Nuklear-Allianz Briten und Franzosen bereiten großes Atom-Comeback vor - Deutschland planlos

Briten und Franzosen schmieden eine Atom-Allianz - und liefern damit beste Argumente für die deutsche Stromindustrie. E.on-Chef Bernotat erhöht den Druck auf die Regierung zusätzlich: Ohne Atomenergie drohe der Republik ein Blackout. Alles Panikmache? Tatsächlich braucht die Koalition dringend einen Plan.

Von


Hamburg - In Deutschland geht das Licht aus - zumindest wenn man den Stromkonzernen glauben darf. Erst warnte RWE-Chef Jürgen Großmann vor Blackouts im Sommer. Heute zog dann E.on-Kollege Wulf Bernotat nach: Bei der Versorgung drohten Engpässe, sagte er der "Welt am Sonntag". Ganz nebenbei drohte er mit weiter steigenden Strompreisen: "Sollte die Nachfrage das Angebot übersteigen, könnte das Auswirkungen auf die Preise haben."

Steht Deutschland wirklich vor dem Energiekollaps?

Die Motive der Energiebosse sind zumindest zu hinterfragen. Längst ist klar, welche Interessen hinter den Warnungen vor Stromengpässen stehen: Die Konzerne kämpfen für längere Laufzeiten ihrer Atommeiler, am liebsten wollen sie den Ausstieg aus der Atomkraft ganz rückgängig machen. Frei nach dem Motto: Wenn unsere Anlagen am Netz bleiben würden, müsste sich niemand Sorgen machen.

Dass europäische Nachbarländer nun über eine Renaissance der Kernenergie debattieren, passt da gut ins Konzept. Just heute wurde bekannt, dass Briten und Franzosen eine Atom-Allianz planen. Die Regierungen in London und Paris wollen künftig beim Bau von Reaktoren und beim Export von Kerntechnik eng zusammenarbeiten.

Für die deutsche Atomlobby ist das ein gefundenes Fressen. Ein besseres Argument als die britisch-französische Kooperation können sie sich nicht wünschen: Das Ausland hat die Lösung - nur in Deutschland bremsen grüne Ideologen den Fortschritt.

Tatsächlich feiert die Kernkraft international ein Comeback. Weltweit werden derzeit 28 Reaktoren neu gebaut. Geplant sind sogar 222, vor allem in Asien. So gesehen scheint Deutschland energiepolitisch abgehängt.

Das entscheidende Problem: Die Deutschen haben kein energiepolitisches Konzept. Das unterscheidet die Bundesrepublik von den anderen großen Industriestaaten.

Für Frankreich war die Sache schon immer klar: Das Land bezieht seinen Strom zu 80 Prozent aus Atomreaktoren. Auch die ehrgeizigen EU-Klimaziele will Paris mit Hilfe der Kernkraft erreichen. Schließlich hat diese einen entscheidenden Vorteil: Sie produziert - anders als Kohle oder Gas - kein CO2.

Auch die britische Labour-Regierung weiß genau, was sie will. Jahrzehntelang hat das Land seinen Strom in Gaskraftwerken erzeugt. Jetzt sind die Vorräte in der Nordsee erschöpft, also muss Ersatz her. Weil Kohlekraftwerke besonders klimaschädlich sind, plant Premierminister Gordon Brown eben neue Atomreaktoren. Die Hilfe der erfahrenen Franzosen kommt da gerade recht.

In Deutschland ist die Sache deutlich schwieriger. Seit Rot-Grün unter dem SPD-Kanzler Gerhard Schröder den Atomausstieg beschloss - damals im Einvernehmen mit den Stromkonzernen -, gab es keine weiteren energiepolitischen Weichenstellungen mehr. Schröders CDU-Nachfolgerin Angela Merkel lud die Industriebosse zwar mehrfach zum Energiegipfel ins Kanzleramt. Ergebnisse konnte die illustre Runde aber bis heute nicht präsentieren.

Denn in der Großen Koalition lassen sich die Probleme nicht lösen. Beide Seiten haben sich festgelegt: Die Union will den Atomausstieg kippen, die SPD hält daran fest. Solange sich an dieser Konstellation nichts ändert, kann Deutschland nie so auftreten wie Frankreich oder Großbritannien. Und ebenso lange werden die Konzerne versuchen, die Regierung vor sich herzutreiben. Klare energiepolitische Beschlüsse kann es nur unter Schwarz-Gelb geben - oder unter Rot-Grün. Entweder pro Atom oder contra. Auf die entscheidenden Fragen der deutschen Energieversorgung gibt es deshalb keine Antwort:

  • Wie soll der Strom-Mix der Zukunft aussehen?
  • Braucht das Land eine Rückkehr zur Atomkraft?
  • Oder können andere Energieträger die Lücke schließen?
  • Reicht ein Ausbau der Ökoenergien?
  • Müssen wir mehr Gaskraftwerke bauen?
  • Oder wäre doch die Kohle das kleinere Übel?

Dabei ist es jetzt fast schon zweitrangig, wie die Entscheidung ausfällt. Für die Versorgungssicherheit in Deutschland wäre nur wichtig, dass es überhaupt eine Entscheidung gibt. Erst dann können die Unternehmen planen - und in die richtige Technik investieren.

Atomausstieg - wann die Kraftwerke vom Netz müssen

Kraftwerk Nennleistung
in Megawatt
voraussichtliche
Stilllegung *
Biblis A 1225 2008
Biblis B 1300 2009
Brunsbüttel 806 2009
Neckarwestheim I 840 2009
Isar I 912 2009
Unterweser 1410 2010
Philippsburg I 926 2011
Grafenrheinfeld 1345 2013
Krümmel 1402 2015
Gundremmingen B 1344 2016
Gundremmingen C 1344 2016
Grohnde 1430 2016
Philippsburg II 1458 2016
Brokdorf 1480 2018
Isar II 1475 2020
Emsland 1400 2020
Neckarwestheim II 1400 2021

* Das tatsächliche Datum errechnet sich anhand der verbleibenden Reststrommenge, die im Atomausstieg vereinbart wurde.
Quelle: Deutsches Atomforum, Naturschutzbund Deutschland

Tatsächlich gibt es gute Argumente, die für längere Atomlaufzeiten sprechen. Bleibt alles beim Alten, müssen die 17 verbliebenen Kernkraftwerke bis 2021 vom Netz (siehe Tabelle). Insgesamt geht damit eine Kapazität von rund 21.000 Megawatt verloren - gut ein Viertel der deutschen Stromerzeugung.

Gleichzeitig müssen immer mehr veraltete Kohlekraftwerke abgeschaltet werden. Der Bau neuer Anlagen wird jedoch schwieriger - unter anderem wegen massiver Bürgerproteste. Deutschlandweit sind 27 Kohlekraftwerke geplant, fünf Projekte wurden schon endgültig gestoppt. Nicht auszuschließen, dass der Widerstand gegen Kohlekraftwerke wie aktuell in Hamburg-Moorburg den Stromkonzernen ganz gelegen kommt: als Argument für eine Beibehaltung der bestehenden Atommeiler.

Gaskraftwerke stellen ebenfalls keine Alternative dar. Zu groß sind die Preisrisiken, zu groß ist die Abhängigkeit vom Hauptlieferanten Russland.

Lässt sich die Lücke schließen?

Alles in allem bleibt damit eine Versorgungslücke. Das bestätigen auch die Deutsche Energie-Agentur (Dena) und die Bundesnetzagentur. Laut einer Dena-Studie kann Deutschland seinen Elektrizitätsbedarf schon 2012 nicht mehr aus eigener Kraft decken.

Die dringende Frage ist: Lässt sich die Lücke schließen?

Ja, heißt es im Umweltministerium. Die neuen Forderungen von Bernotat hätten "mit einer seriösen Debatte nichts zu tun", sagt Staatssekretär Michael Müller (SPD). Niemand in Deutschland müsse Angst vor einem Engpass haben. Die Konzerne wollten mit ihren abgeschriebenen Atomkraftwerken einfach nur gute Geschäfte machen.

Allerdings müsse man nun die Weichen richtig stellen - Energiesparen, höhere Effizienz und erneuerbare Energien. Müllers Rechnung: Effiziente Haushaltsgeräte könnten allein sieben Großkraftwerke wegsparen. Enormes Potential haben tatsächlich auch die erneuerbaren Energien. Wind, Wasser und Sonne könnten Prognosen zufolge gut 20 Prozent der deutschen Stromversorgung decken - bei einer höheren Förderung möglicherweise auch mehr. Die Ökobranche selbst sagt, sie könne die wegfallenden Kernkraftwerke ersetzen. Sollte sich Deutschland für diese Variante entscheiden, könnte es auf internationaler Ebene wieder mitreden.

Nicht als Atomstaat - aber mit einem eigenen, neuen Konzept.



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.