New York Die Wall Street feiert

Mit einer kräftigen Kursrallye reagierten US-Anleger auf positive Wirtschaftsdaten und Analysten-Prognosen. Der Dow Jones kletterte auf den höchsten Stand seit Ende August, der Technologieindex Nasdaq auf ein Vier-Monats-Hoch.


AP

New York - An den US-Aktienmärkten triumphierte am Mittwoch die Hoffnung auf eine schnelle Konjunkturerholung. Positive Wirtschaftsdaten und ein optimistischer Ausblick des Oracle-CEO Larry Ellison sorgten für gute Stimmung an den Börsen. Das Investmenthaus Salomon Smith Barney korrigierte außerdem zum ersten Mal seit zwei Jahren die Gewinnprognosen für die Unternehmen im S&P 500 Index nach oben. Der Dow Jones kletterte am Mittwoch um 220 Punkte, der Technologieindex Nasdaq verbesserte sich um 84 Punkte.

Aufschwung im Visier

In den vergangenen vier US-Rezessionen nahmen die Aktienmärkte den Aufschwung mehrere Monate vor dem Ende der Konjunkturflaute vorweg. Unter Aktienhändlern macht zur Zeit ein Wall-Street-Sprichwort die Runde: "The stock market climbs a wall of worry." Seit Ende September verbesserte sich der Dow um 23 Prozent, der Technologieindex Nasdaq schoss um immerhin 44 Prozent nach oben. Das US-Wirtschaftsministerium veröffentlichte kurz nach Börsenstart den Nationalen Index der Einkaufsmanager (NAPM) im nicht verarbeitenden Gewerbe: Die Statistik schoss im November auf 51,3 Punkte nach oben, nach 40,6 Punkten im Oktober. Ein Wert über 50 bedeutet eine Ausweitung der Wirtschaftsaktivitäten in diesem Sektor. An der Wall Street hatte man nur mit einer Steigerung auf 43 Punkte gerechnet.

Der Chef-Volkswirt von Salomon Smith Barney fachte die Euphorie über die positiven Daten noch weiter an: Nach Ansicht von Steven Wieting wird sich das "US-Wirtschaftswachstum im Verlauf des kommenden Jahres sehr schnell erholen". Der Volkswirt korrigierte seine Prognosen zum ersten Mal seit zwei Jahren nach oben: Wieting erwartet nun einen durchschnittlichen Gewinn von 47,50 Dollar für die Unternehmen im S&P 500 Index, nach ursprünglich 46,50 Dollar.

Die Schätzungen für das laufende Jahr wurden ebenfalls nach oben korrigiert: Wieting schrieb an die Kunden von Salomon, er habe die Prognosen unmittelbar nach den Terroranschlägen vom 11. September "zu drastisch" gesenkt.

Der Dow Jones kletterte am Mittwoch um 2,23 Prozent auf 10.114 Punkte. Der breiter gefächerte S&P 500 stieg um 2,23 Prozent auf 1170 Zähler.

Die Liste der Gewinner im Dow wurde von Disney und Intel angeführt. Am schlechtesten schnitten Merck und Johnson & Johnson ab.

Der Chiphersteller Intel kletterte in den vergangenen 10 Wochen um 79 Prozent. Wie am Mittwoch bekannt wurde, hat Samsung Electronics die Preise für Halbleiter Anfang des Monats um bis zu 10 Prozent erhöht. Die Anleger hoffen auf bessere Gewinnmargen in der Branche. Trotzdem warnten Börsenhändler auf kurze Sicht vor Gewinnmitnahmen, angesichts der explosiven Rallye bei Chipwerten: Der Philadelphia Semiconductor Index verbesserte sich in zwei Monaten um 65 Prozent.

Der Aufschwung an den US-Aktienmärkten beflügelte die Finanztitel: An der Wall Street spekuliert man auf höhere Einnahmen aus Börseneinführungen und dem Wertpapier-Handel. Der Amex Securities Broker/Dealer Index kletterte um mehr als 6 Prozent.

Der Technologieindex Nasdaq schoss am Mittwoch um 4,27 Prozent nach oben, auf 2047 Punkte. Die Liste der Gewinner im Nasdaq 100 wurde von 3Com und Broadvision angeführt. Am schlechtesten schnitten McLeod USA und Metromedia Fiber ab.

Die Aktie von AOL Time Warner tendierte trotz eines Wechsels an der Führungsspitze freundlich. CEO Gerald Levin will nach eigenen Angaben im Mai kommenden Jahres in den Ruhestand gehen, der derzeitige COO Richard Parsons tritt seine Nachfolge an. Spekulationen auf einen zweiten Renner an den Kinokassen verschafften dem Medienkonzern Rückenwind: Unter dem Dach von Timer Warner wurden Harry Potter und die neue "Herr der Ringe"-Trilogie produziert.

Oracle CEO gibt sich optimistisch

Laut Larry Ellison, dem CEO von Oracle, stabilisiert sich das Geschäft des Softwarekonzerns. Ellison erwartet einen "spektakuläre Steigerung der Gewinnmargen", sobald eine Erholung der US-Konjunktur einsetzt. Der CEO gab aber keinen Zeitrahmen vor den erwarteten Aufschwung an. Erst im vergangenen Monat hatte Oracle die Gewinnprognosen nach unten korrigiert.

Das Investmenthaus Prudential Securities äußerte sich am Mittwoch in einem Bericht an Kunden kritisch zu dem Softwarekonzern: Nach Ansicht der Analysten wird sich das Gewinnwachstum weiter verlangsamen. Die Oracle-Aktie schoss trotzdem um mehr als 11 Prozent nach oben.

Die Zinsen der 10-jährigen Staatsanleihe kletterten am Mittwoch um 0,253 auf 49,01 Prozent. Der Dollar tendierte erneut freundlich, ein Euro kostet zur Zeit 88,62 Cents.

Von Christian Tempich, New York



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