New Yorker Megaprojekt Neues Gesicht für Manhattans Mitte

Es ist die letzte große Brachfläche New Yorks – nun soll sie bebaut werden. Der Konzern Tishman Speyer hat sich ein gigantisches Areal im Herzen Manhattan gesichert und will hier ein neues Stadtzentrum errichten: mit Glastürmen, Parks, Wohnungen. Nicht alle New Yorker sind begeistert.

Von , New York


New York - Jahrzehntelang haben sie sich gestritten um Manhattans größte Immobilientrophäe. 10,5 Hektar auf der West Side, direkt am Hudson River, unweit von Midtown, dem Bahnhof Penn Station und dem Madison Square Garden: Die Industriebrache Hudson Railyards, fast doppelt so groß wie Ground Zero, galt als begehrtester Preis, den New York einem Bauunternehmer zu bieten hatte – als Reißbrett für Architektenträume.

Insgesamt fünf Konzerne hatten sich zuletzt um das Geviert jenseits der zehnten Avenue beworben, alleine oder als Team. An diesem Mittwoch hat der Management-Riese Tishman Speyer den Zuschlag bekommen. Die Ironie daran: Der Tishman-Konzern - dem unter anderem auch das Rockefeller Center, das Chrysler Building und die Stuyvesant Town gehört, die größte Apartmentsiedlung Manhattans - verdankt sein Glück der US-Kredit- und Immobilienkrise.

Denn zwei seiner Rivalen warfen vorzeitig hin, nachdem sie die Finanzierung nicht mehr bewerkstelligen konnten. Auch die beiden anderen, die Immobilienunternehmen Durst und Vornado, konnten beim Pachtpreis am Ende nicht mithalten - obwohl sie sich zusammengeschlossen und den Medienkonzern Condé Nast ("Vanity Fair") als Co-Finanzier gewonnen hatten. Eine Milliarde Dollar bot Tishman - schätzungsweise zwei weitere Milliarden dürfte es kosten, das Gleisgestrüpp der Fernzüge von und nach New York unter die Erde zu verlegen, das das Areal durchzieht.

Die Verkehrsgesellschaft MTA, der das Riesengelände gehört, beachtete nicht allein die Höhe des Gebotes – sondern auch das Design. Für den Masterplan hat Tishman ein prominentes Star-Team engagiert: den deutsch-amerikanischen Architekten Helmut Jahn, den Landschaftsarchitekten Peter Walker und das Designbüro Cooper, Robertson & Partners. Jahn ist für sein Sony Center am Potsdamer Platz und den Frankfurter Messeturm bekannt, Walker für das avisierte World Trade Center Memorial und Cooper für die Satellitenstadt Battery Park City an der Südspitze Manhattans.

Die ersten Entwürfe für die "Hudson Yards" sehen vier Glas-Wolkenkratzer mit insgesamt einer Million Quadratmeter Bürofläche vor. Dazu Wohnhäuser mit rund 3000 Apartments, eine Schule, ein Kulturzentrum sowie fünf Hektar Freifläche und Parks. Eine Plaza mit einer Freitreppe, die auf den Designskizzen mit der Spanischen Treppe in Rom verglichen wird, soll als "New Yorks neuer Marktplatz" dienen. Wobei dazu aber erst mal die U-Bahn bis in diese bisher schwer erreichbare Ecke Manhattans verlängert werden müsste.

Auch sonst gibt es noch viele offene Fragen. Demnach soll die "High Line" - eine alte Hochbahntrasse vom West Village bis nach Midtown, deren Südteil als Museumspark restauriert wird - mit einbezogen werden. Allerdings nur teilweise, was wahrscheinlich zu scharfen Bürgerprotesten führen wird. Hinzu kommen enorme Logistik-Probleme. Die Gleise - die einzige West-Ost-Verbindung für Eisenbahnen durch Manhattan, die die Penn Station auf der West Side und die Grand Central Station auf der East Side mit der Außenwelt verbindet - müssen erhalten bleiben und mit Mega-Plattformen zugedeckelt werden.

Fest steht: Das Railyards-Projekt war bisher vom Planerpech verfolgt. Gigantomanische Visionen waren hier verkündet und ebenso schnell wieder verworfen. Ein Zwei-Milliarden-Dollar-Football-Stadion für die New York Jets sollte gebaut werden, um der Olympia-Bewerbung 2012 mehr Glaubwürdigkeit zu verleihen. Auch daraus wurde nichts.

Selbst für Tishman ging schon jetzt etwas schief. Eigentlich hatte sich der Konzern mit der Investmentbank Morgan Stanley als Hauptmieter und Co-Finanzier zusammengetan. Morgan Stanley wollte seine Firmenzentrale vom Times Square in einen brandneuen Wolkenkratzer auf den Railyards verlegen. Wegen der Kreditkrise zog die Bank sich jetzt zunächst zurück.

"Das ist der Prüfstein"

Experten sehen die Railyards als Lackmustest für die stadtplanerische Zukunft einer eingezwengten Metropole, die schon jetzt mit über acht Millionen Einwohnern aus allen Nähten platzt. "Dies ist der Prüfstein dafür, was als wichtig gelten wird, wenn New York immer weiter und größer nach vorne springt", sagte der Historiker Robert Caro, dessen Biografie des städtischen Masterplaners Robert Moses bis heute als Standardwerk gilt.

Mancher Anwohner fürchtet sich vor dieser Zukunft. Mit den Railyards stirbt das letzte Stück Industrie-Idylle in Manhattan, mit leeren Fabriken, Depots, Lagerhallen und Parkplätzen rings um die Gleisanlagen, die abends zu einer unheimlichen Phantasielandschaft mutieren. Schon warnen Aktivisten davor, diese Gegend zum "Shanghai-am-Hudson" zu machen, wie es Anna Hayes Levin sagte, Mitglied und frühere Chefin des Community Boards 4, der zuständigen Bürgerverwaltung des Stadtteils.

Doch Tishman Speyer muss sich nicht sorgen. Konzernchef und Mitgründer Jerry Speyer - Sohn deutscher und schweizer Eltern - hat beste politische Verbindungen ins Rathaus. Die kamen ihm schon zupass, als er im Oktober 2006 5,4 Milliarden Dollar für Stuyvesant Town hinblätterte, den gigantischen Backstein-Komplex aus Sozialwohnungen am East River. Damals versicherte Speyer den panischen Bewohnern, sie hätten nichts zu befürchten.

Inzwischen wurden die ersten mit astronomischen Mieterhöhungen vertrieben.



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