Nervöse Börse Anonymer Brief lässt Aktie von Julius Bär abstürzen

Die Nervosität der Finanzmärkte bekam am Freitag der Schweizer Vermögensverwalter Julius Bär zu spüren. Ein anonymer Brief genügte, um den Börsenkurs um satte 41 Prozent einbrechen zu lassen. Erst ein energisches Dementi von Bär-Chef Johannes de Gier kann den Ausverkauf stoppen.


Zürich - Ein Brief mit Sprengkraft: Während der Vorstand von Julius Bär Chart zeigen den Jahresabschluss präsentierte und Fragen zu Details seiner Bilanz beantwortete, sackte der Aktienkurs des Vermögensverwalters plötzlich durch. Zum Teil ließen sich die Verkaufsorders mit dem leichten Gewinnrückgang erklären und mit den insgesamt trüben Aussichten für das Jahr 2009. Doch ein Kursverlust von zeitweise 41 Prozent?

Zentrale von Julius Bär: Position nicht korrekt verwaltet
REUTERS

Zentrale von Julius Bär: Position nicht korrekt verwaltet

Schnell hatten die Bär-Leute die Ursache ausgemacht. Ein Brief, der an die Schweizer Bankkommission Finma gerichtet war, hatte seinen Weg zu den Börsenhändlern gefunden und machte dort die Runde. Der anonyme Schreiber bezichtigte die Bank darin, ihre Geschäftszahlen zu schönen und Verluste verschleiert zu haben - in Zeiten, in denen Banker gemeinhin als gierig und skrupellos gelten kommt solche eine Anschuldigung einer Verurteilung gleich.

Bär-Chef Johannes de Gier erkannte die Gefahr und suchte den Weg an die Öffentlichkeit. Er berichtete seinen Zuhörern auf der Bilanzpressekonferenz von der Existenz des Schreibens, und wies die Vorwürfe gleichzeitig kategorisch zurück, zunächst ohne Einzelheiten zu nennen. Es habe im Oktober einen kleinen Vorfall im Handel gegeben, der "absolut irrelevant" und angemessen geregelt worden sei, erklärte de Gier: "Absolut nichts dran".

Später reichte die Bank eine ausführlichere Erklärung nach: Ein früherer Händler habe 2008 eine Position mit Anleihen nicht so verwaltet, wie es ihn aufgetragen worden sei. Die Position sei dann im Einklang mit internationalen Vorschriften bankintern umgebucht worden, es sei ein unrealisierter Buchverlust von fünf Millionen Franken entstanden. Der Jahresbericht sei vom Wirtschaftsprüfer KPMG abgenommen und von der Finma bestätigt worden. Die Bank stehe auch in Kontakt mit der Börse über mögliche Ermittlungen über Marktmanipulationen.

Ein Analyst der Bank Sarasin bestätigte, wirtschaftlich sei Bär kein Schaden entstanden. Im Hinblick auf die Kommunikation sei die Bank allerdings nicht sehr professionell vorgegangen. Auch die Finma stärkte dem Vermögensverwalter den Rücken. Erste Maßnahmen habe die Bank damals ergriffen, sagte ein Sprecher. Die Finma sei mit der Angelegenheit noch befasst.

Die schnelle Reaktion half, die Verluste an der Börse wieder wettzumachen - wenigstens zum Teil. Etwa eine halbe Stunde vor Börsenschluss notierte die Bär-Aktie noch 9,9 Prozent schwächer auf 29,90 Franken.

Ein Teil der Verluste dürften allerdings auch den von de Gier vorgetragenen Geschäftszahlen geschuldet sein: Der Gewinn von Julius Bär ging 2008 um 25 Prozent auf 852,3 Millionen Franken zurück. Die verwalteten Vermögen, die Ertragsbasis der Bank, sanken im Gefolge der schwachen Finanzmärkte, eines starken Frankens und weil institutionelle Anleger Geld abzogen, um 32 Prozent auf 275 Milliarden Franken.

Im Vermögensverwaltungsgeschäft für reiche Privatkunden konnte die Bank nach de Giers Worten zwar jeden Monat etwa tausend neue Kunden und über das Jahr netto Neugeld von 22 Milliarden Franken gewinnen. Das bisher als relativ konjunkturresistent eingeschätzte Geschäft mit der Vermögensverwaltung für Reiche wird, so befürchtet der Bankchef angesichts der Krise eine Konsolidierung durchlaufen. Trotzdem werde die Bank neue Vermögensverwalter einstellen, die üblicherweise dann Kunden mitbringen. Zwar werde 2009 ein hartes Jahr, aber die Bank werde ihren Marktanteil ausbauen können.

mik/Reuters/Dow Jones



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