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»Noch viele gehen pleite«

aus DER SPIEGEL 32/1996

SPIEGEL: Herr Corsten, der Stuttgarter Reiseveranstalter Hetzel ist pleite. Hat Sie diese Nachricht überrascht?

Corsten: Der Zeitpunkt hat schon überrascht. Abzusehen war allerdings, daß Mittelständler wie Hetzel und auch Kleinunternehmen zunehmend in Schwierigkeiten geraten. Sie können die Schwankungen im Kundenverhalten immer schwerer auffangen.

SPIEGEL: Liegt das nur an hausgemachten Fehlern? Oder haben die kleinen Reiseveranstalter einfach immer seltener eine Chance?

Corsten: Es liegt sicher auch an hausgemachten Fehlern, wobei sich die von außen schwer einschätzen lassen. Ganz generell gilt: Die Situation der Me-too-Veranstalter hat sich nach der Vertriebsliberalisierung deutlich verschlechtert. Ich habe deshalb schon vor dem Konkurs von Hetzel prophezeit und bleibe dabei: Noch viele gehen pleite oder müssen bei größeren Konkurrenten Unterschlupf suchen.

SPIEGEL: Wie viele notleidende Firmen haben denn schon bei Ihnen angeklopft?

Corsten: Nicht viele, wir könnten ihnen auch gar nicht helfen. Wir sind in Deutschland schon zu groß, deshalb dürfen wir aus kartellrechtlichen Gründen hierzulande keine weiteren Konkurrenten aufkaufen. Bereits 1995 scheiterte die geplante Übernahme der Kaufhof-Touristiktochter ITS. Statt dessen investieren wir verstärkt im Ausland, kaufen Firmen zu oder gründen dort eigene Tochterunternehmen.

SPIEGEL: TUI ist sofort nach der Hetzel-Pleite als Helfer in der Not eingesprungen. Was hat Sie dazu bewogen?

Corsten: Wir wollten Schaden von der Branche abwenden. In dieser Woche sind die Winterkataloge erschienen. Bilder von unglücklichen Nichturlaubern hätten da doch nur für erneute Diskussion gesorgt und die Reiseveranstalter in ein falsches Licht gebracht.

SPIEGEL: Wie helfen Sie nun den Kunden von Hetzel aus der Patsche?

Corsten: Wir haben für die Hetzel-Kunden, die bereits im Urlaub waren, gegenüber den Hotels und Airlines Garantien abgegeben. Damit können diese Gäste ihren Urlaub wie geplant beenden. Für alle, die ihren Urlaub bereits bezahlt haben und im Besitz der Reisedokumente sind, garantieren wir ebenfalls gegenüber Hoteliers und Fluggesellschaften. Gäste, die bisher nur angezahlt haben, können unter Anrechnung dessen die gleiche oder eine ähnliche Reise bei TUI buchen. Das ist besser als nach dem Reisepreissicherungsgesetz. Danach hat der Kunde eigentlich nur ein Recht auf die Rückerstattung seines Geldes, was normalerweise einige Zeit dauert.

SPIEGEL: Bei Hetzel heißt es nun, die TUI habe die Hilfsaktion von langer Hand geplant - und zwar schon vor dem Konkurs am Mittwoch. Wann haben Sie sich denn dazu entschlossen?

Corsten: Wir sind am Tag vor dem Konkurs vom Deutschen Reisepreissicherungsverein angesprochen worden und haben diese bisher einmalige Rettungsaktion innerhalb von 24 Stunden geplant und mit der Umsetzung begonnen.

SPIEGEL: Bei Hetzel heißt es auch, daß die TUI als der moralische und finanzielle Gewinner aus der Pleite hervorgehe. Sehen Sie das auch so?

Corsten: Moralische Gewinner sind wir gern. Kurzfristig ist mit dieser Aktion kein Geld zu verdienen, denn es wird über die Insolvenzversicherung nur der Reisepreis verrechnet. Wenn wir die betroffenen Hetzel-Kunden mit unserer Leistung langfristig zu TUI-Kunden machen, hätten wir natürlich nichts dagegen.

SPIEGEL: Zusätzliche Kunden sind ja auch nötig. Die Programme der großen Reiseveranstalter sind in diesem Sommer noch lange nicht ausgebucht. Wird die Saison 1996 ein Flop?

Corsten: Nun mal langsam. Die Feriensaison ist noch nicht zu Ende. Außerdem machen die Deutschen, anders als zum Beispiel die Italiener, häufig mehrere Reisen pro Jahr. Warten wir also erst einmal ab. Viel interessanter ist ein anderer Trend, den wir seit dem vergangenen Jahr beobachten: Die Leute planen ihren Urlaub immer kurzfristiger.

SPIEGEL: Wie wirkt sich das auf Ihr Geschäft aus?

Corsten: Früher haben die Kunden im November bei Erscheinen der Kataloge zunächst die teuren Hauptreisezeiten in den Sommermonaten gebucht. Heute gehen als erstes die preisgünstigen Vor- oder Nachsaisontermine weg. Die Spitzenzeiten sind weniger gefragt.

SPIEGEL: Wie viele freie Betten und Flugzeugsitze haben Sie denn zur Zeit noch?

Corsten: Wir haben für die meisten Ziele noch genügend freie Plätze. Andere große Veranstalter melden Ähnliches. Das wäre früher undenkbar gewesen.

SPIEGEL: Geht der jahrzehntelange Boom bei Pauschalreisen zu Ende?

Corsten: Unsere Branche muß sich auf geringere Zuwachsraten einstellen. Der Markt dürfte in diesem Jahr erstmals seit langem stagnieren, womöglich erwirtschaftet die Branche sogar ein kleines Minus. Bei der TUI selbst sieht es etwas besser aus. Wir rechnen mit einem Umsatzplus von etwa drei Prozent.

SPIEGEL: Viele Urlauber schauen bei der Buchung nur aufs Geld. Das sieht man am Erfolg von Last-minute-Anbietern, wie der Baden-Badener Firma L'tur.

Corsten: Die Bedeutung dieses Billigangebots wird in der Öffentlichkeit maßlos überschätzt. Bei Last-minute-Flügen handelt es sich um Restplätze, die von den Veranstaltern erst zwei Wochen vor Abflug an spezielle Agenturen weitergegeben werden. Zur Zeit werden nur etwa zehn Prozent aller Pauschalreisen über diesen Vertriebsweg abgesetzt, bei der TUI sogar nur fünf bis sechs Prozent.

SPIEGEL: Trotzdem steigt die Nachfrage. Das zeigt doch, daß ein Bedarf nach kostengünstigen Urlaubsreisen besteht.

Corsten: Das sehen wir auch so. Deshalb werden wir uns in diesem Bereich künftig auch stärker engagieren.

SPIEGEL: Wollen Sie L'tur übernehmen? Schließlich haben Sie mit dem Unternehmen erst kürzlich einen Kooperationsvertrag geschlossen.

Corsten: Nein. Aber wir werden im November ein neues Programm für die Sommerreisen 1997 vorstellen, das für Kunden mit schmalerem Geldbeutel maßgeschneidert wurde.

SPIEGEL: Wie unterscheidet sich das vom traditionellen TUI-Programm?

Corsten: Wir steuern einen Großteil der Ferienziele an, die auch von TUI und anderen großen Veranstaltern angeboten werden. Allerdings werden die Wahlmöglichkeiten bei Hotel und Abflugdatum nicht so groß sein wie im Standardprogramm. Auch die Betreuung am Zielort ist weniger perfekt. Dafür sind die Trips, je nach Ferienregion, um 50 bis 200 Mark billiger.

SPIEGEL: Wie erkennen Sie denn rechtzeitig, welche Ferienregionen gerade in sind und welche out?

Corsten: Oft geben einzelne Ereignisse oder politische Entwicklungen den Ausschlag. Nach der Wende gab es in Tunesien beispielsweise einen regelrechten Boom von Besuchern aus Ostdeutschland. Dasselbe ist mit Österreich passiert. Der Run auf diese Ziele ist nun zu Ende. Die Karawane zieht einfach weiter.

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