Nahrungsnot Wissenschaftler gibt Währungsfonds Schuld an Hungerkrisen

Spekulanten treiben die Lebensmittelpreise in die Höhe, immer mehr Menschen hungern - und laut Walden Bello ist der IWF daran schuld. Dessen Politik habe die Landwirtschaft in vielen Staaten zerstört, sagt der Globalisierungskritiker im Interview. Seitdem habe sich der Mangel drastisch verschlimmert.

AFP

SPIEGEL ONLINE: Mister Bello, neben Faktoren wie Spekulation, Biosprit-Boom und den Auswirkungen des Klimawandels machen Sie vor allem die Politik für die grassierenden Nahrungsmittelkrisen verantwortlich. Wieso das?

Bello: Die Politik hat mit der Liberalisierung des Welthandels Strukturen geschaffen, die vielen Entwicklungsländern die Grundlage zur Selbsternährung genommen hat. Konkret ist daran der Internationale Währungsfonds ( IWF) Schuld. Der hat in den neunziger Jahren Ländern, die seine Kredite brauchten, Strukturanpassungsprogramme aufgezwungen. Mit dem Ergebnis, dass Entwicklungsländer, die sich vor einiger Zeit noch selbst versorgen konnten, Nahrungsmittelimporteure geworden sind. Die Liberalisierung des Handels hat viele Farmer in den Ruin getrieben. Die Philippinen sind dafür ein Beispiel.

SPIEGEL ONLINE: Woher kommen die Importe?

Bello: Vor allem aus den hochsubventionierten Landwirtschaften der Vereinigten Staaten und Europas. Die haben unsere Farmer aus dem Geschäft gedrängt, denn philippinische Bauern bekommen keine oder nur sehr geringe Subventionen. Das ist die Tragödie der Liberalisierung. Da geht es nicht um freien Handel. Das ist ein Kampf der USA und Europas um die Märkte des Südens.

SPIEGEL ONLINE: Was hat denn die Importabhängigkeit mit den steigenden Preisen zu tun?

Bello: Wenn erst einmal die Infrastruktur, also die Produktionskapazität für landwirtschaftliche Güter, durch diese Politik ruiniert ist, können Spekulanten die Lage leicht verschlimmern. Wer importiert, muss schließlich Weltmarktpreise zahlen. Wir können diese Faktoren kaum voneinander trennen.

SPIEGEL ONLINE: Wie können Länder wie die Philippinen diesem Teufelskreis entkommen?

Bello: Kurzfristig muss die Regierung die Lebensmittelversorgung der Armen subventionieren. Und es muss Preiskontrollen geben. Ich möchte noch einen anderen Faktor zufügen, und zwar den steigenden Ölpreis. Der wird ja auch von Spekulanten hochgetrieben. Landwirtschaft hängt in so großem Maße vom Öl ab, dass jeder Anstieg des Ölpreises zu einem Anstieg der Nahrungsmittelpreise beiträgt. Wenn wir also einen Anstieg verhindern wollen, müssen wir Preiskontrollen bei Benzin, bei Öl, bei Kerosin durchsetzen. Mittelfristig müssen wir die Handelsliberalisierung zurückschrauben und über Quoten und Einfuhrbarrieren verhindern, dass unsere Landwirtschaft durch Billigimporte zerstört wird. Langfristig benötigen wir eine vernünftige Kontrolle des Bevölkerungswachstums und eine umfassende Landreform.

SPIEGEL ONLINE: Welche Möglichkeit sehen Sie, die globale Spekulation einzudämmen?

Bello: Es könnten Gesetze gegen Spekulanten erlassen werden, doch das müsste global geschehen. Bis dahin hilft nur, staatlicherseits die lokale Lebensmittelproduktion anzukurbeln. Die Philippinen haben im vergangenen Jahr einige Anstrengungen in dieser Richtung unternommen. Die Produktion 2010 war die höchste seit langer, langer Zeit.

SPIEGEL ONLINE: Sie sprechen sich also für einen starken, regulierenden Staat aus?

Bello: Definitiv. Er muss mehr in die Landwirtschaft investieren. Momentan ist das Rückgrat unserer Ökonomie der Export von Arbeit. Das Land hängt von Geldsendungen unsere Arbeiter im Ausland ab. Das muss sich ändern.

SPIEGEL ONLINE: Können die Philippinen jemals wieder Reis-Exporteur werden?

Bello: Daran glaube ich nicht. Das Beste, was wir erreichen können, ist, uns selbst zu ernähren. Zuletzt waren wir Anfang der achtziger Jahre Reisexporteur. Unser Ziel muss sein, uns halbwegs selbst versorgen zu können, damit wir nicht zur Geisel instabiler internationaler ökonomischer Kräfte werden.

Das Interview führte Thilo Thielke



insgesamt 46 Beiträge
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Seite 1
syracusa 29.08.2011
1. Importzölle!
Zitat von sysopSpekulanten treiben die Lebensmittelpreise in die Höhe, immer mehr Menschen hungern - und laut Walden Bello ist der IWF daran schuld. Dessen Politik habe die Landwirtschaft in vielen Staaten zerstört, sagt der Globalisierungskritiker im Interview. Seitdem habe sich der Mangel drastisch verschlimmert. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,782773,00.html
Die 3. Welt braucht genau das Gegenteil von Handelsliberalisierung. Vor allem um ihre Landwirtschaft, aber auch andere Produktionszweige zu schützen, braucht die 3. Welt Importzölle. Hochsubventionierte, industriell produzierte Nahrungsmittel aus der 1. Welt müssen mit einem Zoll von 100% belegt werden. Nur durch die Sanierung ihrer Binnenwirtschaft können die Staaten der 3. Welt genesen!
kalle blomquist 29.08.2011
2. Fakten!
Zitat von sysopSpekulanten treiben die Lebensmittelpreise in die Höhe, immer mehr Menschen hungern - und laut Walden Bello ist der IWF daran schuld. Dessen Politik habe die Landwirtschaft in vielen Staaten zerstört, sagt der Globalisierungskritiker im Interview. Seitdem habe sich der Mangel drastisch verschlimmert. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,782773,00.html
Gedankenlos wird nachgequatscht, was alle sagen. Nur stimmen tut es nicht: Es ist nicht wahr, dass "immer mehr Menschen hungern". Bitte mal nachschauen in Wikipedia, unter Welthungerindex. Dort werden die 29 Länder mit dem schlechtesten Hungerindex aufgelistet, im Vergleich zwischen 1990 und 2010. In diesen 20 Jahren haben sich zwei Länder verschlechtert (Kongo und Burundi), zwei oder drei sind gleichgeblieben, und in allen anderen ist der Hunger ZURÜCKGEGANGEN. Wohlgemerkt, der Rückgang des Hungers könnte schneller erfolgen. Jeder der hungert, ist einer zuviel. Aber die Journalisten sollten recherchieren, bevor sie dumme Klischées nachbeten, wie das "immer mehr Menschen hungern".
spawn478 29.08.2011
3. Überbevölkerung
Solange die Weltbevölkerung weiter explodiert und niemand, weder Kirche noch Regierungen, geeignete Maßnahmen dagegen ergreifen, solange muss man sich gar nicht mit so etwas profanem wie Hungerkrisen beschäftigen. Man wird sie nämlich nicht in den Griff bekommen können. Allein seit meiner Geburt sind 3 Milliarden Menschen dazugekommen. Und mit besserer Medizin wird das Problem nicht kleiner, sondern größer. So zynisch das auch ist: Eigentlich braucht dieser Planet mal einen ordentlichen Atomkrieg. Oder eine Pandemie. Allein das Bevölkerungswachstum hat schon sämtliche Anstrengungen, die Klimabelastung zu reduzieren, zunichtegemacht. 7 Milliarden Menschen brauchen immer mehr Platz, immer mehr Nahrungsmittel. Und produzieren dadurch immer mehr Schadgase. Der Regenwald wird immer schneller abgeholzt, um die Futtermittel für Millionen und Abermillionen Tiere zu produzieren. Was gleich doppelt schadet, denn neben mehr Methan wird so auch weniger CO2 gebunden. Und es wird nur immer schlimmer. Biosprit ist so ziemlich die dümmste Sache, die man sich vorstellen kann. Statt Mais als Lebensmittel zu verwenden wird mittlerweile über die Hälfte des weltweiten Anbaus zur Energieerzeugung verwendet. Mit verheerenden Folgen für die Ernährungssituation. Ein Abschwächen der Bevölkerungsexplosion ist nicht zu erkennen, im Gegenteil: die Kurve ist mittlerweile fast exponentiell. In 50 Jahren kann man mit 15 Milliarden Menschen rechnen. Was kann man dagegen tun? Krieg führen (ein Atomkrieg zwischen Indien und Pakistan würde schon reichen). Oder Zwangssterilisationen durchführen. Denn auf den gesunden Menschenverstand kann man nicht hoffen, warum sonst sollten Menschen, die sich schon selber nicht ernähren können, weiter Kinder bekommen? Na ja, vielleicht kommt ja auch bald ein entsprechend großer Asteroid, der das Problem beseitigt. Wie groß das Problem jetzt schon ist? In den kommenden 40 Jahren müssen wir soviele Nahrungsmittel herstellen wie in den letzten 8000 Jahren zusammengenommen.
i.schmelzer 29.08.2011
4. katastrophal
Nicht dass ich irgendwas für den IWF übrig hätte, ich würde sogar zustimmen, wenn man diese Organisation für eine Menge verschiedenster Verbrechen und Katastrophen verantwortlich macht. Denn freier Welthandel braucht keine internationalen Organisationen. Es reicht völlig, wenn die Staaten ihre Einmischung in den Handel abbrechen. Was hier vorgeschlagen wird, ist allerdings die vorprogrammierte Katastrophe - Preiskontrollen, und Kampf gegen "Spekulanten". Als wenn es 70 Jahre Kommunismus nicht gegeben hätte. Ja, sicherlich, die westliche Landwirtschaft ist hoch subventioniert. Und diese Subventionierung ist in der Tat problematisch und sollte so schnell wie möglich abgeschafft werden. Allerdings schadet diese Subventionierung nicht der Dritten Welt. Im Gegenteil, sie nutzt denen, die dort (nicht von ihren Steuergeldern subventionierte) Nahrungsmittel billiger kaufen können als von den lokalen Anbietern. Generell können ökonomische Dummheiten wie Subventionen in einem Staat anderen Staaten nicht schaden, zumindest nicht wenn man den Abbruch jedes Handels als Alternative nimmt. Handel nutzt beiden Seiten selbst dann, wenn eine Seite (durch Subventionen) eine völlig irrationale Politik verfolgt. Die Selbstversorgung eines Landes ist außerdem kein Wert an sich - das wäre sie lediglich für aggressive Regierungen, die in den von ihnen gewünschten Kriegen von solch einer Selbstversorgung abhängig wären.
cowboy21 29.08.2011
5. Ein Blick um die Ecke hätte nicht geschadet
Neben der IWF-Politik kommt bei den Phillipinen auch noch die ausgeprägte eigene Oligarchie hinzu. Dies äußert sich dort in extremer sozialer Ungleichheit udn politisch motivierter Gewalt. Andere asiatische Staaten wie China, Thailand und Vietnam, aber auch hochentwickelte Staaten wie Südkorea, Taiwan und Japan haben die Einfuhren von Grundnahrungsmitteln (vor allem Reis) beschränkt. Zumindest China, Thailand und Vietnam sind heutzutage selbst mächtige Reisexporteure geworden. China und Vietnam haben bei der Armutsbekämpfung - unbehindert von eigener Oligarchie enorme Erfolge erzielt. In Afrika kann man von Staaten wie Mocambique Ähnliches behaupten.
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