New Economy Prügelknaben der Nation

Die Internet-Unternehmer Paulus Neef (Pixelpark), Stephan Schambach (Intershop) und Karl Matthäus Schmidt (Consors) waren die Popstars der New Economy, heute sind ihre Firmen Sanierungsfälle.


Im SPIEGEL-Gespräch berichten die Gründer über Strategiefehler, enttäuschte Aktionäre und schadenfrohe Kritiker.

SPIEGEL: Herr Neef, Herr Schambach, Herr Schmidt, als wir uns in selber Besetzung vor gut einem Jahr zu einem SPIEGEL-Gespräch trafen, galten Sie als Helden der New Economy, heute werden Sie als Träumer oder sogar als Versager verspottet. Wie verkraften Sie das?

Intershop-Mitbegründer Stephan Schambach
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Intershop-Mitbegründer Stephan Schambach

Schambach: Es schmerzt mich sehr, wenn wir unsere Ziele verfehlen, Projekte zusammenstreichen und Mitarbeiter entlassen. Dass ich dafür Prügel beziehe, ist klar, das habe ich nicht anders erwartet. Mich interessiert aber nicht mein Image in der Öffentlichkeit, sondern wie wir Intershop wieder auf Erfolgskurs bringen.

Schmidt: Als ich "Unternehmer des Jahres" wurde, dachte ich mir schon: "Was soll das bedeuten, wir haben doch gerade erst angefangen?" Ich bin aber nicht nur ein Schönwetterkapitän, es macht sogar Spaß, bei hartem Wind zu segeln. Das spornt erst recht an.

Neef: Als intern die ersten negativen Meldungen eingingen, ahnte ich, dass jetzt die Kehrtwende bevorsteht. Das war der schwerste Moment für mich: schon vorher zu wissen, dass nun einiges auf Pixelpark zukommt. Ich hatte allerdings nicht erwartet, dass es so rasant und gewaltig umschlagen würde. Bis vor kurzem waren wir noch die Galionsfiguren der New Economy, jetzt sind wir die Prügelknaben der Nation.

SPIEGEL: Das klingt so, als hätten Sie keine Fehler gemacht?

Pixelpark-Chef Paulus Neef
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Pixelpark-Chef Paulus Neef

Neef: Natürlich hat nicht alles so geklappt, wie man sich das vorgestellt hat. Wir wollten zum Beispiel in New York mit 30 bis 40 Leuten eine Art Brückenpfeiler nach Amerika aufbauen. Wir haben aber schnell festgestellt, dass man dort unter 500 Leuten gar nicht erst wahrgenommen wird, also haben wir uns zurückgezogen. Vielleicht waren wir in manchen Dingen zu aggressiv und schnell, heute würde ich mit mehr Augenmaß rangehen.

Schambach: Hinterher ist man immer schlauer. Wir haben alle den großartigen Prognosen geglaubt. Lange Zeit ging es doch nur darum, möglichst schnell zu wachsen, Mitarbeiter einzustellen und Marktanteile zu vergrößern. Das war auch der Wunsch der Aktionäre, und dem hatte man sich zu stellen.

Neef: Im vergangenen Jahr fragten uns die Analysten noch: "How many people do you digest per quarter?" ­ wie viele Leute verdaut ihr im Quartal? Sie meinten damit, wie viele wir einstellen. Dieselben Leute fragen uns heute: Wie profitabel seid ihr?

SPIEGEL: Haben Sie nicht einfach den Mund zu voll genommen? Pixelpark wollte in einer Liga spielen mit McKinsey und Boston Consulting, Intershop ein Global Player der Software-Branche werden wie IBM oder SAP, und Consors strebte danach, gleich die gesamte Bankenwelt ins Wanken zu bringen.

Schmidt: Das haben wir auch. Schauen Sie sich mal an, wie viele Millionen die Banken investieren, um ihr Online-Geschäft hochzuziehen. Ich habe noch genau das Bild vor Augen, als Vorstände der Deutschen Bank durch eine Röhre gelaufen sind, um das E-Zeitalter einzuläuten. Der Aktionismus der Großen war die Antwort auf Consors.

Neef: Wir sind Unternehmer, unternehmen kommt von tun und nicht von Chancen vorbeischwimmen lassen. Wir haben unsere Chancen wahrgenommen, aber, zugegeben, manche Risiken unterschätzt. Sie sollten sich mal erinnern, wie die Stimmung war: Da gab es keinen, wirklich keinen, der es in Frage gestellt hat, die Aktie als Akquisitionswährung zu nutzen, um seine Marktposition auszubauen.

Schambach: Es sah ja vor einem Jahr auch alles wunderbar aus. Die Fässer waren sozusagen randvoll gefüllt mit Wasser ­ fertig zum Überlaufen. Wie schnell so etwas ins Kippen kommen kann, gehört sicher zu den Dingen, die ich für den Rest meines Lebens gelernt habe. Trotzdem bin ich fest davon überzeugt, dass man an diesen starken Wachstumsphasen teilhaben muss. Aber, und diese Lehre habe ich ebenfalls gezogen: Man sollte immer einen Plan B in der Tasche haben.

SPIEGEL: Nicht nur Ihre Geschäftserwartungen sind enttäuscht worden, auch der Glaube ist erschüttert, das Internet werde die Wirtschaft von Grund auf verändern, die New Economy würde die alte Elite aus der Macht drängen. War das alles nur heiße Luft?

Schmidt: Keiner von uns hat davon gesprochen, dass das Internet die Welt komplett umdreht. Von der Kutsche zum Auto war die Veränderung ebenfalls riesig, aber trotzdem fahren Autos immer noch auf Rädern. Immerhin haben wir in unserer Branche den Kunden so nah an die Börse gebracht wie einen Profi-Händler. Das ist schon ein Umbruch, den man nicht unterschätzen sollte.

Schambach: An reinen Internet-Firmen werden in der Tat wohl nur wenige übrig bleiben, der Online-Händler Amazon wird vermutlich eine Ausnahme bleiben. Aber die bestehende Wirtschaft wird durch das Internet von Grund auf verändert, daran habe ich keinen Zweifel. Was wir an Prozessautomatisierung in ein Unternehmen bringen, ist gewaltig, das sehen wir an jeder Ecke. Es geht zwar etwas langsamer voran, weil die Entscheidungen jetzt auf Vorstandsebene fallen, aber der Trend ist ungebrochen.

Neef: Das Internet bleibt für viele Industrien die Triebfeder der Veränderung. Einkauf, Vertrieb, Kundenbeziehungen ­ praktisch alle Teile der Wertschöpfungskette werden auf E-Business getrimmt. Da gibt es unendlich viele Möglichkeiten ...

Lesen Sie, wie die ehemaligen Darlings der New Economy ihre Unternehmen wieder auf Kurs bringen wollen - und was sie ihren Aktionären sagen.



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