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ZUKUNFT Nichts stimmt mehr

Mit einem Bericht über die »Grenzen des Wachstums« errang der »Club of Rome« 1972 Weltruhm. Club-Präsident Peccei schrieb jetzt »so etwas wie ein Programm« des renommierten Vereins - eine düstere Warnung.
aus DER SPIEGEL 21/1981

Groß ist die Zahl seiner Gesinnungsfreunde unter den Mächtigen der Welt nicht. Kanadas Premier Pierre Elliot Trudeau zählt Aurelio Peccei, der Präsident des Club of Rome, zu den Sympathisanten seiner Gruppe, auch Mexikos regierendes Staatsoberhaupt Jose Lopez Portillo und der venezolanische Staatspräsident Luis Herrera Campius gehören dazu.

Daß die Regierenden dieser Welt dem römischen Club und seinem Vorsteher wenig oder gar keinen Beifall spenden, ist so verwunderlich nicht. War es doch der Club of Rome, der mit seinem 1972 erschienenen Bericht über »Die Grenzen des Wachstums« erstmals weltweit jenes polit-ökonomische Patentrezept in Frage gestellt hat, das den Politikern in den Industriestaaten die Arbeit jahrzehntelang so ungemein erleichterte.

»Die Arbeit des Club of Rome«, sagt Peccei, »ist eine Provokation«; und provozieren wollte Peccei offenbar auch, als er nun selbst ein Buch schrieb »über die Alternativen, vor denen die Menschheit steht«.

( Aurelio Peccei: »Die Zukunft, in ) ( unserer Hand«. Verlag Fritz Molden; 224 ) ( Seiten; 19,80 Mark. )

Der SPIEGEL druckt einen Auszug aus dem Peccei-Werk (siehe Seite 82).

Ausdrücklich hält der Italiener im Vorwort zu seinem Buch fest, daß er das Opus im eigenen Namen und nicht im Auftrag seines Clubs schrieb. Doch der Club-Chef ist unbescheiden genug, in seinen Zeilen »so etwas wie ein Programm« des ganzen Vereins zu sehen.

Es sieht bös aus: Der Homo sapiens, so Peccei, hat durch Naturwissenschaften und Technik in den letzten zwei Jahrhunderten ein »Übermaß an Macht« erlangt und ist nun zielstrebig dabei, seinen eigenen Untergang zu besorgen.

Nichts stimmt mehr auf dem Erdball: Während die Menschen sich wie die Kaninchen vermehren, zerstören sie ihre Lebensgrundlagen in den wichtigsten biologischen Systemen. Während die Regierungen zu Beginn der Achtziger absolut hilflos den vielfältigen Wirtschaftsproblemen gegenüberstehen, stürzten sie sich in einen neuen teuren Rüstungswettlauf.

Doch wie sein Club, der im Laufe der Siebziger über Auswege aus der Malaise nachdachte, beläßt es auch Peccei nicht bei den apokalyptischen Visionen. Er malt eine schöne neue Welt, wo Ökonomie und Ökologie nicht im Widerstreit stehen, wo die natürlichen Ressourcen nicht vergeudet werden, wo »die Bewahrung der Natur« Vorrang hat vor den »Mythen der Konsumgesellschaft« und das Bedürfnis nach Sicherheit »nicht durch Rüstung, sondern durch die kulturelle Reife der Individuen und Gesellschaften erfüllt werden kann«.

Kein Rezept für Entscheidungsträger in den Regierungszentralen; keine Weltsicht, gewiß, die Applaus von den Helmut Schmidts, wo immer sie Länder zu regieren versuchen, bekommt. Doch das kann Aurelio Peccei nicht beirren. Die »reale Utopie«, sagt er, sei sein Geschäft, nicht die »reale Politik«. Und er schreibt: »Wenn man die Zukunft entwerfen will, muß man alles neu machen.«

Der sich so viele Gedanken über die Zukunft der Menschheit macht, ist mit seinen 72 Jahren in einem Alter, da andere nur noch über die Vergangenheit, am liebsten die eigene, schreiben.

Von Berufs wegen war Aurelio Peccei Zeit seines Lebens weniger zum Denken als zum Handeln verpflichtet. Von 1930 bis zu seiner Pensionierung 1973 diente der promovierte Volkswirt dem Fiat-Konzern, vor dem Krieg unter anderem in China, nach dem Krieg (und dem sechsjährigen Widerstandskampf gegen das Mussolini-Regime) auch einige Jahre in Südamerika.

Ende der sechziger Jahre überkam den polyglotten Italiener das Gefühl, daß er der Menschheit noch etwas mehr als spritzige Autos bieten müßte. Auf Kosten seines Chefs Agnelli rief er in Rom dreißig Europäer zusammen, die zusammen mit ihm über die Zukunft nachdenken sollten.

Das Treffen wurde ein Flop. Den ganzen Nachmittag des ersten Sitzungstages stritten sich anglo- und frankophone Wissenschaftler über die verschiedenen Inhalte des englischen Begriffs »system« und des französischen »systeme«.

Erst auf dem nächsten, besser vorbereiteten Treffen fanden die Clubmitglieder zusammen. Sie beschlossen, ein Modell der Welt in Auftrag zu geben. Für rund eine Million Mark, vom Clubmitglied und Mechanik-Professor Eduard Pestel aus Hannover bei der Volkswagenstiftung lockergemacht, errechneten sodann Wissenschaftler des renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT) die Grenzen des Wachstums.

Pecceis Verein war auf einmal eine weltweite Berühmtheit, die Anmeldungen für eine Mitgliedschaft häuften sich. Heute zählt der in Genf registrierte Club 100 Mitglieder, und mehr kommen auch nicht mehr rein.

40 Nationalitäten birgt Pecceis Mitgliederkartei inzwischen. Aus Deutschland ist neben Pestel noch Gerhard Merzyn dabei, Chef des Hamburger Bildungsinstituts »Haus Rissen«.

Es sind Wissenschaftler und Praktiker mit durchaus verschiedenen geistigen Herkünften -- von der überzeugten italienischen Katholikin Eleonora Masini bis zu dem Marxisten Adam Schaff, einem in Wien lebenden Polen.

Einig sind sie sich in einem: daß die Menschheit nur überleben wird, wenn sie lernt, so das Fazit des 1979 erschienenen 3. Berichts an den Club, krisenhafte Veränderungen in der Welt vorweg zu begreifen und zu steuern.

Vom Begreifen bis zum Steuern ist freilich ein weiter Weg. Selbst Club-Sympathisant Trudeau bekannte einmal dem Aurelio Peccei: »Wenn ich tun würde, was Sie sagen, dann würde ich gewiß nicht wiedergewählt.«

S.81Aurelio Peccei: »Die Zukunft, in unserer Hand«. Verlag Fritz Molden;224 Seiten; 19,80 Mark.*

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