Neuer Markt Warum Aufsichtsräte versagen

Vier Jahre alt wird der Neue Markt am 10. März. Meldungen über existenzgefährdende Verluste, Liquiditätsengpässe, Insiderverdacht, massive Verfehlung von Prognosen und teilweise sogar revidierte Jahresabschlüsse häufen sich. Wo waren die Aufsichtsräte?


DPA

Frankfurt am Main - Der ehemalige Überflieger EM.TV beschäftigt ebenfalls wie das Augsburger Softwarehouse Infomatec bereits die Juristen. Doch die Liste der Unternehmen, die am Neuen Markt in die Negativschlagzeilen gekommen sind, lässt sich mit Gigabell, Abit, CPU Softwarehouse, Letsbuyit.com, Metabox, Teamwork, Team Communications, Ad Pepper Advanced Medien, Blue C, Heyde, Infomatec und Micrologica fast täglich erweitern. Während bei vielen Unternehmen, wie zuletzt bei dem Bad Nauheimer Software-Unternehmen Heyde, der Vorstand die Konsequenzen zieht und zurücktritt, wurde die Frage, wer die Vorstände der Unternehmen beaufsichtigt hat, bisher kaum gestellt. Bei einem der ehemaligen Vorzeigeunternehmen am Neuen Markt fällen Analysten vernichtende Urteile: "Das Management hat den Überblick über das Unternehmen verloren", kommentierte Reinhard Rother von Delbrück Asset Management die schwierige Lage des Unternehmens. Die Heyde AG sei "sehr aggressiv" gewachsen, das habe "eklatante Managementschwächen" offenbart.

Doch dafür, dass Aufsichtsräte krisengeschüttelter Unternehmen ihr Amt niederlegen, muss das Unternehmen offenbar fast pleite gehen. "Gerade bei jungen Unternehmen sind die Aufsichtsräte besonders stark gefordert", sagt Reinhild Keitel von der Schutzgemeinschaft für Kleinaktionäre. Markus Straub, der ebenfalls die Schutzgemeinschaft vertritt, fordert: "Aufsichtsräte müssen mit Sachverstand und Wissen an ihre Aufgabe gehen und sollten möglichst auch Strukturierungserfahrung haben." Statt dessen säßen in dem Gremium nicht selten Familienangehörige, Freunde oder Bekannte des Vorstandes.

"Am Neuen Markt ist meist der Vorstand auch Großaktionär und bestimmt damit seinen Aufsichtsrat selbst", ergänzt Keitel. Bei der Metabox AG in Hildesheim sitze dem Aufsichtsrat sogar mit Manfred Drung der Geschäftsführer einer Tochtergesellschaft vor, erklärten Analysten. Bei dem Augsburger Unternehmen Infomatec, von dem zwei ehemaligen Vorstände in Haft sitzen, kam die WestLB stärkerer Kritik am von ihr entsandten Aufsichtsratsvorsitzenden zuvor: Die Bank, die Infomatec an die Börse gebracht hatte und das Unternehmen am Neuen Markt als Designated Sponsor auch betreute, zog im August mit dem Betreuermandat auch ihren leitenden Mitabeiter Volker Müller-Scheessel vom Aufsichtsratsvorsitz zurück.

Universitätsprofessor Wolfgang Gerke vom Lehrstuhl für Bank- und Börsenwesen der Universität Nürnberg-Erlangen fordert, dass die Aufsichtsräte besser honoriert werden sollten. Die Bezahlung sollte erfolgs- und ergebnisorientiert erfolgen. Als Kriterium könnten der Aktienkurs und der Jahresüberschuss dienen. Die derzeitige Bezahlung sei vom Renommee der Aufsichtsräte abhängig, erklärte Gerke ohne Nennung von Beträgen. Andere Quellen sprechen von Summen zwischen 20.000 und 100.000 Mark.

Bei EM.TV hat der ehemalige Aufsichtsratsvorsitzende Nickolaus Becker, im Hauptberuf Rechtsanwalt, nach Presseberichten bei großen Transaktionen wie Jim Henson und dem Formel-1-Einstieg mitverhandelt. "Es ist nicht verboten, das zu kontrollierende Unternehmen auch rechtlich zu beraten", räumten sowohl Keitel wie auch Gerke ein. Eine Beratungstätigkeit, die je nach Umfang und Komplexität den beratenden Anwälten fette Prämien einbringe, sollte jedoch vom Aufsichtsrat genehmigt und im Geschäftsbericht ausgewiesen werden, fordert die SdK.

Elke Pfeifer, dpa-AFX



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