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UNTERNEHMER Nur auch Zinsen

Die Unternehmensgruppe Porst will ihren Mitarbeitern den gesamten Gewinn überlassen und weitgehende Mitbestimmungsrechte einräumen.
aus DER SPIEGEL 47/1971

Vier Tage nach Allerheiligen stellte Hannsheinz Porst, 49, Chef der Nürnberger Unternehmensgruppe Porst und ehemaliger DDR-Agent, seinen Untergebenen eine hundertprozentige Gewinn-Beteiligung und die »totale Mitbestimmung« in Aussicht.

Vor 1350 Mitarbeitern postulierte der »Dunkelmann unserer Zeit« (Bundesanwalt Alwin Kuhn) in der Nürnberger Meistersinger-Halle, daß »das in einem Unternehmen arbeitende Kapital kein anderes Recht als das der Verzinsung haben darf«.

Ab 1. Oktober nächsten Jahres will der rote Millionär in seinen acht Firmen ein Modell einführen, »das den Begriff des Unternehmers, seinen Anspruch auf Führung und Gewinn nicht mehr kennt«. Nach Porsts Vorstellungen sollen künftig alle Gewinne auf die Angestellten und Arbeiter verteilt werden. Das ihm, seiner Frau und seinen vier Kindern gehörende Gesellschafterkapital in Höhe von rund 15 Millionen Mark wird künftig nur noch verzinst. Porst: »Dabei gibt es keine Halbheiten und keine Hintertürchen.«

Der künftig zu erwartende Profit wird an eine noch zu gründende Mitarbeitergesellschaft überwiesen, die den Anteil jedes einzelnen Mitarbeiters analog zum Arbeitseinkommen festsetzt.

Bargeld gibt es freilich vorerst nicht: Der Gewinn wird in Form von stillen Gesellschaftsanteilen ausgegeben und bleibt als Betriebskapital in der Firma stehen. Ausgezahlt wird der Gewinn erst, wenn der Mitarbeiter in Pension geht. Vorher ausscheidende Betriebsangehörige müssen ihr Geld noch für längere Zeit (etwa fünf Jahre) in der Firma belassen.

Der Porst-Plan sieht vor, daß der nicht verfügbare Gewinn vorerst nur verzinst wird. Einem Arbeitnehmer zum Beispiel, der eine Gewinnzuweisung von 4000 Mark bekommt, werden nach Abzug des normalen Steuersatzes etwa 3000 Mark auf seiner Kontokarte gutgeschrieben. Auf diese Summe kann er erstmals Ende des darauffolgenden Geschäftsjahres Zinsen kassieren. Geschäftsführer Dieter Reiber: »keine Minizinsen, keine Maxizinsen, aber einige Prozente über dem Diskontsatz«.

Der zu erwartende Gewinn ist jedoch mit Risiken belastet. Denn alle Arbeitnehmer müssen in Höhe ihrer Gewinnanteile auch für den Verlust haften. Theoretisch ist es also möglich, daß das Gewinnkonto nach einem schlechten Geschäftsjahr wieder auf Null zusammenschrumpft.

Die Porst-Gruppe zählt ohnehin nicht zu den Großverdienern der westdeutschen Wirtschaft. Der Handel mit Photoapparaten, Kameras und Brillen, der Computerservice für Klein- und Mittelbetriebe und der Verkauf der Fernseh- und Rundfunkzeitschrift »RTV« wollte in den letzten Jahren nicht so recht florieren. Im Frühjahr dieses Jahres mußte sich Porst sogar endgültig von seiner Großdruckerei Maul Co. trennen. Im letzten Geschäftsjahr konnte die Firma erstmals wieder einen »recht ordentlichen Gewinn« erwirtschaften, nachdem die Bilanzen zuvor meistens mit roten Zahlen abgeschlossen hatten.

Auch auf die von Porst versprochene »totale Mitbestimmung« wird die Belegschaft noch ein bißchen warten müssen. Herren im Haus können die Porst-Bediensteten erst werden, wenn ihr angesammeltes Kapital größer ist als das der jetzigen Gesellschafter. Die Mitarbeiter-Gesellschaft soll dann das Recht bekommen, alle zwei Jahre darüber abzustimmen, ob die Geschäftsführer (auch Porst) im Amt bleiben sollen.

Um die Arbeiter und Angestellten in ihre zukünftige Mitunternehmerrolle einzuweisen, gründete Geschäftsführer Dieter Reiber neun Arbeitsausschüsse. die sich unter anderem mit dem Führungsprinzip, dem Entlohnungssystem. den Mitarbeiterverträgen. der Informationspolitik und der Lehrlingsausbildung befassen sollen.

In jedem der fünfköpfigen Teams sitzen Reiber, ein Abgesandter des Betriebsrats und drei von der Belegschaft gewählte Beisitzer. Die von den Ausschüssen erarbeiteten Vorschläge bedürfen allerdings der Genehmigung der Geschäftsführer.

Porst ließ auf der Nürnberger Betriebsversammlung keinen Zweifel daran, »daß es mein Vorschlag nicht ist, an der Tatsache einer betrieblichen Hierarchie zu rütteln«. Zudem ließ der »Wanderer zwischen Kapitalismus und Kommunismus« ("Süddeutsche Zeitung") seine Mitarbeiter wissen, daß sein Modell nur funktionieren könne, wenn »hart gearbeitet und gute Geschäftsergebnisse erzielt werden«.

Der Vorstoß des Nürnberger Handelsherrn löste bei der Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen (HBV) vorerst tiefe Ratlosigkeit aus. Heinz Adam von der HBV-Bezirksverwaltung Nürnberg-Fürth will erst einmal vom Hauptvorstand in Düsseldorf Rat einholen, wie das Porst-Modell zu beurteilen sei. Adam: »Wir sind uns nämlich noch nicht darüber einig, ob das alles ernst gemeint ist.«

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