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GEWERKSCHAFTEN Nichts gelernt

Die umstrittene Geldanlage von Coop-Managern ist peinlich für den Aufsichtsrat - er hatte sie gebilligt. *
aus DER SPIEGEL 29/1985

Bernd Otto ist eine rheinische Frohnatur, leutselig und unbefangen. Doch seit einer Woche fühlt er sich schief angesehen, und das drückt auf seine Stimmung.

Otto, Vorstandsvorsitzender der von den Gewerkschaften kontrollierten Co op AG, sieht sich plötzlich mit Albert Vietor verglichen, dem gefeuerten Chef der Neuen Heimat (NH). Da kommt, wie Otto verbittert feststellt, mit einem Mal der »Ruch des Kriminellen« auf - wegen eines eher bescheidenen Immobiliengeschäfts.

Otto hatte sich 1982 privat mit 300000 Mark an einem Immobilienfonds beteiligt. Dieser Fonds diente dazu, Gelder für den Neubau eines Lager- und Verwaltungszentrums der Co op in Sarstedt _(Am 10. Juli. )

bei Hannover zu sammeln. Weil nun Arbeitsplätze von Hamburg nach Sarstedt verlagert werden sollen, gerieten Otto und weitere am Fonds beteiligte Co-op-Manager in den Verdacht, eigene finanzielle Interessen mit denen des Unternehmens zu verquicken.

Es ist kein Fall wie die Neue Heimat, weder von der Größenordnung noch von der Machart her. Doch einmal mehr zeigt sich, daß die Gewerkschaften dem Anspruch, mit ihren Unternehmen in der rauhen kapitalistischen Wirklichkeit beispielhaftes Verhalten vorzuführen, nur schwer gerecht werden.

Der Schock, den die Enthüllungen über die Geschäfte von Vietor und Genossen auslösten, ist noch nicht überwunden. So konnte auch Co-op-Chef Otto nur Empörung und gereiztes Mißtrauen erwarten, als er den Mitarbeitern sein privates Immobiliengeschäft zu erläutern versuchte.

Auf der Betriebsversammlung der Coop-Niederlassung Nord im Hamburger Congresscentrum hatte der von Otto entsandte Vertreter der Geschäftsleitung einen schweren Stand. Durch ungeschicktes Taktieren und rüden Umgang mit dem Betriebsrat hatten die Co-op-Manager die Stimmung im Unternehmen zusätzlich angeheizt.

Kurz zuvor war der Betriebsratsvorsitzende Jürgen Siewert fristlos entlassen worden. Siewert hatte angeblich geheime Aufsichtsratsprotokolle weitergegeben und den Co-op-Vorstand verdächtigt, in Hamburg Arbeitsplätze abzubauen, um sich persönlich durch die Verlagerung nach Sarstedt zu bereichern.

Mit der Kündigung erreichten die Coop-Manager lediglich, daß die über 1000 Mitarbeiter den Betriebsratsvorsitzenden auf der Betriebsversammlung feierten wie einen Helden, den Vertreter der Geschäftsleitung jedoch auspfiffen und niederschrien. Außerdem reizten sie die zuständigen Gewerkschaftsfunktionäre zu scharfen Protesten.

Der Co-op-Vorstand habe aus dem Neue-Heimat-Skandal nichts gelernt, meinte Arnold Krause von der Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen (HBV). Auf Initiative der Gewerkschaft Nahrung, Genuß, Gaststätten (NGG) forderten die Co-op-Mitarbeiter den Vorstand auf, die Kündigung des Betriebsratsvorsitzenden »unverzüglich rückgängig zu machen«. Außerdem verlangten sie eine »sofortige Klärung« aller gegen den Co-op-Vorstand erhobenen Vorwürfe, »mit der Folge, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen«.

Die Klärung wäre auf der Stelle möglich gewesen, denn auf dem Podium saß Erich Zörn, Vorsitzender des Gesamtbetriebsrats und Mitglied des Co-op-Aufsichtsrats. Zörn aber wußte von Anfang an über die Beteiligungen an dem umstrittenen Immobilienfonds Bescheid.

Im Aufsichtsrat war darüber bereits am 26. März 1982, sechs Wochen nach dem SPIEGEL-Titel über Vietors Strohmann-Geschäfte bei der Neuen Heimat, ausführlich diskutiert worden. Co-op-Chef Otto mußte damals den durch die NH-Affäre aufgeschreckten Aufsichtsräten erklären, weshalb die Vorstandsmitglieder privates Geld in das Projekt Sarstedt stecken wollten.

Über einen Immobilienfonds, so argumentierte Otto, könne die Co op besonders günstig an die für den Neubau nötigen Gelder kommen. Während das Unternehmen für Bankkredite zehn Prozent Zinsen zahlen müsse, bräuchte Co op an die Zeichner des Fonds nur 6,4 Prozent auszuschütten. Für die Anteilseigner sei das aber immer noch ein lohnendes Geschäft, denn durch Steuervorteile kämen sie auf eine Rendite von etwa zwölf Prozent.

Damit aber die Interessenten wüßten, daß es sich bei diesem Fonds nicht um irgendein windiges Abschreibungsprojekt der üblichen Art handle, müßten sich auch Co-op-Manager selbst mit eigenem Geld beteiligen. Das Aufsichtsratsprotokoll verzeichnet nach Ottos Erläuterungen »zustimmende Kenntnisnahme«. Der Vorwurf der Hamburger Coop-Beschäftigten, ihre Arbeitsplätze würden nach Sarstedt verlegt, weil die Vorstandsmitglieder an dem Neubau beteiligt seien, ist somit entkräftet. Denn Zinsen und Steuervorteile liegen fest, unabhängig von der Auslastung des Gebäudes.

Betriebsratsvorsitzender Zörn wagte es nicht, vor über 1000 wütenden Co-op-Mitarbeitern zu bekennen, daß er das private Investment der Co-op-Führung gebilligt hatte. Ähnlich zurückhaltend waren anderntags auch andere Aufsichtsräte, etwa die Gewerkschaftsvorsitzenden Günter Döding von der NGG und Günter Volkmar von der HBV.

Beide warteten zunächst ab und ließen die Co-op-Manager allein mit den Angriffen fertig werden. Alfons Lappas, der Aufsichtsratsvorsitzende, war nur zu einer wolkigen Erklärung bereit. Man werde die Beteiligung der Vorstandsmitglieder »demnächst diskutieren«, ließ Lappas mitteilen. Kein Wort darüber, daß er mit Otto schon mehrmals darüber gesprochen hat.

Am Freitag vergangener Woche, am vierten Tag nach den Veröffentlichungen, zog dann Volkmar nach: Die Beteiligungen seien »juristisch und steuerrechtlich« nicht zu beanstanden. Doch böten sie »vielfältige Möglichkeiten für politische Fehlinterpretationen und Verdächtigungen«. Gewerkschaftspolitisch seien weitere Beteiligungen von Co-op-Vorständen »nicht vertretbar«.

Das ist der Stand der Gewerkschaftsmoral von Anfang 1984. Schon damals hatte der DGB-Vorsitzende Ernst Breit den Co-op-Chef auf einer Klausurtagung beiseite genommen und gemahnt, es dürfe auch nicht der geringste Anschein von Interessenkollision entstehen. Otto sicherte zu, er und seine Kollegen würden sich künftig an keinen Immobilienfonds mehr beteiligen.

Otto findet es zwar »ökonomisch widersinnig«, daß die Co-op-Vorstände ihr Geld selbst bei der Konkurrenz, nicht jedoch im eigenen Unternehmen anlegen dürfen. Aber er hat seine Lektion gelernt: Seine bisherigen wirtschaftlichen Überlegungen seien »politisch vielleicht doch allzu blauäugig«.

Am 10. Juli.

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