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WIRTSCHAFTS-KOMMENTAR Nullsummenspiel in den USA Von Werner

Meyer-Larsen
aus DER SPIEGEL 52/1988

Amerika demonstriert gegenwärtig ein neues Modell des American way of life: Geldwirtschaft in ihrem höchsten Abstraktionsgrad.

Schon immer hat die Weltmacht Amerika den Verdacht erregt, zuerst an den Dollar und dann an den Rest der Welt zu denken, auch an den Rest ihrer eigenen Welt. Doch hinter der monetären Gesinnung stand lange Zeit wenigstens ein solider und profitabler Industrie-Apparat.

Das hat sich in der Reagan-Ära mit ihrer Lust am Talmi geändert. Geld und Produktion sind dabei, ihre Wechselbeziehung zu verlieren. Geld ist nicht mehr das Spiegelbild wirtschaftlicher Wertschöpfung, es bespiegelt sich selbst. Eine Welt, die nur aus Glanz und Glimmer besteht.

Die neue Klasse der Finanzjongleure hat die Menschheit gewiß bereichert - um so atemberaubende Erfindungen wie »Program Trading«, »Futures Options« und »Portfolio Insurance«. Es sind dies Zauberkunststücke, die keine richtigen Werte schaffen, dafür aber den Akteuren Geld und Ansehen bringen.

Mit ihren Erfindungen trug die neue Society nicht unwesentlich zu dem Kurszusammenbruch der Wall Street am 19. Oktober 1987 bei. Die Geldgurus dachten natürlich nicht daran, sich deswegen aus der ökonomischen Oberklasse zu verabschieden. Sie sind eben einfach zu gut, zu abgehoben, zu smart. Wirklich eine Klasse für sich. Immerhin, so heißt es an der Wall Street jetzt, habe das Money-Management damals den Kurssturz abgefangen und die Weltwirtschaftskrise verhindert.

Richtig gelesen: Die neue Klasse läßt sich inzwischen für die Begrenzung eines Schadens feiern, den sie vorher selbst angerichtet hat. Ihr Selbstbewußtsein ist ungetrübt. Wirtschaftsleute aus dem produzierenden Gewerbe, selbst wenn sie Lee Iacocca heißen, haben nach Meinung dieser neuen Klasse den Zeitgeist nicht verstanden. Sie glauben die Welt zu kennen, und wenn es mal ein richtiges Problem gibt - hoppla, die Finanzzauberer werden es auf ihre Art lösen.

In dieser Welt von Portfolio-Spielen, Junk-Bonds-Aktionen und Dollar-Manipulationen verkommt die einst so kräftige Industrie des Landes. Der große Geldzauber hat nur die Zauberer selbst reich gemacht. Für den Reichtum der Nation sind ihre Tricks bestenfalls ein Nullsummenspiel gewesen. Börsenkurse hoch- und runterzuhetzen schafft keine Werte zum Anfassen. Unternehmen auf Kredit zu kaufen, um sie dann zu kannibalisieren, vernichtet Werte, auch wenn diese Übung als »Wiederaufbau des unternehmerischen Amerika« ausgegeben wird.

Ähnlich geht es in der Wirtschaftspolitik zu. Die Konjunktur wird mit Krediten aus dem Ausland angetrieben. Doch dies beschert kein richtiges Wachstum; diese Praxis sorgt allenfalls dafür, daß mehr verbraucht als produziert wird.

Der Dollar-Kurs wird heruntergeredet, um eigene Waren besser, ausländische schlechter verkaufbar zu machen. Doch dieses Verfahren erhöht nicht die eigene Produktivität, eher die der Konkurrenten. Nullsummenspiel auch hier.

Mit jedem Trick, den Amerikas Geldmanager erfinden, verschlimmern sie die Lage des Landes. Zur Stanford-Universität, einem Produzenten wissenschaftlicher Patente, kommen die Kunden aus Japan und Deutschland, weniger aus Amerika selbst. Das ist verständlich. Patente marktreif zu entwickeln kostet Geld, schwächt vorübergehend die Quartalsgewinne und damit die Kreditwürdigkeit der Firma.

Kreditwürdigkeit durch Zahlenrücken statt durch technischen Fortschritt? Die Europäer hängen Amerika in Spitzenprodukten der Technik ab. Japan reklamiert Vorsprung bei Superchips und Computern.

Das kann nicht ewig gutgehen. Nachdenkliche Industrielle wie Donald Petersen von Ford und John Young von Hewlett Packard stemmen sich gegen den Trend, der Amerika kaputtmacht. Doch die Finanzbrahmanen bleiben oben. Spitzenkräfte, die ihre Zeit bei Geldspielen verschwenden. Zu entzaubern vielleicht nur durch etwas, das keiner will: die große Rezession.

Die Tricks machen nur die Zauberer reich

Werner Meyer-Larsen
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