Geschlechterdebatte in der Wirtschaftswissenschaft "Männer und Frauen verhalten sich unterschiedlich"

Deutschlands Volkswirte diskutieren über die Gleichberechtigung der Geschlechter. Die Professorin Nicola Fuchs-Schündeln erklärt, warum so wenig Frauen in der Ökonomie vertreten sind und was für eine Quote spricht.
Ein Interview von Michael Sauga
Ökonomin Nicola Fuchs-Schündeln: Das Genderthema ist für die Beantwortung zentraler wirtschaftlicher Fragen unumgänglich

Ökonomin Nicola Fuchs-Schündeln: Das Genderthema ist für die Beantwortung zentraler wirtschaftlicher Fragen unumgänglich

Foto: Kay Nietfeld / picture alliance / dpa

SPIEGEL: Frau Fuchs-Schündeln, die deutschen Volkswirte wollen sich auf ihrem Jahrestreffen diese Woche mit der Gleichberechtigung der Geschlechter beschäftigen. Kann das gelingen - wo doch die Ökonomie vielen als eher männliche Wissenschaft gilt?

Fuchs-Schündeln: Da bin ich anderer Meinung. Zwar gibt es unter den deutschen Ökonomieprofessoren nur wenige Frauen, wie der neue Statusbericht unserer Vereinigung zeigt. Beim Nachwuchs sieht es aber besser aus, und in der Wissenschaft selbst hat sich viel getan. In allen Feldern der Ökonomie ist inzwischen angekommen, dass das Genderthema für die Beantwortung zentraler wirtschaftlicher Fragen unumgänglich ist.

SPIEGEL: Aber im Mittelpunkt der Wirtschaftswissenschaft steht noch immer das nüchterne Abwägen von Kosten und Nutzen. Ist das nicht eine extrem kalte, männliche Sicht auf die Welt?

Fuchs-Schündeln: So fangen nur die einfachsten Modelle an. Inzwischen ist auch in der Ökonomie die Erkenntnis gewachsen, dass zum Beispiel Normen und gesellschaftlicher Status eine wichtige Rolle spielen und Menschen auch mal uneigennützig handeln. Natürlich bedient sich die Ökonomie quantitativer Methoden. Das würde ich aber nicht als etwas typisch Männliches ansehen. Die Ökonomie als Sozialwissenschaft stellt Fragen, die Frauen ebenso interessieren wie Männer.

SPIEGEL: Viele ihrer männlichen Kollegen halten die Geschlechterfrage eher für Gedöns, wie es der frühere Bundeskanzler Gerhard Schröder auszudrücken pflegte. Gab es Bedenken, die Jahrestagung unter dieses Thema zu stellen? 

Fuchs-Schündeln: Nein, über dieses Stadium sind die Ökonomen, ob männlich oder weiblich, längst hinaus. Inzwischen ist es wissenschaftlicher Mainstream, dass private Haushalte keine geschlechtsneutralen Einheiten sind. Stattdessen haben viele Studien gezeigt, dass sich Männer und Frauen unterschiedlich verhalten, beispielsweise über den Konjunkturzyklus hinweg. Das hat wichtige ökonomische Folgen, auch für die Finanz- oder Geldpolitik.

SPIEGEL: Auf dem Arbeitsmarkt wiederum ist die Gleichberechtigung in den vergangenen Jahren stark vorangekommen. Inzwischen sind in Deutschland so viele Frauen berufstätig wie nie zuvor. Ist das nicht ein großer Erfolg? 

Fuchs-Schündeln: Es stimmt, dass die Erwerbsbeteiligung der Frauen in der Bundesrepublik heute in etwa dem europäischen Durchschnitt entspricht. Doch zugleich liegt die Zahl ihrer wöchentlichen Arbeitsstunden so niedrig wie in kaum einem anderen Land. Die meisten Frauen arbeiten Teilzeit, und dafür sind vor allem ökonomische Gründe ausschlaggebend.

"Eine Quote ist immer nur die zweitbeste Lösung."

SPIEGEL: Welche?

Fuchs-Schündeln: Das Ehegattensplitting belohnt, wenn Frauen nur im Nebenerwerb arbeiten. Hinzu kommt das System der Minijobs, das nur eine begrenzte Zahl von Arbeitsstunden zulässt. Beides trägt dazu bei, dass sich viele Paare hierzulande für die traditionelle Rollenaufteilung zwischen Erwerbstätigkeit und Kinderbetreuung entscheiden. In diesem Punkt liegt die Bundesrepublik im internationalen Vergleich ganz hinten.

SPIEGEL: Das gilt offenbar auch für die Wirtschaftswissenschaft, wie ihre Studie zu den Professorenstellen gezeigt hat. Könnte eine Quote Abhilfe schaffen?

Fuchs-Schündeln: Eine Quote ist immer nur die zweitbeste Lösung. Ich wäre froh, wenn wir sie nicht einführen müssten. Andererseits hat die Verhaltensökonomie gezeigt, dass man aus fest gefügten Rollenbildern erst herauskommt, wenn die Zahl weiblicher Rollenvorbilder groß genug ist. Deshalb kann eine Quote der richtige Weg sein, um schneller voranzukommen, auch in der Wissenschaft.