Neustart des Mannesmann-Verfahrens Pokerfaces und ein spöttisches Publikum

Zwei Verteidigungsreden und ein bisschen Prozesstaktik: Am ersten Tag des neuen Mannesmann-Prozesses kamen nur die Angeklagten Zwickel und Funk ausführlich zu Wort. Deutschbanker Josef Ackermann sagte nur wenige Sätze - und zeigte, wie viel er dazu gelernt hat.

Von , Düsseldorf


Düsseldorf - Die ganze Prozedur dauert nur 20, 25 Sekunden. Als Josef Ackermann gegen 9.15 Uhr den großen Schwurgerichtssaal L111 betritt, blickt er ernst, er spricht kein Wort. Vor ihm schreitet sein Anwalt Klaus Volk, hinter ihm sein Verteidiger Eberhard Kempf, es sieht aus wie eine Trauerprozession. Ackermanns Mundwinkel scheint zu zucken, als er in den Saal blickt - sonst zeigt er keine Regung. Gemessenen Schritts schwenkt er nach links, begrüßt andere Angeklagte und Verteidiger mit Handschlag, und setzt sich schon.

Dies ist nicht der Moment für Smalltalk, der leicht zu missverständlichen Gesten führt. Ackermann wird, er muss sich die kommenden Stunden voll unter Kontrolle haben. Anders als beim letzten Mal am 21. Januar 2004, als Josef Ackermann zu Victory Joe wurde.

Derselbe Saal, mit neuen Richtern aber denselben sechs Angeklagten. Derselbe Sachverhalt um 57 Millionen Euro Prämien und Abfindungen, um mutmaßliche Untreue und die Beihilfe dazu, zweieinhalb Jahre weiter. Der zweite Mannesmann-Prozess vor dem Landgericht Düsseldorf wirkt wie ein Deja-vu, doch vieles ist verändert.

Die wichtigste Neuerung: Nach dem Revisionsentscheid des Bundesgerichtshofs ist es bedeutend wahrscheinlicher geworden, dass Ackermann und seine fünf Mitangeklagten irgendwann im Jahr 2007, vielleicht schon im Februar, im Saal L111 einen Schuldspruch erleben. Denn durch die Zahlung der teils astronomischen "Anerkennungsprämien" und Abfindungen für Klaus Esser, Joachim Funk und andere Top-Mannesmänner im Jahr 2000 sei objektiv der "Tatbestand der Untreue erfüllt", hatte der BGH noch kurz vor Weihnachten vergangenen Jahres befunden.

Ackermanns Ausweichmanöver

Der Vorsitzende Richter Stefan Drees, seine Beisitzer und Schöffen müssen nun klären, ob sich Ackermann, Funk, Klaus Zwickel und die anderen auch subjektiv bewusst waren, Unrecht zu tun. Es ist eine Frage, die wohl ans Unbeantwortbare grenzt, die das Potenzial für weitere Revisionen birgt. Viele Rechtskundige vermuten, dass "Mannesmann II" auf eine Verfahrenseinstellung hinsteuert - ohne Schuldeingeständnis, aber gegen eine Geldzahlung. Keine befriedigende, aber eine schnelle Lösung. Die Buße könnte sich im Falle Ackermanns auf etliche Millionen summieren.

Der Deutsche-Bank-Chef und seine zwei Anwälte gingen es heute vorsichtig an. Fast schien es, als wollten die Verteidiger ihren Mandanten abschirmen von den Scheinwerfern der Öffentlichkeit. Seine Einlassungen zur Sache wolle Ackermann frühestens am 2. November vortragen, dem nächsten Verhandlungstermin, teilten sie mit. Nach dem frühen Ende der Verhandlung um 12.15 Uhr entwischte Ackermann durch einen Seitenausgang, zu schnell für fast alle Mikros und Kameras.

Immerhin: Der Deutsche-Bank-Chef war der einzige, der auf die Frage nach seinem Gehalt nicht auswich. Er bezifferte es mit 15 bis 20 Millionen Euro pro Jahr.

"Unsere Kinder sind unsere Freude"

Allein Funk und Zwickel, die beiden Pensionäre unter den Angeklagten, wagten sich heute vor. Funk, zu Zeiten der Übernahme durch Vodafone der Aufsichtsratschef, sagte nicht, warum er im Februar 2000 für sich selbst eine Prämie von rund 4,5 Millionen Euro ins Gespräch brachte und im ersten Wahlgang auch noch darüber abstimmte. Stattdessen wiederholte er teils wortgleich Formulierungen aus seiner ersten Einlassung vom Januar 2004. Etwa den Satz: "Eine feindliche Übernahme gleicht nicht einem Spaziergang durch einen Park, sie gleicht mehr einem Schlachtfeld." Das sollte wohl heißen, dass es bei Beschlussformalien schon mal unkonventionell zugehen konnte.

Zwickel, der Ex-Gewerkschaftschef und Mannesmann-Aufsichtsrat, sprach eine geschlagene Stunde lang. Anerkennungsprämien für erfolgreiche Manager seien aus seiner Sicht legitim, sagte er - selbst wenn die Zahlung gar nicht im Vertrag vorgesehen sei. Er habe Ähnliches auch bei anderen Unternehmen erlebt. Es war ein sehr Ackermann-haftes Argument vom früheren Boss der IG Metall.

"Ist das eine Laudatio?"

Hier und da blitzten schon Züge der Persönlichkeiten auf, die die geplanten 25 Verhandlungstage prägen werden. Klaus Esser, der zornige Streiter in eigener Sache, brachte es fertig, bereits beim simplen Vortrag seines Lebenslaufes seine Exzentrik zu zeigen. Während die anderen fünf Angeklagten nüchtern-chronologisch die Eckdaten ihres Lebens referierten, sprach Esser im fast essayistischem Stil, ausführlicher, und mit persönlichen Einsprengseln wie: "Unsere Kinder sind unsere Freude und unserer Stolz." "Toll", murmelt da spöttisch einer im Publikum.

Dort hinten auf den Zuschauerbänken war es dieses Mal leerer als noch 2004, viel leerer sogar - mancher kleine Ex-Mannesmann, der vor zwei Jahren noch zu den Prozessterminen pilgerte, hat den Glauben an "Gerechtigkeit" in der Causa Esser & Co. wohl inzwischen verloren. Die, die dennoch kamen, gehören noch immer zur Fraktion der Wütenden oder Enttäuschten. Auch sechs Jahre nach der Übernahme durch die Briten schmerzt es viele in Düsseldorf und rundherum, wie mit ihrem einst stolzen Röhren- und Stahlkonzern umgesprungen wurde.

"Ist das eine Laudatio?", frotzelt eine fast 70-Jährige Zuhörerin, während Zwickel seine Rede in eigener Sache vorträgt. "Nee, eine Einlassung", antwortete ihr Sitznachbar. "Der muss sich doch reinwaschen."



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