Namenswechsel Bangalore - ab sofort die "Stadt der gekochten Bohnen"

Bangalore - der Name steht für Globalisierung und Hightech made in Indien. Jetzt allerdings muss sich die Welt umgewöhnen: Die indische Metropole hat sich in "Bengaluru" umgetauft. Nicht aus Spaß, sondern aus handfestem politischen Kalkül.

Von Joachim Hoelzgen


Hamburg - Der indische Schriftsteller U. R. Ananthamurthy kämpft wie ein David gegen die Auswüchse des Informationszeitalters und gegen das Vergessen alter indischer Traditionen. Nun hat er diesen Kampf für sich und seine Anhänger entschieden. Denn Bangalore, die Hightech-Metropole Indiens und das Emblem für Call Center, Software und Outsourcing, trägt einen neuen Namen. Der lautet seit dem 1. November Bengaluru, was auf Deutsch "Stadt der gekochten Bohnen" bedeutet.

Ausländern mag der Namenswechsel unzeitgemäß und exotisch erscheinen – vor allem solchen, die in den Entwicklungslabors großer Konzerne wie Microsoft Chart zeigen, Intel Chart zeigen, IBM Chart zeigen, und SAP Chart zeigen in Bangalore tätig sind. Bengaluru? Das schade dem Markennamen Bangalore, befürchtet zum Beispiel Alexius Collette vom niederländischen Elektronikkonzern Philips Chart zeigen, der in der Stadt einen "Innovation Campus" betreibt.

Für den weißbärtigen Intellektuellen Ananthamurthy aber, Träger der höchsten Literaturauszeichnung Indiens, ist die Namensänderung nur logisch. "Auch die Klasse der Elite muss wahrnehmen, dass es ein Bengaluru gibt", spricht er und meint damit dramatische Veränderungen, die mit dem Aufstieg Bangalores zur Globalisierungszentrale und Sechs-Millionen-Stadt einhergegangen sind.

Shopping Malls und neue Apartmenthäuser stoßen hier an Slums, in denen das Trinkwasser rar ist und Stromkabel über Schuppen und Gassen herabhängen. Smog scheint in dem urbanen Moloch alles zu durchdringen. Schlaglöcher machen Straßen zu Kraterpisten, halbfertige Überführungen ragen ins Nichts.

Das Chaos berührt inzwischen auch einheimische Software-Riesen wie Wipro und Infosys, die ihren Eignern zwar extravagante Reichtümer verschafft haben, nun aber ganze Abteilungen in andere IT-Städte wie Bombay und Hyderabad auslagern. Von weltweit 41.600 Mitarbeitern beschäftigt Infosys nur noch 16.500 in dem wilden Bangalore.

Soziale Temperatur auf dem Siedepunkt

Mit dem Verlust an Arbeitsplätzen auch in anderen Sektoren hat die soziale Temperatur in Bangalore einen Siedepunkt erreicht, für den auch die politischen Parteien ein Ventil suchten – die Umbenennung der Stadt kam da gerade zur rechten Zeit.

Denn Bangalore alias Bengaluru ist auch die Hauptstadt des Bundesstaats Karnataka, der 56 Millionen Menschen zählt und den seit Anfang dieses Jahres eine konservative bis fundamentalistische Koalition regiert. Sie besteht aus der Bauernpartei Janata Dal und der Hindu-Partei Bharatiya Janata (Indische Volkspartei) und hat als gleichfalls neuen Regierungschef des Bundesstaats einen Bauern, Filmemacher und Politiker in einem: H. D. Kumaraswamy, ein Champion der Armen im Süden des Subkontinents, der bei ihnen populär wurde, weil er Filme in der Landessprache drehte, dem Kannada.

Für Chefminister Kumaraswamy war der neue Bangalore-Name eine ausgemachte Sache und die Sprache Kannada ein Mittel der politischen Veränderung. Aktivisten seiner Partei klebten seit langem Poster mit Aufschriften wie "Rettet das Kannada" und "Jobs für die Kannada-Sprecher" in der Stadt. Die Kannada-sprechende Bevölkerung fühlte sich ausgegrenzt und in die Slums abgedrängt, während Bauland von früheren Regierungen des Bundesstaates gratis an die Software-Unternehmen abgegeben wurde. Dort sprach man nicht einmal Hindi, sondern hauptsächlich Englisch.

Schließlich kam es im Frühjahr zum Aufruhr, weil der Kannada-Filmstar Rajkumar – eine Art Halbgott in Südindien – gestorben war. Rajkumar, der einmal vom meistgesuchten indischen Verbrecher in die Dschungel Karnatakas verschleppt worden war, galt als ein Wortführer der Sprachbewegung. Die Trauer nach seinem Tod war so groß, dass eine hysterische Menschenmenge brandschatzend durch Bangalore zog.

Rückbesinnung auf Sage aus dem zehnten Jahrhundert

Der Mob zündete Geschäfte und ein Microsoft-Labor an. Alles in allem betrugen die Produktionsausfälle der IT-Branche an diesem Tag 160 Millionen Dollar.

Nun soll die Umbenennung Bangalores die Gemüter der Kannada-sprechenden Menschen beruhigen und irgendwie mit den Mogulen der Software-Kaste aussöhnen. Der neue Name stammt aus dem zehnten Jahrhundert, als sich der Sage nach ein Prinz bei der Jagd verirrt hatte. Müde und hungrig traf er auf eine alte Frau, die ihm hilfsbereit eine Mahlzeit aus Bohnen kochte.

Zum Dank hielt der Prinz die Erinnerung an die Bohnenspeise fest und gab dem Ort seinen ursprünglichen Namen: Bendakaalooru – ein Zungenbrecher, aus dem wiederum Truppen der Kolonialmacht England Anfang des 19. Jahrhunderts Bangalore machten.

U. R. Ananthamurthy, der jüngst auch die Frankfurter Buchmesse besuchte, auf der Indien Gastland war, verweist gern auf die Sage der Namensgebung. Denn er befürchtet, dass mit der Globalisierung in der Palmenwelt Südindiens nichts mehr beim Alten bleibt, nichts mehr in sich ruhen wird. Und auch Indiens Vielfalt aus 23 Nationalsprachen und Hunderten von Dialekten könnte verschwinden.

Aus Mysore wird Mysuru, aus Mangalore Mangaluru

"In Bangalore kann man Französisch oder Spanisch lernen und die Taxifahrer sprechen Englisch mit amerikanischem Akzent," hat der Dichter beobachtet. "Aber wissen die eigentlich, dass sie schon immer in Bengaluru lebten?"

Nun, mit dem noch frischen Namenswechsel, der mit dem 50. Gründungsjahr des Bundesstaates Karnataka zusammenfiel, wissen alle Bescheid.

Es ist nicht die erste Umbenennung von Städten in Indien: Mitte der neunziger Jahre nannte die Landesregierung von Maharashtra Bombay in Mumbai um, die Regierung von Tamil Nadu fand für Madras den Namen Chennai. Und aus Kalkutta wurde Kolkata. Grund war damals, sich von der Namensgebung der ehemaligen britischen Kolonialmacht zu distanzieren. Fragt man Inder in den betreffenden Städten, so sind ihnen die neuen Namen geläufig - aber benutzt werden sie nur von einer Minderheit.

Und weil die Regierung von Karnataka schon dabei war, taufte sie jetzt gleich mehrere Städte um: Die Millionenstadt Mysore, Metropole des Sandelholzes, heißt seit Anfang November Mysuru. Und Mangalore, die Hafenstadt von Karnataka, trägt ebenfalls einen neuen Namen: Mangaluru.



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