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ZIGARETTEN Nette Menschen

Die Hersteller wehren sich gegen die Anti-Raucher-Kampagne. *
aus DER SPIEGEL 46/1986

Keine schönen, bunten Bilder vom Genuß im Stil der neuen Zeit, keine Sprüche von Freiheit und Abenteuer. In Großanzeigen kommt der Zigarettenkonzern Reemtsma ohne Umschweife zur Sache. »Rauchen? Oder nicht ...«, heißt es in fetten Lettern.

Na klar, es soll geraucht werden. Mit der Annonce werden die Leichtmarken R 1 und R 6 stark gemacht. Der Text endet mit einem Bekenntnis »vieler Raucher": »Ich rauche gern!«

Deutliche Worte scheinen den Zigarettenherstellern dringend geboten. Zunehmend fühlen sich die Tabakfabrikanten unter Druck gesetzt.

Die Nichtraucher lassen sich immer eindringlicher über die Gefährdungen des Zigarettenrauchens aus. Rauchen, einst Inbegriff weltmännischer Lebensart, ist zum Makel geworden.

Die mächtigen Tabakkonzerne mußten es hinnehmen, daß Krankenkassen und Anti-Raucher-Kreise mit Sprüchen wie »Wer raucht, ist ein Camel« oder »Wer küßt schon gerne Nikotin« die Raucher immer mehr verunsicherten. In Bonn fordern Politiker quer durch alle Parteien höhere Tabaksteuern, ebenso wie Werbebeschränkungen für Zigaretten und ein Verbot der Zigarettenautomaten.

Manche Wissenschaftler raten gar dazu, das Rauchen am Arbeitsplatz zu verbieten. Tabakqualm, so ihre These, gefährde auch die Gesundheit von Nichtrauchern.

Solche Warnungen und Kampagnen haben offensichtlich Wirkung gezeigt. In diesem Jahr werden in der Bundesrepublik mehr als zwei Milliarden Zigaretten weniger geraucht, das ist ein Minus von etwa zwei Prozent gegenüber 1985.

»Es ist dringend notwendig«, sagt Ferdi Breidbach, Sprecher der Münchner Zigarettenfirma Philip Morris, »daß wir uns gegen die massiven Angriffe auf unser Produkt zur Wehr setzen.« Schließlich sei die Zigarette »ein legales Genußmittel und keine Droge«.

Noch vor einem Jahr war Reemtsma-Chef Jürgen Peddinghaus von der Konkurrenz für das allzu forsche Auftreten seines Unternehmens gerügt worden. Auf Plakaten und in Anzeigen für die Marke R 1 stand unter den Bildern fröhlicher Menschen nur ein Satz: »Ich rauche gern.« Seitdem macht Reemtsma mit diesem Spruch kräftig Reklame.

»In Bonn«, tadelte ein Zigarettenmanager den Kollegen Peddinghaus, »gibt es Leute, die nur auf solche Gelegenheiten warten, um sich ins Gespräch und uns ins Gerede zu bringen. Man dürfe »die Politiker nicht provozieren.

Doch inzwischen herrscht unter den Großen des Gewerbes weitgehende Einigkeit: Sie wollen gemeinsam in die Offensive gehen. Im Verband der Cigarettenindustrie wird eine Werbe- und PR-Kampagne vorbereitet, die verschreckten Rauchern neues Selbstbewußtsein einhauchen soll.

Erste Anzeigen erschienen jetzt exklusiv in den Parteiblättern von CDU und SPD. »Nichtraucher sind nette Menschen. Raucher auch«, heißt es da noch vorsichtig. Das sei »nur ein Test«, meint ein Branchenkenner. Schon bald sollen die Sprüche frecher werden.

Einzelne Industrie-Vertreter nehmen den Mund jetzt schon ganz schon voll. Mit Blick auf die Bundestagswahl im Januar meint etwa Philip-Morris-Sprecher Breidbach: »100000 Raucher-Stimmen sind genausoviel wert wie 100000 Bauern-Stimmen.« Allerdings, so rechnet der ehemalige CDU-Bundestagsabgeordnete, hätten »die Raucher für den Staat den Vorteil, daß sie Milliarden Steuereinnahmen bringen«. Die Bauern dagegen wurden »Milliarden kosten«.

Auf parlamentarischen Abenden - mal von Firmen wie Reemtsma, mal vom Zigarettenverband ausgerichtet - sollen Politiker die Nöte der Tabakzunft kennenlernen. Eine weitere Schwächung der Raucherfront, das wird den Abgeordneten nahegelegt, würde Steuereinnahmen und Arbeitsplätze gefährden.

Schließlich würden 136000 Erwerbstätige durch die Tabakwirtschaft ihr Geld verdienen und der Staat von den 18 Millionen Rauchern 14,5 Milliarden Mark Steuern kassieren. »Die Lobby der Anti-Raucher«, meint ein Hamburger Zigarettenmanager, »ist in Bonn größer als unsere, das müssen wir ändern.«

Der Hamburger Taxen-Verband hat sich bereits auf die Seite der Tabakfreunde geschlagen. An die Fahrer wurden Taxen-Aufkleber mit der Einladung »Raucher willkommen« verteilt.

In einer bundesweiten Unterschriftensammlung wirbt zudem ein von Zigarettenkonzernen unterstützter »Verein zur Förderung des Tabakwaren-Einzelhandels« seit Mitte Oktober »für mehr Bürgerfreiheit und Toleranz«. Vernünftige Raucher, so der Text, hätten schon immer »Rücksicht auf ihre Mitmenschen genommen«. Das solle auch so bleiben, ohne gesetzliche Maßnahmen.

»Wir müssen uns gegen diese diskriminierenden und genußfeindlichen Tendenzen massenhaft wehren«, heißt es in einem Schreiben an den Handel. Und: »Den Politikern muß gezeigt werden, daß unsere Bevölkerung so etwas nicht mitmacht.«

Vorerst allerdings machen nicht einmal alle Fachgeschäfte die Aktion mit. »Das schadet doch mehr, als es nützt«, sagt ein Hamburger Tabakhändler.

Die Zigarettenfirmen befürchten zusätzlichen Schaden vor allem durch die wissenschaftliche Auseinandersetzung über das Passiv-Rauchen. Um weiteres Unheil abzuwenden, schalten sich die Unternehmen verstärkt in die Diskussion ein.

Auf einem internationalen Toxikologen-Kongreß, der Ende Oktober in Essen über das Passiv-Rauchen veranstaltet wurde, war die Tabakzunft bestens vertreten. Ein Drittel der vortragenden Forschungsinstitute sind im Sold von Zigarettenkonzernen.

So massiv, empörte sich der Heidelberger Krebsforscher und Anti-Raucher-Aktionist Ferdinand Schmidt, sei die Rolle der betreffenden Industrie öffentlich noch nie deutlich geworden.

Schmidt verstärkt inzwischen die Gegenangriffe. Für den Weltnichtrauchertag am 17. November will der Professor bundesweit 100000 Unterschriften für ein »Gesetz zum Schutz von Nichtrauchern« sammeln.

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