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ZIGARETTEN Neue Klasse

Der Lebensmittel-Handel verzeichnet erstaunliche Verkaufserfolge mit Billig-Zigaretten.
aus DER SPIEGEL 33/1981

Als kürzlich ein Kundschafter der Einkaufsgenossenschaft Edeka mal wieder bei einem Aldi-Markt vorbeischaute, war er reichlich verblüfft. Gleich stangenweise, so mußte der Edeka-Mann feststellen, deckten sich die Leute bei der Konkurrenz mit Zigaretten ein.

Ein ähnliches Erlebnis hatte auch ein Späher vom Rewe-Verbund. Offensichtlich, so seine Erkenntnis, konnte Aldi das Rauchzeug gar nicht so schnell heranschaffen, wie es verkauft wurde. »Die Regale«, so Bernhard Hellmann von der Dortmunder Rewe, »waren bald leergeräumt.«

Einen solchen Ansturm erlebt der Handel gewöhnlich nur, wenn wieder mal eine Erhöhung der Tabaksteuer ansteht. Diesmal jedoch war ein Billig-Angebot der Anlaß.

Die Käufer stürzten sich auf eine bestimmte Zigarettenmarke: die Tobacco House No. 7, 20 Stück zu 2,50 Mark, bei Aldi nördlich der Linie Duisburg--Kassel seit März im Sortiment. Die preisbewußte Kundschaft der Discount-Kette hatte nachgerechnet, daß sich mit No. 7 gegenüber der HB, der Camel oder Marlboro bis zu fünfzig Pfennig pro Schachtel und fünf Mark je Stange sparen lassen.

Daß die Raucher bei solchen Preisunterschieden auf den Geschmack von Freiheit und Abenteuer verzichten können, spricht sich nun im Einzelhandel herum. Im ganzen Bundesgebiet gibt es die neue Spar-Klasse deshalb bald an jeder Ecke.

Die Edeka Zentrale in Hamburg frischt gerade ihre »Darling Filter« auf, die seit über vier Jahren unbeachtet im Sortiment dahindämmert. Als »neu« und »zum Sparpreis« von 2,50 Mark sollen nun alle Edeka-Läden die Billig-Marke propagieren.

Rewe, die zweite große Genossenschaft, zieht nach. Im Testmarkt in und um Dortmund verkaufte sich die Roxy Dual, gleichfalls in der Billig-Klasse, so gut, daß sie den Einkäufern aller anderen regionalen Rewe-Organisationen nun zur Order wärmstens empfohlen wird.

Die gesamte Branche -- Warenhäuser, Supermärkte und Versandhandel -- hängt sich an. Denn der Trend scheint klar: Seit die Deutschen wieder genauer rechnen müssen, seit die Einkommen kaum, die Preise aber weiter mit fast sechs Prozent steigen -- seither wird auch bei Ausgaben wie denen für Zigaretten auf die Groschen geachtet. »Irgendwo müssen die Leute bei sinkendem Realeinkommen sparen«, sagt ein Funktionär des Zigarettenverbands.

Noch ist der Marktanteil der Billigmarken gering. Doch wenn der in den letzten Monaten erkennbare Trend sich verstärkt, könnte für die Großen der Zigaretten-Industrie das Geldverdienen schwerer werden.

Und verdient haben sie bisher ordentlich. Die BAT zum Beispiel konnte sich -- vor allem dank ihrer Spitzenmarke HB -- über ihre Holding Interversa einen ganzen Heimausstatter-Konzern, unter anderem Pegulan, zulegen, der bereits 900 Millionen Mark Umsatz macht. Daneben ist die Interversa noch mit 35 Prozent größter Teilhaber bei Horten, kaufte sich im Weinhandel ("Jacques' Weindepot") ein und baute ihre Restaurant-Kette Weinkrüger aus.

Andere Zigarettenhersteller, wie Reemtsma (Stuyvesant), wurden Großbrauer oder sind, wie Brinkmann (Lord Extra) in Bremen, ständig auf Suche nach lukrativen Beteiligungen an bundesdeutschen Unternehmen.

Argwöhnisch beobachteten die etablierten Zigarettenfirmen schon in den letzten Jahren, daß vor allem einem Teil der jungen Kundschaft die Einheitspackungen von Lord, Lux oder Milde Sorte zu teuer waren: Viele der Nachwuchs-Raucher drehen sich ihre Glimmstengel lieber selbst, der billigste Ausweg.

Über acht Milliarden Stück rollen sich die Bundesbürger inzwischen jedes Jahr. Ein geübter Dreher holt aus einem Standard-Beutel Feinschnitt etwa 50 Zigaretten. Die kosten dann drei bis 3,50 Mark, halb soviel wie die Fertiggekauften.

Auf den Dreh kamen die Raucher vor allem nach den Tabaksteuer-Erhöhungen, die den Preis der Automaten-Schachtel auf mittlerweile drei Mark trieben.

Die Preisentwicklung wird die Schar der Alternativ-Raucher wohl noch verstärken. Wenn im nächsten Jahr die Tabaksteuer angehoben wird, wollen auch die Hersteller ihre Nettopreise anheben. Rohtabake, so argumentieren sie, seien allein in diesem Jahr 20 Prozent teurer geworden. Die Schachtel mit dann nicht mal mehr 20 Zigaretten dürfte den deutschen Raucher mithin im nächsten Jahr vier Mark kosten.

Von solch trüben Aussichten profitieren vor allem zwei Unternehmer: Theodorus Niemeyer im niederländischen Groningen und William E. Kaloudis, Chef der Firma Nestor Gianaclis in Hofheim bei Frankfurt.

Niemeyer hat sich mit Selbstdreh-Tabak wie Samson und Javaanse Jongens in der Bundesrepublik einen interessanten Markt erschlossen; daneben produzierte er die Billig-Zigarette Roxy Dual, die Rewe, aber auch Karstadt anbieten.

Kaloudis stellt für Aldi die No. 7 her und füllt die gleiche Mischung, unter der Marke Darling, auch für Edeka ab.

Warum Kaloudis und Niemeyer ihre Zigaretten billiger als die Großen der Dunst-Branche anbieten, ist unter Experten kein Rätsel: Einmal kalkulieren sie offenbar knapper als die mit hohen Renditen arbeitenden Zigarettenriesen; und zum anderen haben sie niedrigere Kosten, weil der Werbeaufwand für Zigaretten entfällt. Schon jetzt kann die Firma Gianaclis die Nachfrage S.68 nach ihren Zigaretten auch dann kaum befriedigen, wenn die Belegschaft Überstunden einlegt. Allein für Aldi soll jetzt die Produktion auf 40 bis 50 Millionen Stück pro Monat verdoppelt werden.

Nach der Preiserhöhung im nächsten Jahr wird Kaloudis wohl noch mal zulegen. Denn wenn die Markenpackungen auf vier Mark steigen, werden die Hofheimer Billig-Zigaretten vielleicht noch für drei Mark zu haben sein: Wer umsteigt, spürt dann nichts von der Teuerung.

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