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AFFÄREN Nächtliches Büro-Gestöber

Im Kampf gegen Indiskretionen bespitzelte die Deutsche Telekom sogar eigene Top-Manager. Ein Maulwurf könnte zudem bei »Bild« geschnüffelt haben.
Von Frank Dohmen und Klaus-Peter Kerbusk
aus DER SPIEGEL 8/2009

Die Erklärung schien einfach und plausibel: Die Verräter sitzen im Aufsichtsrat - und dort natürlich auf der Arbeitnehmerseite. So in etwa versuchen Telekom-Manager noch heute zu erklären, was nicht zu erklären ist: dass bei dem Bonner Konzern in den Jahren 2005 und 2006 Hunderttausende Telefongesprächsdaten ausgewertet und mehr als 60 Aufsichtsräte, Journalisten und Gewerkschafter bespitzelt wurden.

Eine Art Notwehr sei das gewesen, so die Lesart vieler damals und heute verantwortlicher Manager der Deutschen Telekom AG. Zwar müsse man illegale Methoden wie die Erhebung von Telefondaten verurteilen. Andererseits hätten Arbeitnehmervertreter wie der damalige Konzernbetriebsrat Wilhelm Wegner nachweislich geheime Informationen aus dem Aufsichtsrat an die Presse gespielt.

Doch die schlichte Argumentation gerät immer mehr ins Wanken. Nicht nur, weil Wegner die Weitergabe geheimer Informationen bis heute bestreitet und die Telekom keine Beweise vorlegen konnte. Interne Untersuchungen belegen jetzt zudem, dass der Konzern keineswegs nur Gewerkschafter und Journalisten überwachte.

Neben den illegalen Aktionen der berüchtigten Konzernsicherheitsabteilung KS 3 um deren in Untersuchungshaft sitzenden Leiter Klaus Trzeschan gab es ein weiteres, von der damaligen Telekom-Spitze um Kai-Uwe Ricke legitimiertes Bespitzelungsprogramm. Dabei wurden auch Ex-Manager und amtierende Vorstände umfänglich überprüft. Selbst Aufenthaltsorte wurden ausgespäht.

Der Grund: Noch lange nach Wegners Enttarnung als vermeintlicher Verräter tauchten immer wieder vertrauliche Telekom-Interna in den Medien auf. Mal ging es um Aktienoptionsprogramme für Top-Manager, mal um Details über die Reduzierung der Belegschaft oder die Zahl der Auszubildenden.

Es war die Zeit, als der damalige Telekom-Chef Ricke zunehmend in die Kritik geriet und sich seine Kollegen immer heftiger in internen Machtkämpfen zerrieben. Die jetzt im Zuge der Aufarbeitung der Spitzelaffäre aufgetauchten Dokumente zeichnen ein erschreckendes Bild über den Zustand des Konzerns und belegen ein Betriebsklima von Misstrauen und Verfolgungswahn bis in den Vorstand.

Unter ständiger Beobachtung der Konzernsicherheit stand quasi die gesamte ehemalige und damals aktuelle Firmenspitze. Neben Ex-Telekom-Chef Ron Sommer und seinem Pressesprecher Jürgen Kindervater galten viele auch amtierende Spitzenmanager als Verdächtige - darunter Personalchef Heinz Klinkhammer, Festnetzchef Walter Raizner und Finanzvorstand Karl-Gerhard Eick, der demnächst zu Arcandor wechselt.

Um Lecks im Unternehmen zu finden, schlichen die Sicherheitsbeamten in Geheimdienstmanier nachts durch die Bonner Konzernzentrale. Fax-Protokolle wurden kopiert, Dokumente auf Schreibtischen gesichtet, Terminplaner durchstöbert und Papierkörbe durchwühlt.

Bisweilen wurde sogar bis ins Privatleben geschnüffelt. So wurden etwa »die Aufenthaltsorte der Herren Raizner und Eick an verschiedenen Tagen im Oktober 2006« ermittelt, heißt es in dem SPIEGEL vorliegenden E-Mails der Konzernsicherheit. Grund: Die Schnüffler unterstellten beiden geheime Kontakte zur Presse.

Um noch schneller reagieren zu können, bastelten die Sicherheitsleute sogar an einem detaillierten »Konzept für die Ermittlungen der Indiskretionen«, das dem Vorstand vorgelegt wurde. Es sah unter anderem das »Erstellen von Profilen« oder das »Erkennen von Beziehungsgeflechten« vor. Die Telekom, so das Ziel, sollte »vom Getriebenen zum Treiber« werden, damit man »agieren statt reagieren« könne.

Wie so etwas konkret aussehen sollte, lässt sich am Beispiel der »Bild«-Zeitung erahnen, die im Herbst 2006 ins Visier der Bonner Späher geriet. Über entsprechende Ermittlungen wurde offenbar auch der damalige Firmenchef Ricke - noch kurz vor seiner Ablösung durch René Obermann - informiert.

»Bezüglich der 'Bild'-Zeitung« seien zunächst »Interna aus Redaktionssitzungen« des Boulevardblatts erwähnt worden, heißt es in jetzt ausgewerteten Papieren. Dabei ging es etwa um die Zeitpunkte, zu denen der zuständige Redakteur geplante Artikel in der Redaktionskonferenz vorstellte oder um seine Kontakte in Ministerien und Unternehmen.

Außerdem fanden die internen Ermittler einen maschinengeschriebenen Vermerk, aus dem sich ergebe, »dass auch eine Quelle ('Maulwurf') aus der 'Bild'-Zeitung dortige Interna« an die Telekom weitergegeben habe. Möglicherweise geschah das mit Hilfe eines externen Unternehmens, das von der Telekom beauftragt worden war.

So habe »die Quelle« unter anderem auf Einträge im Smartphone des zuständigen »Bild«-Redakteurs verwiesen. Ob es den Schnüffler tatsächlich gab oder ob sich ein Sicherheitsmitarbeiter mit dem Bericht nur wichtig machen wollte, ist nach Angaben der Telekom bislang unklar.

Allerdings ist es nicht der erste Verdacht von Schnüffelwahn. Bereits ein Jahr zuvor sollen die Bonner Spähtrupps einen Maulwurf beim Wirtschaftsmagazin »Capital« eingeschleust haben.

Trotz aller Geheimdienstmethoden und diverser Verstöße gegen den Datenschutz waren die Recherchen der Telekom am Ende aber offenbar wenig ergiebig. Die »Maßnahmen«, heißt es in internen Ermittlungsakten, brachten »keine Anhaltspunkte bzw. Belege für die Weitergabe vertraulicher Informationen«. FRANK DOHMEN, KLAUS-PETER KERBUSK

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