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AUTOINDUSTRIE Nur Anlaufkosten

BMW beteiligte sich an einer kleinen Chemiefirma. Jetzt müssen die Münchner das Unternehmen mit Millionenaufwand sanieren.
aus DER SPIEGEL 3/1989

Eberhard von Kuenheim wußte durchaus, was er tat. »Wer sich auf Neuland begibt«, so der BMW-Chef im Sommer 1985, »kann Probleme bekommen.«

Wenige Monate später stießen die Münchner auf unbekanntes Gebiet vor. Sie beteiligten sich erst mit vorsichtigen 10, später mit 26 Prozent an einer Pionierfirma für wasserlösliche Kunststoffe, der Belland AG, im schweizerischen Solothurn.

Heute, knapp drei Jahre später, hat von Kuenheim sein Problem: Die Belland AG steht vor der Pleite, BMW hat rund 30 Millionen Schweizer Franken verspielt und muß mit frischem Geld einspringen. Die bayrischen Automanager werden Belland zukünftig als Mehrheitsaktionär in eigener Regie weiterführen.

Deutsche Autohersteller, soviel ist sicher, haben wenig Fortune bei ihren Bemühungen, aus dem angestammten Geschäft auszubrechen. VW verlor eine Milliarde Mark mit der Büromaschinenfirma Triumph-Adler; Daimler-Benz hat bislang viel Mühe mit den Neuerwerbungen Dornier und AEG und wird gewiß noch viel Arbeit mit der High-Tech-Firma MBB haben.

BMW hatte sich im Vergleich zu den beiden Konkurrenten bei Beteiligungen Zurückhaltung auferlegt. Von Kuenheim streute nur kleinere Beträge. So engagierte er sich bei der Kronacher Elektronikfirma Loewe Opta und eben bei Belland.

Bitter, daß Belland nun ein Sanierungsfall ist und weiteres Geld kostet. »Was soll man denn machen«, so der für Beteiligungen zuständige BMW-Manager Wolfgang Aurich, »wenn man schon mal zu einem Kind gekommen ist?«

Die Münchner wären das Engagement bei der Erfinderfirma nur allzugern wieder los geworden. Doch kein Chemiekonzern und auch kein anderer Finanzier mochte zugreifen.

Firmengründer Roland Belz geht mit seiner Erfindung schon seit 1973 hausieren. Immer wieder verkündeten Belz und seine Leute vollmundig »fortgeschrittene Vertragsverhandlungen« mit Lizenznehmern für ihre »faszinierende Technologie«. Einen Partner in der chemischen Großindustrie hat Belland jedoch nie gewinnen können. Selbst das Image-Plus durch den Einstieg von BMW brachte nichts.

Geld gab neben BMW nur die Gemeinde Solothurn bei der Ansiedlung der Firma. Schon 1986 allerdings schwante dem Solothurner Nationalrat und Belland-Verwaltungsratspräsidenten Franz Eng nicht nur Gutes: »Wir dürfen«, so Eng, »den Fortschritt nicht verpassen und müssen dafür auch einen Flop in Kauf nehmen.«

Der Fortschritt sollte bei Belland ein wasserlöslicher Kunststoff sein, der mal für Bierflaschen-Etiketten, mal als Folie für landwirtschaftliche Zwecke, für Pappbecher oder Klobrillen, als Hundefutterzusatz oder für Wäschesäcke erprobt wurde.

Bislang allerdings hatten die Produkte aus der Belz-Küche keine Chance auf dem Markt. Zwar lösen sich die Belland-Kunststoffe tatsächlich im Wasser auf, wenn etwa Zitronensäure (Belz: »Alka Seltzer geht auch") dazugegossen wird. Doch danach ist das Wasser mit Kohlenwasserstoffen verschmutzt. Erst durch Hinzufügen einer weiteren Chemikalie wird das Wasser wieder gereinigt. Zurück bleiben Kunststoffbrocken, die irgendwie beseitigt werden müssen.

Ein potentieller Kunde wie McDonald's, in dessen Imbißhallen große Mengen von Pappresten anfallen, hat wenig Probleme, den Müll mitsamt den Essensresten in der örtlichen Verbrennungsanlage verheizen zu lassen. Setzten die Fast-Food-Verkäufer aber Belland-Ware ein, müßten sie erst Essensreste von Pappe trennen und am Ende der Kette tonnenweise Kunststoff verfrachten.

Ein anderes Projekt, das beim BMW-Einstieg als eine Sache mit großer Zukunft galt, gedieh ebensowenig. Belz wollte neue BMW-Autos auf dem Weg von der Fabrik zum Kunden mit einer Schutzschicht aus Belland-Chemie überziehen. Daraus wurde nichts: Das herkömmliche Verfahren, mit Sprühwachs, ist billiger.

So blieb der Erfinder auf dem langen Marsch »zwischen Laborreife und Industrieproduktion« (Belland-Verwaltungsratspräsident Eng) immer wieder stecken. Roland Belz, ein echter Pionier-Unternehmer, will trotzdem nicht aufgeben: »Unsere Ausbaupläne laufen weiter.«

Er baut auf die »enormen Investitionen von 70 Millionen Schweizer Franken, die inzwischen ausgegeben sind« und die sich irgendwann wieder auszahlen müssen. Unternehmer Belz: »Bisher haben wir kein Produkt wie Valium im Markt, wir haben nur Anlaufkosten.« Bei Umsätzen von 1,35 Millionen Schweizer Franken machte die Belland AG mit ihren 60 Angestellten allein 1987 einen Verlust von rund 16 Millionen Franken.

Der nächste Zahltag ist Anfang Februar. Auf einer Aktionärsversammlung sollen das Kapital und die Schulden zusammengestrichen und neue Mittel eingeschossen werden.

BMW zahlt noch einmal zwölf Millionen Franken ein und wird dafür mit über 50 Prozent größter Belland-Aktionär. Belz, der weitere drei Millionen Franken aus dem Familienvermögen nachschießt, tritt als Chef zurück - das macht in Zukunft der BMW-Manager Peter Moll, der bisher in den USA tätig war.

BMW-Lenker von Kuenheim, der so gern über die Großeinkäufe von Daimler-Benz spottet, hat jetzt in der Schweiz eine Tochter, mit der er nichts anfangen kann und die er so leicht nicht wieder los wird. In Solothurn heißt es, BMW habe den Behörden eine Garantie für das Überleben der Belland AG gegeben.

Doch vielleicht hat es sich trotzdem gelohnt. Denn Eberhard von Kuenheim hat etwas für die Zukunft gelernt: »Wir werden uns nur mit Dingen befassen, die wir wenigstens teilweise beherrschen.«

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