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Verlage Nahezu unsichtbar

Ein konservativer Schwabe kauft Die Zeit. Die Redaktion erwartet den unauffälligen, aber erfolgreichen Verleger mit gemischten Gefühlen.
aus DER SPIEGEL 18/1996

Wie immer war es Herausgeber Theo Sommer, der in der hanseatisch unterkühlten Stimmung der Zeit-Redaktion bewegende Worte fand. Der Verkauf des Blattes an die Holtzbrinck-Gruppe sei ein tiefer sentimentaler Einschnitt nach 50 Jahren Familiengeschichte, erklärte der Journalist am vergangenen Freitag - und er sprach der Redakteursversammlung aus dem Herzen.

Mitherausgeber Helmut Schmidt übernahm - ganz Elder Statesman - den beruhigenden Teil. Der neue Herr der Zeit, so gratulierte der Altkanzler, sei ein genau geprüfter, verläßlicher Partner, der das Blatt zu einem guten Preis erworben habe.

Sieben Monate nach dem Tod des Zeit-Verlegers und -Garanten Gerd Bucerius ist das Intelligenzblatt für 140 Millionen Mark in den Besitz des konservativen Verlegers Dieter von Holtzbrinck übergegangen. Für das Blatt, das im vergangenen Quartal erstmals in die Verlustzone rutschte, ein großzügiger Preis.

»Wenn Holtzbrinck mit seinem Einsatz eine schnelle Mark machen wollte, gäbe es bessere Wege«, meint Chefredakteur Robert Leicht. Der neue Besitzer verpflichtete sich, die Zeit im Sinne des Gründers fortzuführen, den Standort Hamburg zu sichern und das Redaktionsstatut aufrechtzuerhalten.

Bucerius selbst habe im Jahre 1993 bereits einen fast unterschriftsreifen Vertrag mit Holtzbrinck gehabt, ihn wegen Krankheit jedoch nicht zum Abschluß bringen können, sagt Leicht. Dies habe nun dessen Lebensgefährtin Hilde von Lang in seinem schriftlichen Auftrag postum erfüllt.

Schon 1980 hatte Bucerius sein Lebenswerk absichern und 24,9 Prozent dem Bertelsmann-Konzern verkaufen wollen, doch das Kartellamt lehnte ab. Die Umarmung durch den Riesen aus Gütersloh hatten viele Redakteure gefürchtet, doch was haben sie von dem neuen Käufer zu erwarten?

Dieter von Holtzbrinck gehört zu den stillen Größen der Republik. Seine Firmen seien besser zu führen, wenn »wir nahezu unsichtbar sind«, glaubt der Stuttgarter Unternehmer.

Unauffällig hat der studierte Ökonom nach dem Tod des Vaters im Jahr 1983 das Medienreich ausgebaut, eine schwäbische Mischung aus Geist und Geld. Mit rund 9000 Mitarbeitern erlöst Holtzbrinck inzwischen knapp drei Milliarden Mark, nur Bertelsmann und der Axel Springer Verlag sind deutlich größer.

Die Zeit verleiht dem Imperium gediegenen Glanz. Zu den Prunkstücken gehören auch Buchverlage wie S. Fischer, Rowohlt, Kindler oder Droemer Knaur, die Holtzbrinck zum größten deutschen Literaturverleger machen. In der Wirtschaftspresse ist er mit den Objekten Handelsblatt, Wirtschaftswoche und DM ebenfalls eine feste Größe - und er läßt, sagen die Betroffenen, den Redaktionen ihre Autonomie.

Das Unternehmen war mit Buchklubs groß geworden, doch die stieß der Edelmann rigoros ab. Statt dessen legte er sich in rascher Folge regionale Tageszeitungen wie den Konstanzer Südkurier und den Berliner Tagesspiegel zu, weltweit kaufte er Buchverlage auf. Für den größten unabhängigen britischen Verlag Macmillan zahlte er 1995 eine halbe Milliarde Mark. Und mit Beteiligungen an rund 15 deutschen Rundfunkstationen ist er, quasi nebenbei, einer der größten Radiounternehmer Deutschlands.

Die rastlose Expansion kann der Mediengigant zu Niedrigzinsen finanzieren. Die Banken reißen sich um ihn, gern würden sie ihn auch zum Börsengang überreden. Doch davon will Holtzbrinck nichts wissen: Das Unternehmen soll in der Hand der Familie bleiben.

Der sparsame Verleger lenkt sein Imperium aus einem Beton-Klotz in einer gutbürgerlichen Wohngegend auf der Stuttgarter Gänsheide. Im karg eingerichteten Chefbüro ist ein Gobelin einziger Luxus. Nur rund 40 Personen arbeiten in dem riesigen Trakt.

Holtzbrinck sei »einer der angesehensten Verleger, ein kühler und überlegter Rechner«, urteilte der verstorbene Zeit-Verleger Bucerius bereits Ende der achtziger Jahre. Doch die Redaktion erwartet den weithin unbekannten Retter mit einem »diffusen Gefühl« (Redakteur Benjamin Henrichs).

Vom 1. Juli an können sich die Mitarbeiter ein eigenes Urteil bilden. Dann wird der neue Verleger als aktiver Geschäftsführer bei der Zeit einsteigen.

Daß das »Dahinschlummern der Zeit in verkrusteten Strukturen« ein Ende habe, hofft die Betriebsratschefin Uschi Nestler. Chefredakteur Leicht sieht das ähnlich: »Mit der Unterstützung von Holtzbrinck kann die Zeit nunmehr wieder ins Risiko gehen und sich unternehmerische Wagnisse leisten.«

Die Bucerius-Stiftung ist mit dem Verkauf der Zeit einige Sorgen losgeworden, aber sie hat sich dafür neue eingehandelt. »Bis zur nächsten Kuratoriumssitzung Mitte Dezember wird sich die Stiftung ein neues Profil geben müssen«, sagt Sommer.

Es wird zu entscheiden sein, welchem guten Zweck die Bucerius-Millionen künftig dienen sollen. Y

Das Imperium wird aus einem Beton-Klotz gelenkt

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