Neuer Markt Spielhölle für Schrottwerte

Der Neue Markt fällt auf immer neue Tiefstände. Längst ist das Vertrauen der Anleger verspielt, doch die Deutsche Börse AG schaut tatenlos zu.


AP

Der Neue Markt hat viele reich gemacht. Zum Beispiel Peter Kabel: Der verkaufte im vergangenen Jahr 700 000 Aktien seines Internet-Dienstleisters nahe dem Höchstkurs. Das brachte ihm die hübsche Summe von rund 100 Millionen Mark.

Der Neue Markt hat viele arm gemacht. Zum Beispiel all jene, die Peter Kabel die Aktien abkauften und sie nicht ganz schnell wieder losschlugen: Denn die sind jetzt nicht mehr ­ wie im März 2000 ­ 80 Euro, sondern nur noch 66 Cent wert. Vermögensverlust: 99,2 Prozent.

Geschichten wie diese gibt es viele an der deutschen Wachstumsbörse: Sie haben den Ruf des Neuen Marktes kräftig ramponiert.

Nix wie raus ­ fluchtartig warfen in den vergangenen Wochen erneut viele Groß- und Kleinanleger ihre Aktien auf den Markt, jede kleine Verkaufsorder führte zu weiteren Kurseinbrüchen, weil neue Käufer rar sind. Allenfalls Zocker wagen sich noch auf den Neuen Markt. Sie hoffen auf schnelle Gewinne mit Aktien, die oft nur noch einige Cents wert sind.

Deutsche Bank: "Nicht analysierbar"

Fonds machen inzwischen einen großen Bogen um die Technologiebörse. "Versicherungen und Publikumsfonds, die nicht unbedingt müssen, haben sich längst zurückgezogen", sagt Kai Franke, Leiter der Analyseabteilung bei der BHF-Bank. Die Deutsche Bank hält den Neuen Markt inzwischen sogar für "nicht analysierbar".

Zahlreiche Firmen erwägen inzwischen, sich vom Neuen Markt zurückzuziehen: Eine Notierung in diesem Segment, dem nun der Ruf einer Spielhölle anhaftet, gilt plötzlich als Makel.

Der Niedergang des Neuen Marktes schadet der gesamten Volkswirtschaft. Die Wachstumsbörse versorgte in ihren guten Tagen Unternehmensgründer mit Eigenkapital, trieb den Strukturwandel voran. Ohne sie wäre die Gründerwelle der vergangenen Jahre nicht möglich gewesen. Wenn diese Quelle versiegt, trocknet die Start-up-Szene fast automatisch aus.

Gefahr droht aber auch dem Finanzplatz Deutschland, der sich im Erfolg des Neuen Marktes sonnte. Ausgerechnet dieses Vorzeigeobjekt entpuppt sich jetzt als Sanierungsfall ­ und keine Hand rührt sich.

Börsenchef Seifert schweigt

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Von Amts wegen wäre Werner Seifert gefordert, der Chef der Deutschen Börse. Doch der Schweizer, der sonst so gern Tiefschürfendes über die Zukunft der Finanzmärkte von sich gibt, schweigt.

Vor 16 Monaten noch war das anders. Da feierte der Neue Markt seinen dritten Geburtstag und Seifert sich selbst. "Wenn das zwei Jahre so weitergeht", schwärmte der Börsenchef, "dann haben wir 2000 Firmen am Neuen Markt mit einer Marktkapitalisierung, die über dem Dax liegt."

Mehr als 220 Unternehmen tummelten sich damals, im März 2000, am Neuen Markt. Zusammen waren sie mit über 450 Milliarden Mark bewertet. Heute sind dort 343 Firmen notiert. Doch deren Wert schrumpfte auf aktuell 135 Milliarden Mark, Tendenz fallend. Neun Firmen sind bereits zahlungsunfähig, Tendenz steigend.

Der Neue Markt hat sich zur größten Kapitalvernichtungsmaschine der Finanzgeschichte entwickelt: Für rund 50 Milliarden Mark zeichneten gutgläubige Anleger bei Neuemissionen die Aktien der hoffnungsvollen Firmen von morgen. Bis heute ist dieses Kapital auf 30 Milliarden Mark geschrumpft.

Während am Höhepunkt des Booms täglich Aktien im Wert von bis zu zehn Milliarden Mark die Besitzer wechselten, liegt das durchschnittliche tägliche Handelsvolumen heute nur noch bei rund 100 Millionen Mark. Das ist gerade mal ein Prozent des Spitzenwertes ­ der Neue Markt auf dem Weg in die Bedeutungslosigkeit.

Etwa die Hälfte der Unternehmen, so schätzt ein Frankfurter Bankchef, steckt in akuten Problemen: "Ein Drittel der Firmen wird es in ein, zwei Jahren nicht mehr geben." Entweder müssen sie den Gang zum Konkursrichter antreten, oder sie werden von größeren Firmen geschluckt.

Von der Nasdaq abgekoppelt

Natürlich trifft das Platzen der Technologieblase weltweit die Firmen des Neuen Marktes besonders hart. Weit über die Hälfte der dort notierten Unternehmen kommt aus der Informationstechnologie, die mit einem dramatischen globalen Nachfrageeinbruch zu kämpfen haben.

Aber das erklärt nicht, warum sich die Nasdaq deutlich besser hielt. Im vergangenen Quartal stieg die US-Wachstumsbörse sogar um 16 Prozent, der Neue Markt dagegen fiel weiter.

Der Vertrauensverlust in den Neuen Markt hat Ursachen, die über die Börsenflaute hinausgehen. Und die sind hausgemacht. Viele Firmenchefs haben ihre Anleger nach Strich und Faden belogen ­ behaupten Anwälte, die nun für ihre geschädigten Klienten die Verluste bei den Managern wieder eintreiben sollen.

Stolz verkündeten die Unternehmen Aufträge, die es nie gab, präsentierten Gewinne in dreistelliger Millionenhöhe, die sich dann als Milliardenverluste entpuppten. EM.TV beispielsweise hat das Kunststück fertig gebracht, zunächst für das vergangene Jahr 600 Millionen Mark Gewinn anzukündigen, dann aber 2,6 Milliarden Mark Verlust zu erwirtschaften.

Teil II: Während viele der einstigen Perlen am Neuen Markt zu Schrottwerten verkommen, schlägt Börsenchef Seifert alle gute Ratschläge in den Wind

ARMIN MAHLER, CHRISTOPH PAULY, WOLFGANG REUTER



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