Neue Therapie Was tun, wenn Shopping zur Sucht wird

Zwischen sechs und acht Prozent der Deutschen gelten als kaufsuchtgefährdet. Manche Patienten brocken sich Strafverfahren ein, andere häufen immense Schulden an. Eine Klinik bietet für die Opfer nun eine neue Form von Gruppentherapie an.


Erlangen - Die Sucht von Anita K. kannte keinen Ladenschluss. "Tagsüber war ich in Geschäften shoppen, nachts im Internet", sagt die 35-jährige Frau aus Franken. Gekauft hat Anita K. "alles, von Lebensmitteln bis zu Autoersatzteilen". Gebraucht hat sie davon fast nichts - und doch hat sie die Kaufsucht in den finanziellen Ruin getrieben. "Ich habe 40.000 Euro Schulden, die mich und meine Tochter in der Existenz bedrohen", sagt die 35-Jährige.

Luxus-Pelzmantel: "Eine konnte ihr Bett nicht mehr benutzen, da das ganze Schlafzimmer mit Kisten vollgestellt war"
AP

Luxus-Pelzmantel: "Eine konnte ihr Bett nicht mehr benutzen, da das ganze Schlafzimmer mit Kisten vollgestellt war"

Dass sie mittlerweile offen über ihre Probleme sprechen kann, verdankt die Selbstständige einer bundesweit einzigartigen Therapie-Einrichtung gegen Kaufsucht an der Erlanger Uni-Klinik. In der ersten Jahreshälfte haben 21 kaufsüchtige Patientinnen aus ganz Bayern in Erlangen eine Gruppentherapie absolviert. Mit guten Erfolgen, wie die Ärztin Astrid Müller versichert, die nun für ihre Studie über "Pathologisches Kaufen" neue Teilnehmer sucht.

"Horten Dinge, die sie nicht ausgepackt haben"

Die Erlanger Doktorin schätzt, dass in den alten Bundesländern acht, im Osten Deutschlands rund sechs Prozent der Bevölkerung stark kaufsuchtgefährdet sind - Tendenz stark ansteigend. Allgemein werde das Problem belächelt, nach dem Motto: "Die braucht mal wieder neue Schuhe gegen ein Stimmungstief". Zu Unrecht, sagt Müller, "denn ihr pathologisches Kaufen hat manchen meiner Patientinnen sogar Strafverfahren eingebracht." Der Zwang habe aus ihnen Scheck- und Kreditkartenbetrügerinnen gemacht.

Dafür, ob jemand wirklich krankhaft kaufsüchtig ist, gibt es laut der Psychologin klare Anzeichen: "Zwanghafte Käufer horten oft Dinge, die sie nicht einmal ausgepackt haben", erklärt Müller. 80 Sommerjacken oder 300 Paar Schuhe seien keine Seltenheit. Eine Patientin sei in eine neue Wohnung gezogen, da der Platz für all ihre Kleidung nicht mehr ausreichte, "eine andere konnte ihr Bett nicht mehr benutzen, da das ganze Schlafzimmer mit Kisten vollgestellt war".

"Eine lebenslange Aufgabe"

Um die überflüssigen Waren wieder loszuwerden, machen die Betroffenen Freunden und Bekannten immer wieder unerwartete Geschenke. Ein Alarmsignal ist laut Müller auch, wenn versucht wird, Kaufattacken zu vertuschen. "Betroffene versuchen oft, das niedrige Selbstwertgefühl mit Frustkäufen zu heben." Der kurzen Euphorie des Kaufrausches folge dann aber "ein Gefühl der Leere, der Scheue und der Scham". Damit werde der Auslöser der Kaufattacke verstärkt, ein Teufelskreis beginne.

Untersuchungen zufolge ist Kaufsucht ein erlerntes Verhalten. Genau dort versucht der Erlanger Therapieansatz einzuhaken: In 90-minütigen Gruppensitzungen soll analysiert werden, wann und in welchen Situationen sich die Kaufattacken zeigen. "Oft geht Kaufen auch mit sozialen Ängsten einher", sagt Astrid Müller. Der strukturierte Ablauf gebe Kaufsüchtigen Sicherheit im Umgang mit anderen Menschen. Müller kennt aber auch das Beispiel der Ehefrau eines Arztes, "die sich mit ausufernden Einkäufen unbewusst für die dauernde Abwesenheit ihres Mannes rächen wollte".

Vom pathologischen Kaufen betroffen sind der Psychologin zufolge größtenteils Frauen, die häufig auch unter Depressionen oder anderen Zwangsstörungen wie Magersucht litten. Auch Anita K. war nach einem sexuellen Missbrauch in der Kindheit mehrfach abhängig geworden, zum Alkoholproblem kam eine Magersucht. Als geheilt will sie sich trotz der Erlanger Therapie noch nicht bezeichnen. Sie könne jetzt bewusster mit Kaufattacken umgehen, sagt die 35jährige: "Die Kaufsucht zu besiegen - das ist für mich aber eine lebenslange Aufgabe."

Lukas Grasberger, AP



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