North-Face-Gründer Tompkins Der freie Radikale

Vom Outdoor-Chic zum Umweltschutz: Der US-Amerikaner Douglas Tompkins hat mit The North Face und Esprit ein Vermögen gemacht, dann gründete er in Chile riesige Nationalparks. Nun ist der "König von Patagonien" nach einem Kajak-Unfall gestorben.

REUTERS

Von manager-magazin-de-Redakteurin


Klein-klein gab es mit ihm nicht. Douglas Tompkins, Unternehmenslenker und Naturschutz-Mäzen, hat immer groß gedacht. Sein letztes Projekt, mehrere Nationalparks in Patagonien, müssen nun allerdings andere fortsetzen. Am Dienstag kenterte der 72-Jährige mit seinem Kajak in seiner Wahlheimat Chile und starb an Unterkühlung.

Tompkins, der in jungen Jahren mit The North Face und Esprit gleich zwei internationale Modekonzerne gründete, lebte zuletzt mit seiner Frau, einer ehemaligen Chefin des Outdoor-Labels Patagonia, zurückgezogen auf einer Farm im Süden Chiles, erreichbar nur per Boot oder per Flugzeug.

Sein Leben hatte der Outdoor-Fan nach dem Ausstieg aus dem Wirtschaftsleben ganz der Umwelt gewidmet. Mit seiner zweiten Frau kaufte der Millionär von Beginn der Neunzigerjahre an riesige Flächen in Patagonien, die in Nationalparks umgewandelt wurden. Rund 10.000 Quadratkilometer sollen dabei bereits zusammengekommen sein, was in etwa der Größe Zyperns entspricht.

In einem Nachruf würdigte North Face Tompkins' Dienst an der Natur. Er sei ein leidenschaftlicher Anwalt für die Umwelt gewesen, teilte das Outdoor-Label mit, das inzwischen dem Bekleidungsriesen VF Corporation gehört. Mit seiner Arbeit habe er dazu beigetragen, dass auch künftige Generationen noch Natur zu erkunden hätten.

Auch Umweltorganisationen wie Sea Shepherd oder Greenpeace bedauerten den Tod des millionenschweren Aktivisten, der sich zuletzt massiv gegen mehrere Staudammprojekte stark gemacht hatte und die Technologie-Gläubigkeit seiner amerikanischen Heimat kritisierte.

Völlig unumstritten war sein Engagement in Chile und Argentinien allerdings nicht. Einige warfen dem "König von Patagonien" vor, die wirtschaftliche Entwicklung der von ihm aufgekauften Landstriche zu behindern, während er selbst sich den Luxus unberührter Natur leisten konnte.

Diese Vorwürfe brachten Tompkins nicht von seinen Projekten ab. Wenn man mit politischem Druck nicht umgehen könne, solle man besser die Finger vom Naturschutz lassen, kommentierte Tompkins einmal den ihm entgegengebrachten Widerstand in der "New York Times".

Mit 20 steht das erste Unternehmen

Bereits als Teenager hatte den 1943 geborenen Sohn eines Kunsthändlers und einer Innenarchitektin das Abenteuer gelockt. Er liebte es, zu klettern, Ski zu fahren und zu reisen.

Anstatt zur Uni zu gehen, fuhr er lieber nach Europa und Südamerika. Als ihn Geldmangel Anfang der Sechzigerjahre zurück in die Heimat trieb, gründete er im Alter von 20 Jahren in Kalifornien sein erstes Unternehmen. Eine Kletterschule in San Francisco, an die er wenige Jahre später mit geliehenem Geld einen kleinen Ski- und Outdoor-Laden andockte. Das Unternehmen, das mit dem Motto "Never stop exploring" wirbt, wurde später zum international bekannten Konzern The North Face.

1970 hatte der Abenteurer genug vom Sportbusiness. Er stieg aus dem Geschäft aus und gründete mit seiner damaligen Frau Susie, die er als Tramper kennengelernt hatte, und einer weiteren Partnerin das Bekleidungsunternehmen Plain Jane. Der Aufstieg vom Klamottenverkauf aus dem Auto heraus zum Milliardenkonzern Esprit verlief rasant. Schon in den Achtzigerjahren hatte das Label Läden in mehr als 60 Ländern und setzte mehr als eine Milliarde Dollar um.

Bei Esprit erkannte er die Schizophrenie des Modegeschäfts

Zwar versuchte Esprit, seine Kunden für verantwortungsvollen Konsum zu sensibilisieren und schrieb laut Tompkins sogar auf seine Preisschilder: "Kaufe das Produkt nicht, wenn du es nicht brauchst."

Doch Ende der Achtziger erkannte Tompkins die Schizophrenie seines Tuns. Er habe begriffen, "dass wir Produkte machten, die niemand brauchte - und dass wir somit zur Umweltkrise beitrugen", erklärte er seinen Gesinnungswandel kürzlich in einem Interview mit der "Zeit".

Er verkaufte seinen Anteil an Esprit für angeblich 200 Millionen Dollar ("Genug, um Gutes zu tun"), gründete eine Umweltstiftung - und begann, die Welt zu retten. Zusammen mit seiner Frau kaufte er riesige Flächen Land in Chile auf - und stellte mehr als 200 Menschen ein.

Die Arbeitswut des Unternehmers blieb dabei ungebrochen. Er arbeite "24 Stunden, sieben Tagen die Woche, härter als je zuvor", sagte Tompkins im "Zeit"-Interview.

Dass mit ihm nicht auch sein Herzensprojekt stirbt, dafür hat Tompkins gesorgt. Sein verbliebenes Vermögen solle in Non-Profit-Umweltprojekte gehen, seine Kinder leer ausgehen, kündigte er kürzlich an.

Zu viel ist noch zu tun. Sollte die Menschheit nicht bald umlenken, "sitzen wir am Ende auf Sanddünen", warnte er. "Dann gibt es außer uns nur noch Kakerlaken und Wanderratten. Das sind die einzigen Kreaturen, die solche Bedingungen überleben können."



insgesamt 23 Beiträge
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Seite 1
ex2012 09.12.2015
1. Schade!
Vielleicht mag einiges in seinem Leben umstritten sein, doch wo ist das nicht der Fall? Ein Pioneer und Vordenker ist tot! Der einzige Trost an der Nachricht, er starb wohl so wie er es gewünscht hatte, an den Folgen eines Abenteuers in der Natur und damit im Einklang mit der Natur. Zu hofen, dass irgendetwas doch noch für Frau und Kinder übrig bleibt. Ruhe in Frieden. Und wer an Weihnachtsgeschenke denkt, sollte sich bei Kleidung Esprit überlegen.
ex2012 09.12.2015
2. Schade!
Vielleicht mag einiges in seinem Leben umstritten sein, doch wo ist das nicht der Fall? Ein Pioneer und Vordenker ist tot! Der einzige Trost an der Nachricht, er starb wohl so wie er es gewünscht hatte, an den Folgen eines Abenteuers in der Natur und damit im Einklang mit der Natur. Zu hofen, dass irgendetwas doch noch für Frau und Kinder übrig bleibt. Ruhe in Frieden. Und wer an Weihnachtsgeschenke denkt, sollte sich bei Kleidung Esprit überlegen.
paps 09.12.2015
3. Rattus norwegicus
ist die Wanderratte. Nicht die norwegische Ratte auf deutsch. Vielen Dank für den Hinweis, wir haben den Fehler korrigiert. Die Redaktion.
catster 09.12.2015
4. 180 degrees south
Ein wunderbarer Mensch, jedem sei wärmstens "180 degrees south " empfohlen, in der ein Autor die 1968 stattgefundene Reise von Tompkins und Chouinard (dem späteren Patagonia - Gründer) von Kalifornien nach Patagonien nachvollzieht und dann auf seine beiden Idole trifft. Wenn man den Film sieht, möchte man am liebsten alles hinschmeißen und sich seinen Rucksack schnappen. ....
Dr.W.Drews 09.12.2015
5. Der einzig richtige Weg
"Einige warfen dem "König von Patagonien" vor, die wirtschaftliche Entwicklung der von ihm aufgekauften Landstriche zu behindern, während er selbst sich den Luxus unberührter Natur leisten konnte." Ja bitte, was denn sonst? Die Natur existiert am besten ganz ohne Menschen und ohne jede "Entwicklung". Es ist gut, wenn möglichst viel Natur völlig aus der "wirtschaftlichen Entwicklung" herausgenommen wird. Man ist versucht zu denken, hätte eine Firma diese Ländereien gekauft, ausgebeutet und tot, nutzlos und verseucht hinterlassen würde niemand protestieren.
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