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WIRTSCHAFTS-KOMMENTAR Neue Heimat als Bühnenstück

Von Joachim Preuß *
aus DER SPIEGEL 6/1986

In einem Jahr wird es die Neue Heimat nicht mehr geben. Entweder ist sie bis dahin pleite, oder die Wohnungen gehören anderen Besitzern, seien sie gemeinnützig oder nicht. Der berühmt-berüchtigte Name, den sich 1939 die Nazis einfallen ließen, wird dann ein leerer Firmen-Mantel sein, der allenfalls als Vogelscheuche nachfolgenden Generationen zur Abschreckung dienen kann.

Den Genießern von politischer Heuchelei und Akrobatik wird dann etwas fehlen. Otto Graf Lambsdorff wird seine Sorge um die »Arbeitergroschen« weniger extensiv ausleben können. Peter Glotz braucht sich nicht mehr schützend vor das »Familiensilber« der Gewerkschaften zu werfen. Diether Hoffmann, der Neue-Heimat-Chef, wird frei von allen Image-Problemen seine dicke Zigarre auch vor Kameras wieder rauchen und sagen, daß er froh ist, den Horror-Job los zu sein.

Daß bis dahin noch ein Jahr vergehen wird hängt mit dem Januar 1987 zusammen. Dann erst ist Wahl, und die konservativ-liberalen Wahlmanager wären ihr Geld nicht wert, wenn sie die Neue-Heimat-Nummer nicht dauerhaft auf der Bühne hielten.

Albert Vietor, der Gigantomane mit dem ausgeprägten Erwerbstrieb, muß auch postum immer wieder ran. Daß Heinz Oskar Vetter zuweilen bei den Aufsichtsratssitzungen einnickte, ist einfach zu symbolhaft für sozialdemokratische Trotteligkeit im Umgang mit Geld, als daß es nicht immer wieder erzählt werden müßte. Daß Ernst Breit und andere SPD-Gewerkschaftsgrößen mit am Tisch saßen und den virtuosen »King Albert« in seinen imperialen Planungen nicht bremsten, ist so viel schlagkräftiger als die legendäre Wahlkampf-Satire unter dem Titel »Juso beißt Kind«.

Wäre da nicht die Politik, die Geschichte um die Neue Heimat ließe sich einreihen neben so viele Geschichten aus den früheren Jahren der Republik, als der kollektive Wahn vom immerwährenden Wachstum und Mehr in den Köpfen spukte.

Da gab es jenen AEG-Chef, der stets ein Zettelchen bei sich trug, auf dem die Börsenkurse von Siemens notiert waren. Die allseits geachteten Manager kauften immer neue Firmen, um endlich den Konkurrenten einzuholen. Der Traum zerplatzte, wie man weiß, in der größten Industriepleite der Nachkriegszeit.

Die AEG-Führer rafften die Waschmaschinen-Firmen zusammen, wie Albert Vietor den Beton auftürmte. Bei der AEG leisteten die Banken, als Besitzer, ihr Notopfer erst, als die Bonner Regierung ihrerseits Bürgschaften zusagte.

Der Staat, also der Steuerzahler zahlt ständig für vielerlei Fehlplanungen. Eine Milliarde nach der anderen verschwindet in dem Atom-Moloch von Kalkar.

Daß ein hohes Maß an landwirtschaftlicher Eigenproduktion gebraucht wird, war einst so unumstritten wie der Wohnungsbau der Neuen Heimat. Heute wird die Überschußproduktion mit Milliarden-Subventionen aufrechterhalten das Ärgernis nimmt man schulterzuckend hin. Schließlich wählt die Kundschaft traditionell schwarz und gilt als staatstragend.

Die Stahlhütten an der Saar oder die Werften an der Küste bauten sich in den Boom-Jahren stattliche Fertigungsstätten. Den Abbau hingegen finanzierte wiederum die Gesamtheit der Deutschen mit Milliarden.

Ein Grund, der Neuen Heimat und deren Mietern die Hilfe zu verweigern - neben einem Beitrag aus dem Gewerkschaftsvermögen, versteht sich -, läßt sich aus diesen Beispielen nicht herleiten. Es gibt aber das politische Kalkül, SPD und Gewerkschaften möglichst lange in ihrem Saft schmoren zu lassen. Mit dem steten Gedenken an Vietor und seine Genossen, die zu allem Überfluß auch noch in die Kasse griffen, läßt sich die Flamme nach Belieben hochdrehen.

Am Ende wird die eine Million Neue-Heimat-Bewohner den Ausschlag geben. Ein Teil des gewerkschaftlichen Tafelsilbers muß her, Bonn wird etwas dazulegen, die Länder und Kommunen werden sich breitschlagen lassen, und die Wohnungen werden in viele kleine regionale Firmen übergeführt. Nur dauern wird es noch.

Joachim Preuß
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