Neuer Mannesmann-Prozess Ackermann blickt in den Abgrund

Ab kommender Woche wird die Zukunft des mächtigsten Bankers in Deutschland verhandelt: Das Düsseldorfer Landgericht rollt den Mannesmann-Prozess neu auf. Deutsche-Bank-Chef Ackermann hat viel zu verlieren.

Von Tim Höfinghoff


Hamburg - Wenn Josef Ackermann in diesen Tagen mit seinen Anwälten fachsimpelt, dann können sie Strategien austüfteln, Schlachtpläne für den bevorstehenden Prozess schmieden, Abwehrmanöver gegen die Ankläger optimieren. Doch eines können sie kaum: das angekratzte Image des Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bank Chart zeigenaufpolieren.

Deutsche-Bank-Chef Ackermann: Die Frage des Vorsatzes gehört geklärt
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Deutsche-Bank-Chef Ackermann: Die Frage des Vorsatzes gehört geklärt

Das Ansehen von Josef Ackermann wird in den kommenden Monaten aufs Neue einer Belastungsprobe unterzogen. Ab Donnerstag wird der Mannesmann-Prozess wieder aufgerollt. Vor der zehnten großen Wirtschaftstrafkammer des Landgerichts Düsseldorf wird Richter Stefan Drees den Untreue-Fall verhandeln.Beim ersten Mannesmann-Prozess hatte Ackermann noch mit der Hand das Victory-Zeichen gezeigt. Eine Wutwelle brandete durchs Land - pure Empörung über die angebliche Arroganz des Bankers.

Derlei Eskapaden von Siegessicherheit wird sich Ackermann diesmal wohl verkneifen. Die Lage ist ernst. Der neue Mannesmann-Prozess ist nicht nur die Wiederholung einer spektakulären Wirtschaftsstrafsache. Es geht für Ackermann um die Zukunft.

57 Millionen Euro Prämien und Abfindungen wurden vor sechs Jahren an Manager und Pensionäre verteilt, nachdem der britische Mobilfunkanbieter Vodafone Chart zeigen den Mannesmann-Konzern übernommen hatte. Sechs Angeklagte müssen sich deshalb nun wieder verantworten, wegen Untreue und Beihilfe dazu. Unter ihnen ist Ackermann, der damals Aufsichtsrat bei Mannesmann war. Mit ihm auf der Anklagebank sitzen die ehemaligen Mannesmann-Chefs Klaus Esser und Joachim Funk; der frühere IG-Metall-Vorsitzende Klaus Zwickel; außerdem der einstige Konzernbetriebsrat Jürgen Ladberg und der ehemalige Direktionsassistent Dietmar Droste.

2004 hatten Düsseldorfer Richter zwar im ersten Prozess einen Verstoß gegen das Aktiengesetz festgestellt - aber auf Freispruch entschieden. Im Dezember 2005 allerdings hob der Bundesgerichtshof (BGH) die Freisprüche auf. Er verwies das Verfahren an eine andere Kammer nach Düsseldorf zurück. Und gab gleich eine Stoßrichtung vor: Die Aufsichtsräte "waren nicht Gutsherren, sondern Gutsverwalter", schrieben die Bundesrichter. Sie entschieden, dass der Tatbestand der Untreue gegeben ist. Für die 57-Millionen-Euro-Zahlung habe es keine sachliche Rechtfertigung gegeben.

Ob Staatsanwälte, Verteidiger oder Angeklagte: Alle Beteiligten erwarten nun eine schwierige Entscheidungsfindung. Entsprechend groß wird die Belastung für Ackermann, der als Vorstandschef der Deutschen Bank unter den Angeklagten herausragt. Vielleicht wird der 58-jährige Schweizer erneut freigesprochen. Vielleicht muss er ins Gefängnis. Vielleicht handelt er am Ende einen Deal mit den Staatsanwälten aus und zahlt eine Menge Geld. Möglich ist alles bei diesem Spektakel.

Der Prozess dreht sich vor allem auch um die Frage: Handelte der Aufsichtsrat mit Vorsatz? Die Ankläger müssen nachweisen, dass den Angeklagten bewusst war, dass ihre Extrazahlungen in Millionenhöhe ohne Nutzen für Mannesmann waren.

Ackermann hält sich für unschuldig. Die anderen Angeklagten sehen das auch so: Von "Selbstbedienung" könne keine Rede sein. Die Prämien seien angemessen gewesen. Doch viele Rechtsexperten erwarten, dass ein kompletter Freispruch nach der BGH-Entscheidung schwierig wird. Die Angeklagten könnten einen Deal mit der Staatsanwaltschaft anstreben. Bestätigen will das natürlich keiner der Anwälte.

Deutsche Bank gibt sich betont gelassen

Ex-Mannesmann-Chef Esser hat kürzlich seinen Verteidiger gewechselt. Der neue Anwalt Daniel Krause hält angeblich nichts von einem Deal. Krause will wohl prominente Zeugen aufbieten, darunter den früheren Chef der Deutschen Bank, Hilmar Kopper, der früher auch dem Mannesmann-Aufsichtsrat angehörte. Ob der Richter dies zulässt, ist offen.

Ackermann hat schon durchblicken lassen, dass er zurücktritt, falls er rechtskräftig verurteilt wird. Das zeigt, wie gespannt die Stimmung bei dem Manager und seiner Deutschen Bank ist - auch wenn sich das Geldhaus und sein Chef in jüngster Zeit gelassen geben. Die Deutsche Bank hält sich zur Debatte um einen möglichen Nachfolger betont bedeckt, nur so viel ist zu erfahren: Der Aufsichtsratsvorsitzende Börsig stünde bereit, um nach dem Abgang von Ackermann schnell eine Lösung zu finden.

Klar ist, dass die Angeklagten nach einer Verurteilung erst mal in Revision gehen würden. Der Ärger um die Mannesmann-Millionen könnte dann noch Jahre dauern - und ebenso lange Ackermanns Karriere bei der Deutschen Bank: Denn er will ja nur bei einem rechtskräftigen, endgültigen Urteil zurücktreten. Sein Vertrag läuft noch bis 2010.

Ob er das wirklich so durchziehen könnte, daran zweifelt mancher Beobachter und wähnt das Ende von Ackermanns Karriere schon nahe, falls jetzt kein neuer Freispruch folgt. Denn so prächtig das Geschäft bei der Deutschen Bank unter Ackermann läuft: Ein Rechtsstreit ohne absehbares Ende würde den Vorstandschef strapazieren. Die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz fordert deshalb, dass er schon bei einer Verurteilung in Düsseldorf "sofort zurücktreten sollte", ohne das weitere Verfahren abzuwarten.

Immerhin: Früher hatten die Aktionärsschützer auch noch verlangt, dass "Ackermann während des Prozessverlaufes sein Amt ruhen lassen soll". Diese Forderung haben sie inzwischen fallen lassen - Ackermann wäre ihr ohnehin nicht gefolgt.



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