Nicht börsennotierte Unternehmen Amerikas verschwiegene Konzerngroßmächte

Sie sind die heimlichen Kraftzentren der US-Wirtschaft: Konzerne wie Koch, Cargill und Bechtel kommen Jahr für Jahr auf Multi-Milliarden-Umsätze – sind aber kaum bekannt, weil sie keine Aktien ausgeben. Ein neues Ranking zeigt die größten Konzerne Amerikas, die sich von der Börse fernhalten.

Von Shlomo Reifman


Der Neuzugang des Jahres kommt aus Auburn Hills, Michigan: Nachdem der Stuttgarter Autokonzern Daimler seine kriselnde US-Sparte an den Finanzinvestor Cerberus verkauft hat, ist der Name Chrysler von den Kurszetteln der Börsen verschwunden. In der Liste der 100 größten nicht börsennotierten Unternehmen Amerikas, die das Magazin "Forbes" jetzt wieder zusammengestellt hat, taucht Chrysler mit einem Jahresertrag von 62 Milliarden Dollar nun auf Platz drei auf.

An erster Stelle der Liste steht der Mischkonzern Koch Industries aus Kansas, der unter anderem Chemikalien, Kunststoffe, Dünger, Mineralien und vieles andere verkauft. An Platz zwei rangiert das Familienunternehmen Cargill aus Minnesota, das unter anderem Futter- und Lebensmittel anbietet.

Der neue Chrysler-Eigner Cerberus kontrolliert noch ein weiteres Unternehmen, das sich in den Top fünf der nicht gelisteten Spitzenkonzerne platzieren konnte: den Autofinanzierer GMAC Financial Services, dessen früherer Alleineigentümer General Motors inzwischen nur noch die restlichen 49 Prozent besitzt. Auch zwei weitere Cerberus-Firmen (Tower Automotive und die Handelskette Mervyns) schafften es in die Liste der umsatzstärksten nicht börsennotierten Unternehmen der USA.

Der Kauf von Chrysler durch Cerebus war mit einem Preis von 7,4 Milliarden Dollar eine der größten Übernahmen eines Industriebetriebes, den Finanzinvestoren bis dato realisiert haben. Es ist aber davon auszugehen, dass Chrysler, der drittgrößte Automobilhersteller der USA, in absehbarer Zeit wieder an die Börse zurückkehrt. Im Zeitalter des schnelllebigen Kapitals kaufen Finanzinvestoren notleidende Unternehmen auf und versuchen, sie im Eiltempo zu sanieren, um Profit aus ihrer Investition zu schlagen. Der gewinnbringende Ausstieg erfolgt entweder durch einen Börsengang oder einen Weiterverkauf des Unternehmens – in Gänze oder in Teilen – an andere Unternehmen.

Top Ten: Amerikas größte nicht börsennotierte Konzerne

1 Koch Industries
2 Cargill
3 Chrysler
4 GMAC Financial Services
5 PricewaterhouseCoopers
6 Publix Super Markets
7 Ernst & Young
8 Mars
9 Bechtel
10 C&S Wholesale Grocers

Sehen Sie hier, welche 90 anderen
Unternehmen noch auf der Liste stehen.

Quelle: Forbes.com

Im Gegensatz zu Chrysler finden sich auf der Liste vor allem Unternehmen, die nie an der Börse notiert waren oder zumindest seit langem von den Kurszetteln verschwunden sind. Bei vielen ist es recht unwahrscheinlich, dass ihre Besitzer sich für einen Börsengang entscheiden. Diese Besitzer, oft Nachkommen des Unternehmensgründers, bevorzugen die Anonymität. Sie wollen sich nicht dem Druck aussetzen, bestimmte Quartalsgewinne erreichen zu müssen, und die Finanzaufsicht behandelt sie weniger streng.

Die Börsenferne eignet sich oft besonders für weniger glamouröse Unternehmen der Grundversorgung: Supermärkte, Nahrungsmittelgroßhändler und Lieferanten, die auf relativ geringe Profitmargen kommen. Andere Unternehmen entscheiden sich gegen einen Börsengang, da ihre Erträge und Gewinne von Jahr zu Jahr stark variieren können.

Bratz-Puppen-Hersteller unter den Neuzugängen

Die diesjährige Liste umfasst einige altbekannte Größen - wie den Süßigkeitenhersteller Mars und die Publix Super Markets – aber auch einige Newcomer. Dazu gehört Dollar General, der 9,2 Milliarden Dollar schwere Discount-Markt, den der Finanzinvestor Kohlberg Kravis & Roberts zusammen mit Partnern im vergangenen Juli aufkaufte, ebenso wie der Spielzeughersteller MGA Entertainment (2,5 Milliarden Dollar Jahresumsatz) und der spanischsprachige Medienkonzern Univision Communications.

Chrysler-Logo: Finanzinvestoren wirbeln den Markt auf
AP

Chrysler-Logo: Finanzinvestoren wirbeln den Markt auf

Aufgrund von Übernahmen fehlen einige wenige Unternehmen, die im vergangenen Jahr noch auf der Liste vertreten waren. Nur eines davon schied aufgrund eines Börsengangs aus: Die Autovermietung Hertz Global Holdings ging Mitte November vergangenen Jahres an den Kapitalmarkt.

Um sich für die Liste der Top 100 zu qualifizieren, mussten Unternehmen einen Umsatz von mindestens einer Milliarde Dollar im Jahr erreichen. Hinzu kommen weitere Anforderungen: Ausländische Unternehmen, Unternehmen, die keine Einkommensteuer bezahlen (wie die von Indianern betriebene Glücksspielfirma Mohegan Tribal Gaming Authority), oder Unternehmen mit weniger als 100 Mitarbeitern schieden aus.

Auch Unternehmen, die sich zu 50 Prozent oder mehr im Besitz ausländischer Firmen oder anderer nicht börsennotierter Unternehmen befinden, werden nicht auf der Liste aufgeführt. Unternehmen, die vornehmlich als Vertragshändler in der Automobilbranche oder den Bereichen Immobilienanlagen und/oder Immobilien-Management tätig sind, wurden ebenfalls nicht in der Liste berücksichtigt.



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