Zur Ausgabe
Artikel 38 / 107
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Nixdorf: »Wir müssen kämpfen wie noch nie« Das Vorzeigeunternehmen

der westdeutschen Elektronikindustrie muß nach einer langen Reihe glanzvoller Jahre erstmals Rückschläge hinnehmen. Die Umsätze bleiben weit hinter den Erwartungen zurück, der Börsenkurs und die Gewinne verfallen. Ohne einschneidende Maßnahmen droht dem Unternehmen jetzt eine Flut roter Zahlen.
aus DER SPIEGEL 48/1988

Die zwei Wochen Entspannung, die sich Klaus Luft Ende Oktober auf den Golfplätzen Mallorcas gönnte, waren wohl die letzten beschaulichen Tage vor einem eisigen Winter. Kaum in Paderborn zurück, brach eine Flut schlechter Nachrichten über jenen Mann herein, der seit März 1986 die Geschicke des nach Siemens zweitgrößten deutschen Computerherstellers bestimmt.

Bei dem Paderborner Unternehmen herrscht Krisenstimmung. Das Produktprogramm der Computerfirma ist zersplittert und veraltet, die Kosten sind kaum noch konkurrenzfähig.

Nixdorf - der Name vermittelte den Deutschen noch vor Jahresfrist das Gefühl, nicht gänzlich von den Elektronik-Konkurrenten aus den USA und Japan abgehängt worden zu sein.

Jahrelang, bis zu seinem Tod 1986, hatte der exzentrische Firmengründer Heinz Nixdorf mit einem genialen Gespür für Geld und Geschäft die Firma über alle Klippen von Erfolg zu Erfolg geführt. Der Erfinder aus dem Westfälischen verstand es wie kein anderer unter den deutschen Computerpionieren, aus technischen Einfällen in großem Stil Geld zu machen. Die Firma Nixdorf, in einer Kellerwerkstatt gestartet, wuchs zu einem Unternehmen mit über fünf Milliarden Mark Umsatz und 30 000 Beschäftigten.

Nixdorfs Nachfolger Klaus Luft, 47, hatte die Erfolgsstory mit Macht fortschreiben wollen. »Sicher«, so der immer selbstbewußte Luft, »wir können auch IBM schlagen.«

Das wird wohl noch eine Weile dauern. Seit Monaten häufen sich die Anzeichen, daß bei der Erfolgsfirma, deren Image in den besten Tagen selbst das von Daimler-Benz übertraf, allzu vieles nicht mehr so ist, wie es sein soll.

Es begann mit einer ganzen Serie von Betrugsfällen, die Nixdorf in die Schlagzeilen brachten (siehe Kasten Seite 111). Und es setzte sich fort mit immer deutlicheren Indizien für einen wirtschaftlichen Schwächeanfall.

Erstmals in der Geschichte des Unternehmens sackt das Plus bei den Umsätzen in diesem Jahr deutlich unter die Marke von zehn Prozent. Bei den Gewinnen erwischte es die Paderborner noch ärger. Mit relativ mageren 150 Millionen Mark muß Nixdorf, so die Schätzungen der Experten, einen Schwund gegenüber dem Vorjahr von satten 40 Prozent hinnehmen.

Was bei oberflächlicher Betrachtung nur wie ein Betriebsunfall aussieht, ist in Wahrheit das Ergebnis einer schon lange absehbaren Fehlentwicklung. Bei dem einstigen Liebling der Börse kommt vieles zusammen. Hausgemachte Fehler, eine Baisse auf dem deutschen Computermarkt und die neue Aggressivität der internationalen Konkurrenz bilden eine gefährliche Mischung.

Eine interne Analyse über die »Struktur des Ertrags« zeichnet ein düsteres Bild. Wenn Nixdorf so weitermacht wie bisher, dann steckt das Unternehmen spätestens in fünf Jahren nachhaltig in roten Zahlen.

Im Vertrauen auf eine ewige Wiederholung der gewohnten Erfolgserlebnisse hatte Luft bis Mitte des Jahres noch voll auf Expansion gesetzt. In nur 18 Monaten stellte das Unternehmen 5000 neue Mitarbeiter ein, gleichzeitig trieb der Vorstandsvorsitzende ehrgeizige Projekte voran.

Mit neuen leistungsstarken Computern wollte Luft, dessen Firma bislang vornehmlich Dienstleistungsfirmen und mittelständische Unternehmen bedient, auch in die industrielle Fertigung und in die zentralen Rechnerparks der Firmen einbrechen. Auf dem nordamerikanischen Markt, wo die Paderborner trotz jahrelanger Mühen noch ziemlich unbekannt sind, wurde ein überaus teurer Neuanfang inszeniert.

Obendrein schob Luft ein Projekt von fast schon historischem Ausmaß an: Alle Computer des Hauses und Dutzende von Programmen, die zum Teil schon seit Jahrzehnten bei den Kunden laufen, werden auf ein anderes Betriebssystem mit dem Namen Unix umgestellt. Der Neuanfang ist überfällig.

Nixdorfs Tagesgeschäft mit dem Mittelstand und den Banken basiert noch heute auf einem betagten System aus dem Jahre 1976, ein wohl einmaliger Fall in der schnellebigen Branche. Nixdorf war mit dem alten Gerät bisher ausgekommen - weil die Komplettlösungen des Hauses insgesamt so erprobt und ausgefeilt waren, daß die Kunden die alte Basistechnik einfach hinnahmen. Luft vertraute auf seinen Wahlspruch: »Wir verkaufen keine Chips, wir verkaufen Grips.«

Das reicht nun nicht mehr in einer Zeit, in der das Geldverdienen mit Computern so schwer geworden ist wie nie zuvor. Die Branche liefert sich Preiskämpfe in bisher unbekannter Härte; der niedrige Dollar erschwert den deutschen Unternehmen den Export und erleichtert den Ausländern den Import; Großindustrie und Banken zögern mit neuen Aufträgen.

»Wir müssen so hart wie noch nie um jeden Auftrag kämpfen«, klagt Luft.

Das geht anderen auch so. Doch Nixdorf hat noch mit einem Sonderproblem zu kämpfen: Als Spezialist für die sogenannte mittlere Datentechnik hat Luft das Geschäft mit den Personal Computern (PC) vernachlässigt. Genau dieser Teil des Marktes aber wartet noch heute mit Zuwachsraten von 70 bis 80 Prozent bei den Spezialitäten auf.

Die überaus leistungsfähig gewordenen PC übernehmen in Büros und Verwaltungen die Aufgaben, für die bisher weitaus teurere Nixdorf-Maschinen angeschafft wurden. Mit dem neuen leistungsstarken PC-Betriebssystem OS/2 will Marktführer IBM in diesem Segment die Konkurrenz das Fürchten lehren. OS/2 arbeitet in fast beliebig großen Netzwerken ("token ring« genannt), läßt sich ohne viel Aufwand an die Zentralrechner anschließen und ist das erste einheitliche System für Büro und Verwaltung.

IBM hat allein in Deutschland mehr als tausend Mitarbeiter aus Produktion und Verwaltung abgezogen, um sie im Vertrieb effektiver einzusetzen. Die neue Aggressivität des Marktführers trifft keinen anderen Konkurrenten so hart wie Nixdorf.

Luft will jetzt reagieren. Bei Nixdorf soll gespart werden, und die Firma soll sich auf die wirklich ertragreichen Geschäfte konzentrieren. Luft: »Wir brauchen eine neue Unternehmenskultur.« Das Unternehmen muß, so der Chef, zum »Systemintegrator« werden.

Nicht mehr die Produktion von Maschinen soll zukünftig bei Nixdorf im Vordergrund stehen, sondern die Beratung der Kunden - egal, für welche Computermarke die sich entschieden haben.

Vom Computerhersteller zum freischwebenden Problemlöser? Die Strategie könnte sich als riskant erweisen, könnte Nixdorf zu einem beliebigen Software-Anbieter machen, der in Konkurrenz zu vielen anderen steht.

Schließlich verfügt Nixdorf über nagelneue Fabriken in Paderborn, Berlin und Singapur, die ausgelastet werden müssen. Und: Nixdorf stößt als Software-Neuling in ein Revier vor, das von Anbietern wie SAP, Softlab oder Cap Gemini seit Jahren bedient wird.

Klaus Luft irritieren solche Einwände nicht, er sieht sich, erfolgsverwöhnt, schon wieder vorne: »Eine so breite Basis wie wir haben andere Software-Häuser nicht.«

Vorsichtshalber bittet der Nixdorf-Chef allerdings schon mal um Schonzeit. »Die Jahre '88 und '89 sind die Jahre des Übergangs.« Danach, »Anfang der neunziger Jahre«, soll Nixdorf wieder groß herauskommen: »Bis dahin belastet die Umstellung unser Geschäft.« #

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 38 / 107
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.