Neuer Markt Irreführung der Anleger

Ob ein Unternehmen Gewinn macht, erkennt man an der Position "Jahresüberschuss". Am Neuen Markt hingegen verpacken die Gesellschaften ihre Verluste in die abstrusesten Messgrößen.

Von Bernd Niquet


DPA

Welch ein Genuss, die Ad-hoc-Mitteilung des Volkswagen-Konzerns zur Gewinnentwicklung im 1. Halbjahr 2000 zu lesen. Denn ein Blick genügt, und man erkennt sofort, welchen Gewinn das Unternehmen im abgelaufenen Jahr erzielt hat. Zwar sind die einzelnen Zahlen nicht zu hinterfragen, doch eine weitere Ungenauigkeit bleibt nicht.

Am Neuen Markt hingegen ist man phantasievoller. Und man muss es auch sein, denn man hat viel zu verschweigen. Neulich beispielsweise berichtete das Unternehmen Cybernet, man gehe davon aus, Mitte des Jahres 2001 ein positives Ergebnis EBITDA auszuweisen. Wunderbar, schienen sich die Anleger sofort zu sagen, und stürzten sich auf das Papier: Endlich Gewinne in Sicht!

Doch nichts ferner als das. Denn EBITDA heißt "Earnings Before Interest, Taxes, Depreciation", auf deutsch Gewinne vor Zinsen, Steuer und Abschreibungen. Doch welche Aussagekraft hat diese Größe bei einem Unternehmen, welches hohe Kreditverbindlichkeiten hat und riesige Investitionen in die Infrastruktur tätigt? Natürlich gibt dies einen partiellen Einblick in das operative Geschäft, doch über die Wirtschaftlichkeit des Unternehmens sagt dies deswegen nichts aus, da mit den Zinsen und den Abschreibungen die beiden größten Kostenpositionen bei der Gewinnermittlung unberücksichtigt bleiben.

Doch den Vogel in dieser Hinsicht hat die Brokat AG abgeschossen. Denn hier meldete man doch tatsächlich in der letzten Ad-hoc-Mitteilung nur den Umsatz sowie das wunderschöne Konstrukt EBITDASO. Das bedeutet die Gewinne vor Zinsen, Abschreibungen und Mitarbeiterbeteiligungen. Nun sind Mitarbeiterbeteiligungen teure und schwer kalkulierbare Kostenblöcke. Bei Aktienoptionen muss beispielsweise die Differenz zwischen Basispreis und gegenwärtigem Kurswert in die Bilanz einbezogen werden, was das Ergebnis gründlich verhageln kann. EBITDASO erinnert also irgendwie an Fiasko und bringt die Grenze zum Auswürfeln von Unternehmensergebnissen nahezu zum verschwinden.

Man kann daher also durchaus gespannt sein, wann das erste Unternehmen am Neuen Markt einmal seinen Gewinn EBC melden wird, also Umsätze vor Kosten. Oder wann die folgende Geschäftsidee realisiert wird: Eine AG nimmt Fremdkapital auf, spekuliert damit in Aktien und meldet stets den Gewinn EBITDA. Hier gibt es dann nämlich endlich tatsächlich eine Gewinngarantie. Denn die Zinsen werden hier bei der Gewinnermittlung nicht berücksichtigt und die Fehlspekulationen abgeschrieben und folglich ebenso nicht berücksichtigt. Alleine die geglückten Spekulationen werden damit im EBITDA ausgewiesen. Und so erstrahlt dieses Unternehmen dann im hellen Lichte eines ungebrochenen Gewinnes. Und zwar so lange, bis tatsächlich am allerletzten Tag auch die allerletzte Mark verzockt worden ist.



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