Beschädigte Ostseepipeline Berlin glaubt nicht an Verfügbarkeit von zweiter Nord-Stream-2-Röhre

Moskau behauptet, es müsse »nur den Hahn aufdrehen« – dann könne Gas durch eine der Nord-Stream-Leitungen fließen. Das sieht man in der Bundesregierung offenbar ganz anders.
Ostsee nach möglichem Sabotageakt an Pipeline (Foto vom 27. September)

Ostsee nach möglichem Sabotageakt an Pipeline (Foto vom 27. September)

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HANDOUT / AFP

Im Energiestreit zwischen Russland und Deutschland stehen auch die Ostsee-Gasleitungen Nord Stream 1 und 2 immer wieder im Mittelpunkt. Entgegen der russischen Aussagen geht die Bundesregierung derzeit nicht davon aus, dass eine der beiden Röhren der Pipeline Nord Stream 2 nach den Explosionen vom September noch intakt ist.

»Es ist sehr wahrscheinlich, dass der Sabotageakt mit starken Explosionen negative Auswirkungen auf beide Pipelinestränge hatte und die grundsätzliche technische Verfügbarkeit somit aktuell nicht mehr gegeben ist«, heißt es in einer Antwort der Bundesregierung auf eine parlamentarische Anfrage von AfD-Fraktionsvize Leif-Erik Holm.

Darüber hinaus habe die Nord-Stream-2-Pipeline ohnehin die für ihren Betrieb notwendige Zertifizierung nicht erhalten und werde weiterhin nicht in Betrieb gehen können.

Ihm erscheine es so, »als hoffe man in der Ampel geradezu, dass sich das Thema Gaslieferungen über Nord Stream mit den Anschlägen von selbst erledigt hat«, sagte der AfD-Abgeordnete Holm. Seine Partei plädiert für eine Inbetriebnahme von Nord Stream 2 und lehnt den Kurs der Bundesregierung ab, die sich als Reaktion auf den russischen Angriffskrieg in der Ukraine von russischen Gaslieferungen unabhängig machen will.

Ende September waren nach Explosionen in der Nähe der Ostseeinsel Bornholm vier Lecks in den Gaspipelines Nord Stream 1 und 2 entdeckt worden, jeweils zwei davon in den Ausschließlichen Wirtschaftszonen Dänemarks und Schwedens. Die Pipelines waren zum Zeitpunkt der Explosionen nicht in Betrieb, enthielten aber Gas.

Vier Lecks an den beiden Pipelines – Sabotage höchstwahrscheinlich

Schwedische und dänische Behörden untersuchen die vier Lecks in den Pipelines, die Russland und Deutschland über die Ostsee verbinden. Unterwasseraufnahmen zeigten in diesem Monat erstmals das volle Ausmaß der Zerstörungen an der Pipelines. Führende Politiker der Welt haben die Schäden als Sabotageakte bezeichnet, nicht wenige sehen Russland in der Verantwortung.

Moskau wiederum warf den ermittelnden Ländern vor, die Untersuchungen zu den Explosionen würden mit der Absicht durchgeführt, Russland fälschlicherweise die Schuld zu geben.

Kremlchef Wladimir Putin hatte vor zwei Wochen Gaslieferungen durch den nach seiner Darstellung noch betriebsfähigen Strang der Pipeline Nord Stream 2 angeboten. »Man muss nur den Hahn aufdrehen«, sagte er auf der russischen Energiewoche in Moskau. Nach seiner Darstellung sei die Röhre wohl nicht so beschädigt worden, dass sie nicht mehr genutzt werden könne.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version stand, Berlin habe das Verfahren zur Zertifizierung nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine gestoppt. Das ist nicht korrekt. Die Entscheidung in Berlin fiel kurz vor der russischen Invasion. Wir haben die Stelle entsprechend geändert.

jok/dpa
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