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Empörung über »Putin-PR« Journalistenverein will Filmemacher Seipel ausschließen

Die Enthüllungen rund um den Putin-Biografen Hubert Seipel erschüttern den deutschen Journalismus. Der Verein »Netzwerk Recherche« hat nun erste Konsequenzen gezogen – und legt dem Reporter einen Austritt nahe.
Russlands Präsident Wladimir Putin mit Dokumentarfilmer Hubert Seipel, 2013

Russlands Präsident Wladimir Putin mit Dokumentarfilmer Hubert Seipel, 2013

Foto: ITAR-TASS / IMAGO

»Netzwerk Recherche« ist eine der renommiertesten Journalisten- und Journalistinnenvereinigungen des Landes – und Hubert Seipel war viele Jahre lang ein angesehenes Mitglied. Immer wieder trat der Filmemacher und Autor auf der Jahreskonferenz des Vereins als Referent und Moderator auf, sprach auf Podiumsdiskussionen und leitete Veranstaltungen zum Thema Wirtschaftsjournalismus oder Arbeit in Krisenzeiten. Seit wenigen Tagen ist es damit vorbei.

Recherchen des SPIEGEL und des ZDF in Zusammenarbeit mit dem internationalen Recherchenetzwerk ICIJ konnten nachweisen, dass Seipel über die Jahre Hunderttausende Euro aus Russland erhalten hat . Seitdem ringt die Branche um einen richtigen Umgang mit dem Putin-Biografen und Filmemacher. Wie geht man mit einem Mann um, der sich offenbar für seine unkritische Berichterstattung schmieren ließ? Der über unabhängigen Journalismus sprach, dabei aber auf verschlungenen Wegen Gelder aus Russland erhielt?

»Austritt nahegelegt«

Der Verein »Netzwerk Recherche« hat nun Konsequenzen aus den Enthüllungen gezogen. Daniel Drepper, Vorsitzender der Journalistenvereinigung, erklärt auf Anfrage, dass man einen Ausschluss Seipels anstrebe. »In einem Schreiben des NR-Vorstands an Hubert Seipel haben wir ihn am 15.11.2023 um eine Stellungnahme zu den Vorwürfen gebeten und ihm einen sofortigen Austritt aus dem Verein nahegelegt, da er mit seinem Handeln dem Journalismus insgesamt, aber auch der journalistischen Recherche schweren Schaden zugefügt hat«, schreibt Drepper. Seipels stimmberechtigte Mitgliedschaft beim Netzwerk Recherche e.V. ruhe seitdem »satzungsgemäß«.

Bisher hat der Dokumentarfilmer laut »Netzwerk Recherche« nicht auf das Schreiben des Vorstands reagiert. Sollte er nicht selbst austreten, werde der Verein bei der nächsten Mitgliederversammlung im Sommer 2024 seinen Ausschluss beantragen.

Der Grund laut Drepper: ein Verstoß gegen die Grundsätze einer unabhängigen Berichterstattung. »Die von Hubert Seipel eingeräumten Zahlungen widersprechen allen Regeln der journalistischen Redlichkeit und Professionalität. Mit seinem Handeln hat er dem Recherchejournalismus und dem Ansehen unseres Berufs in der Öffentlichkeit schweren Schaden zugefügt«, so der Vorsitzende.

Auch die Arbeit des Filmemachers, der zwischen 2007 und 2012 an mindestens sechs Veranstaltungen des Vereins beteiligt war, müsse im Nachhinein neu beurteilt werden: »Der Vorstand des ›Netzwerks Recherche‹ wertet die Arbeit von Seipel durch die bekannt gewordenen Zahlungen als Putin-PR. Menschen aus dem PR-Bereich können in unserem Verein aber keine stimmberechtigten Mitglieder sein.«

Kritik an »publizistischem Betrug«

Auch die Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union (DJU) zeigt sich über die Recherchen zu den Zahlungen an Seipel schockiert. Die Zuwendungen stellen laut DJU »einen Verstoß gegen die Berufsgrundsätze dar, die etwa im Pressekodex als unehrenhaftes und berufswidriges Verhalten bezeichnet werden, wenn für die Verbreitung von Nachrichten Bestechungsgelder angenommen werden«.

Die Enthüllungen würden außerdem beweisen, dass Seipel sowohl die Redaktionen, mit denen er zusammengearbeitet habe, als auch sein Publikum »schwer getäuscht habe«. Sein Verlag und der NDR »gehen zu Recht gegen solch einen publizistischen Betrug vor«, schreibt die DJU in einer Stellungnahme.

Dass es schon früh Kritik an der Putin-Nähe des Journalisten gab, zeigt eine Veranstaltung aus dem Jahr 2012. Seipel war in dem Jahr gemeinsam mit dem Filmemacher Stephan Lamby auf einem Podium der Jahreskonferenz von »Netzwerk Recherche« aufgetreten. Dort musste er seinen Film »Ich, Putin« gegen kritische Nachfragen verteidigen. Zwischenzeitlich, hieß es damals in einer Nachbesprechung, komme »der Verdacht auf, es handle sich mehr um ein Selbstporträt als um den kritischen Blick eines westlichen Journalisten auf den mächtigsten Mann Russlands«.