Zur Ausgabe
Artikel 35 / 90
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

WERFTEN Nicht wasserdicht

Platzt der in Hamburg geplante Super-Auftrag zum Umbau der »United States«? *
aus DER SPIEGEL 37/1985

Die alarmierende Nachricht über seine Firma erfuhr Klaus Ahlers, Vorstandsvorsitzender der Howaldtswerke-Deutsche Werft (HDW), aus der Zeitung.

Einmütig, so meldete das »Hamburger Abendblatt« vergangenen Mittwoch, habe sich der HDW-Vorstand gegen den Umbau des US-Luxusliners »United States« ausgesprochen. Der zuletzt 485 Millionen Mark teure Auftrag für die Hamburger HDW-Werft sei kurz vor Vertragsabschluß geplatzt.

Doch Ahlers wußte gar nichts von der Absage: »Ich kann mir nicht vorstellen«, wunderte sich der HDW-Chef in Kiel, »wie die Meldung zustande gekommen ist.«

Das hatte sein Vorstandskollege Helmut Nadler besorgt. Per Telex ließ der Leiter der Hamburger HDW-Werft den »United States«-Eigner Richard Hadley in Seattle wissen, daß weitere Verhandlungen keinen Sinn hätten.

Drei Jahre lang hatte Nadler auf Drängen seines Chefs um den größten und teuersten Umbau in der Geschichte der

Schiffahrt gekämpft. Jetzt haben sich Nadler und Hadley über den Preis anscheinend endgültig zerstritten.

Hadley, ein Immobilienmakler, hoffte mit der »United States« - dem Anfang der fünfziger Jahre schnellsten Passagierschiff der Welt - groß ins Kreuzfahrtgeschäft einzusteigen. Für fünf Millionen Dollar kaufte Hadley den Ende der sechziger Jahre stillgelegten 53 000-Tonner von der US-Regierung.

Seitdem suchte Hadley Geldgeber und eine Werft für die Umrüstung der »United States« zum modernen Kreuzfahrtschiff für den amerikanischen Massentourismus. Der ins Reedergewerbe gewechselte Immobilienhändler will sein Traum-Schiff zwischen der US-Westküste und Hawaii pendeln lassen. Der Nostalgie-Dampfer sollte 1500 Passagieren mehr Platz für Unterhaltung und Sport bieten als jedes andere Kreuzfahrtschiff.

Im September vergangenen Jahres schien Hadleys Plan nach jahrelangen Verhandlungen mit Banken und Werften aufzugehen. Der Amerikaner wurde mit HDW handelseinig, ein 40 Seiten langer Vorvertrag in New York von Hadley und seinem deutschen Verhandlungspartner Helmut Nadler unterzeichnet. Veranschlagte Kosten des Umbaus: 400 Millionen Mark.

Bereits Ende 1985 sollte der auf einer US-Werft für den Umbau vorbereitete riesige Schiffskörper mit Schlepperhilfe von Norfolk nach Hamburg ins HDW-Dock 11 bugsiert werden.

Die HDW, eine Tochter des bundeseigenen Salzgitterkonzerns, hatte den Auftrag bitter nötig. Mangels Arbeit mußte die Firma in den letzten Jahren Tausende Beschäftigte entlassen. Die »United States« sollte 18 Monate die Arbeitsplätze auf der Werft sichern.

Nadler aber blieb trotz seines Verhandlungserfolgs skeptisch. »Wir müssen höllisch aufpassen«, warnte der Hamburger seine Mitarbeiter, »daß wir keine Pleite erleben.«

Tatsächlich fingen die Schwierigkeiten erst richtig an, als der Vertrag unterzeichnet war. Zunächst klaffte in der Finanzierung ein Loch, als die amerikanische Investmentbank Morgan Stanley aus dem Geschäft ausstieg. Denn außer dem alten Schiff und seinem Versprechen, die geplanten Kreuzfahrten würden Gewinn einfahren, konnte Hadley nicht viel bieten.

Anfang Juli aber schien der HDW-Auftrag mit der Nummer 438241 zumindest finanziell gesichert. Über die New Yorker Chase Manhattan Bank und Kapitalsammelgesellschaften in den USA, die Frankfurter Commerzbank und die bundeseigene Kreditanstalt für Wiederaufbau wurde die benötigte Millionensumme von Hadley und HDW aufgebracht.

Auf Drängen des HDW-Chefs Ahlers und mit dem Argument der Arbeitsplatzsicherung an der Küste bürgte die Bundesregierung über die Hermes-Kreditversicherung für ein Kreditvolumen von mehr als 260 Millionen Mark. Für letzte noch abzusichernde zehn Millionen gab die Hansestadt Hamburg Ende Juni eine Bürgschaft.

»Wir müssen wohl davon ausgehen«, fürchtete Wirtschaftssenator Volker Lange im internen Kreis, »daß wir irgendwann für die zehn Millionen zur Kasse gebeten werden.« Doch das Risiko, daß der Auftrag platzen könnte, weil Hamburg nicht mitzieht, wollte der SPD-Politiker nicht eingehen.

Neue Schwierigkeiten entstanden, als Hadley die HDW-Ingenieure mit immer neuen, teuren Änderungswünschen nervte. Deshalb und wegen des sich verzögernden Umbaubeginns konnten Zulieferfirmen die alten Preise nicht mehr halten. Innerhalb weniger Monate stiegen die Kosten auf 485 Millionen Mark. Schließlich reichte auch das nicht mehr.

Während der letzten Vorstandssitzung am vergangenen Montag ließ Nadler seine Kollegen wissen, daß voraussichtlich weitere 30 Millionen Mark benötigt werden, für die wohl kaum noch Bürgschaften aufzutreiben wären.

Doch HDW-Chef Ahlers hat inzwischen Order gegeben, weiterzuverhandeln. Ahlers: »Dann muß Hadley eben Abstriche beim Umbau machen, um den Preis zu halten.«

Ahlers gerät dabei immer stärker unter Zeitdruck. Denn am 1. Oktober soll der bisherige Zweigbetrieb der HDW in Hamburg ein eigenständiges Unternehmen im Salzgitterkonzern werden - mit Helmut Nadler an der Spitze. Bis dahin, so Ahlers im Vorstand, müsse der Auftrag wasserdicht sein.

Unter Erfolgszwang allerdings, wie noch vor einem Jahr, steht HDW-Hamburg nicht mehr. Denn auch ohne die »United States«, so heißt es, habe sich die Auftragslage inzwischen gebessert. Ein HDW-Ingenieur: »Unter Umständen würde uns der risikoreiche US-Auftrag sogar blockieren.«

Zweifel an der »United States« gibt es nicht erst jetzt. Bereits Anfang der achtziger Jahre hatte Ahlers-Vorgänger Norbert Henke ein Angebot Hadleys kategorisch abgelehnt. Henke damals: »Da muß man nicht mal lange prüfen, der Umbau kann sich gar nicht rechnen.«

Daß die »United States« - wie schon einmal in den sechziger Jahren - Verluste statt Gewinne einfahren würde, wird immer wahrscheinlicher. Auf den lukrativen US-Markt für Kreuzfahrten nämlich drängen inzwischen Unternehmen, die mehr von Seereisen verstehen als der Immobilienhändler Hadley.

So hat die norwegische Reederei Royal Caribbean Cruise Line ein 70 000-Tonnen-Schiff für 2500 Passagiere in Auftrag gegeben. Und das Konkurrenz-Unternehmen Norwegian Caribbean Line will gar das größte Passagierschiff der Seefahrtgeschichte auf Kiel legen lassen - einen 90 000-Tonnen-Neubau für 3000 Kreuzfahrtgäste. Beide Reedereien

spekulieren wie Hadley auf amerikanische Kundschaft.

»Die Verluste der 'United States'«, warnt ein Hamburger Schiffsmakler, »würde doch der deutsche Steuerzahler tragen müssen.« Schließlich bürgten der Bund und das Land Hamburg gemeinsam für mehr als 270 Millionen Mark deutsche Kredite, die erst aus den unsicheren Gewinnen der »United States«-Reisen zurückgezahlt werden sollen.

Das Geld, glaubt der Schiffahrtsexperte, ließe sich »an der Küste wahrhaftig besser anlegen als in einem amerikanischen Pleiteschiff«.

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 35 / 90
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.