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MOTORRÄDER Nase vorn

Der Motorrad-Boom rollt und rollt. Die deutschen Hersteller sind hoffnungslos abgeschlagen, japanische Firmen beherrschen den Markt in allen Klassen.
aus DER SPIEGEL 40/1981

Anfang September machte die Firma Honda nach eigener Einschätzung »wieder einen Schritt Motorradgeschichte«. Im Spessart stellten die Japaner das erste Motorrad der Welt mit Turbo-Antrieb vor.

Das neue Modell, das im Stadtverkehr etwa 20 Prozent weniger Sprit schluckt als eine herkömmliche Maschine, soll dem japanischen Unternehmen auch in Zeiten ständig steigender Spritpreise weiterhin zu flottem Absatz verhelfen.

Nötig haben die Motorrad-Hersteller den Turbo-Dreh allerdings nicht. Die Ölverteuerungen konnten bislang den Bundesbürgern noch nicht die Lust am benzingetriebenen Zweirad nehmen, ebensowenig wie die hohen Versicherungsprämien. Im Gegenteil: Der Motorrad-Boom, der vor etwa zehn Jahren mit Slogans wie »Die Freiheit, die der Mann sich wünscht« gezündet wurde, hält noch immer an.

Zwar sind die Zuwachsraten nicht mehr so groß wie Anfang der siebziger Jahre, als die Branche innerhalb von zwei Jahren ihren Absatz mehr als verdoppelte. Aber: In absoluten Stückzahlen erzielten die Motorrad-Fabrikanten auch in diesem Jahr wieder einen Verkaufsrekord.

Insgesamt 103 675 Maschinen, 13 Prozent mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres, brachten die Motorrad-Firmen von Januar bis Juni 1981 an den Mann -- und manchmal sogar an die Frau.

Sparsame Antriebe sind dabei nicht unbedingt gefragt: Am besten gingen die schweren Maschinen mit einem Hubraum von mehr als 500 Kubikzentimetern weg. Allein in dieser Klasse verkauften die Händler etwa 10 000 Maschinen mehr als im ersten Halbjahr 1980 und steigerten so den Marktanteil der unter Kennern »Elefanten« genannten Kräder auf 42 Prozent.

Dichtauf folgen die Gefährte mit einem Hubraum von 350 bis 500 Kubikzentimetern. Etwa jede dritte Maschine, die neu zugelassen wurde, gehörte zu dieser Gruppe, die unter Motorrad-Fahrern S.87 als »Mittelklasse« gehandelt wird.

In der Verkaufsstatistik führt Honda klar bei den schweren und mittelschweren Maschinen, es folgt der japanische Hersteller Yamaha.

Schon seit Jahren haben Honda und Yamaha alle anderen Konkurrenten auf dem deutschen Markt weit hinter sich gelassen. Jedes dritte Motorrad, das in diesem Jahr neu zugelassen wurde, war eine Honda. Yamaha liegt mit einem Marktanteil von über 28 Prozent unangefochten auf dem zweiten Platz.

Zusammen mit ihrer landeseigenen Konkurrenz Kawasaki (Marktanteil: 14,4 Prozent) und Suzuki (9,2 Prozent) verkaufen die vier aus dem Fernen Osten den Deutschen 86 von 100 Maschinen.

Die deutsche Traditionsmarke BMW dagegen, deren Motorräder immer noch einen guten Ruf genießen, kommt gerade noch auf einen Marktanteil von 7,8 Prozent.

Die Spitzenstellung der Japaner hat gute Gründe. Auch der von den Kunden beklagte häufige Modellwechsel und gelegentliche Schwierigkeiten bei der Lieferung von Ersatzteilen haben daran wenig geändert: Die Asiaten sind trotz der Yen-Aufwertung immer noch erheblich billiger als BMW; und sie reagieren weitaus schneller und flexibler auf die Kundenwünsche.

Das zeigte sich erst jetzt wieder bei den sogenannten Leichtkrafträdern. Vor zwei Jahren hatten sich die Motorrad-Hersteller und das Bundesverkehrsministerium darauf verständigt, daß diese Modelle, die bis zu 80 Kubikzentimeter Hubraum haben dürfen, von diesem Jahr an die knatternden und stinkenden 50-Kubikzentimeter-Motorräder ablösen sollten.

Um den umweltfreundlicheren Maschinen einen guten Einstand zu verschaffen, erlaubten die Behörden, daß die neuen Leichtkrafträder schon von 16jährigen mit einem Führerschein der Klasse 1 b gefahren werden können. Überdies kündigten die Versicherungen für die Mini-Kräder besonders günstige Prämien an.

Wer allerdings geglaubt hatte, auch die westdeutschen Motorrad-Hersteller hätten sich auf den Start der neuen Klasse im Januar 1981 vorbereitet -etwa durch attraktive und preiswerte Modelle --, der wurde eines besseren belehrt.

Die Japaner waren zur Stelle: Honda und Yamaha hatten, gleich nachdem die neuen Bestimmungen in Kraft getreten waren, die 80-Kubikzentimeter-Modelle auf Lager. Die deutschen Hersteller hingegen vertrösteten ihre Vertragshändler, sie mußten Lieferschwierigkeiten eingestehen. Nur die Fichtel & Sachs-Tochter Hercules konnte genügend Maschinen ihres Modells »Ultra 80« liefern. Zündapp dagegen mußte Kaufwillige auf längere Lieferzeiten hinweisen. Kreidler konnte gar erst ab Juli das entsprechende Modell bieten.

Mehr Geschick als beim Verkauf von Motorrädern bewiesen die Deutschen dagegen in der Bekleidungs- und Zubehör-Branche. Auf der Essener Fachmesse Zweirad-Chick präsentierte eine westdeutsche Firma außer Schmierfetten und Nippelspannern, Nabenputzringen und Lederkombinationen jetzt auch ein spezielles Parfum für den Motorrad-Fahrer.

Da haben die Deutschen dann endlich mal die Nase vorn.

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