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HIFI Nur löten

Noch ehe die ersten digitalen Tonbandgeräte auf den Markt kommen, haben Tüftler bereits herausgefunden, wie die eingebauten Kopiersperren zu knacken sind. *
aus DER SPIEGEL 36/1987

Die Japaner wollten die HiFi-Freunde mit dem jüngsten Wunderwerk der Elektronikindustrie überraschen: Das neue Digital-Tonbandgerät sollte eine der Hauptattraktionen der Victor Company of Japan (JVC) auf der Funkausstellung in Berlin sein.

Doch zehn Tage vor Messebeginn warf ein Fernschreiben aus der Konzernzentrale in Tokio alle Pläne der deutschen JVC-Manager über den Haufen. Das digitale Tonband, kurz DAT (Digital Audio Tape) genannt, mit dem jeder Amateur Musik in Studioqualität aufnehmen kann, darf in Berlin nicht vorgestellt werden.

»Wir wollen«, so Kazuo Suzuki von JVC Deutschland, »dieses heiße Eisen noch nicht anfassen.« Viele Konkurrenten dachten wohl ähnlich. Die Entscheidung, ob DAT ein Messethema wird, schoben sie bis zur Eröffnung am Freitagmorgen vergangener Woche hinaus.

Um für alle Fälle gerüstet zu sein, mußten die PR-Abteilungen vielfach sogar alternative Pressemappen erarbeiten: mit und ohne Informationen über DAT. Und stets mußte jedes Wort mit der jeweiligen Zentrale in Japan abgestimmt werden.

Daß die Hersteller sich so zieren, ihr vorab schon hoch gelobtes Produkt der erwartungsfrohen Öffentlichkeit zu präsentieren, hat gute Gründe. DAT, so klagen die Schallplatten-Firmen seit zwei Jahren, sei der Untergang ihrer Industrie. Sie fürchten Umsatzeinbrüche bei ihren Compact Discs, weil die kleinen Digital-Kassetten Musik ebenso perfekt aufnehmen.

Raubkopierer könnten künftig jede CD ohne Qualitätsverlust auf das Digitalband übertragen und zu Discountpreisen auf den Markt werfen. Ganze Schulklassen könnten von einer einzigen Kompaktplatte Dutzende von tadellosen Kopien anfertigen.

Mit allen Mitteln versuchten deshalb die Plattenhersteller die bedrohliche Entwicklung zu stoppen. Die Elektronikkonzerne hingegen mochten das Wundergerät DAT nicht einfach beiseite stellen. Seit der hohe Yen-Kurs die Erträge der japanischen Firmen drastisch geschmälert hat und die Konkurrenz der Koreaner immer drückender wird (SPIEGEL 35/1987), braucht die HiFi-Branche dringend einen neuen Bestseller.

Immerhin erschreckte das Wehklagen der Plattenpresser die Gerätehersteller so, daß sie nach einem Kompromiß suchten. Sie versprachen, ihre DAT-Recorder so einzurichten, daß die digitalen Informationen von einer CD nicht direkt, sondern nur in analoger Form auf die neuen Bänder überspielt werden können.

Mit einer solchen digitalen Kopiersperre kamen Anfang des Jahres in Japan die ersten Aufnahmegeräte auf den Markt. Ähnliche Maschinen gibt es inzwischen in den USA zu kaufen.

Doch das Geschäft mit den Superrecordern läuft nicht gut. Die Verbraucher fragen sich offenbar, warum sie ein digitales Aufnahmegerät kaufen sollen, das nicht digital aufnehmen kann.

Den Schallplattenherstellern dagegen reicht nicht einmal die Kopiersperre. Selbst die analoge Kopie einer CD auf dem Digitalband, so meinen sie, dürfte noch so gut sein, daß allzu viel überspielt würde. Wenn es nach der Plattenindustrie geht, sollen CD-Kopien völlig unmöglich werden oder die DAT-Besitzer beim Kauf jeder Kassette hohe Abgaben an die Musikindustrie zahlen.

Die japanischen Anbieter von DAT-Geräten wollen die Plattenfirmen nicht noch weiter provozieren. Mit dem niederländischen Philips-Konzern nämlich, zu dessen Imperium der Musik-Multi Polygram (Polydor, Deutsche Grammophon, Decca) gehört, hat die Industrie einen einflußreichen Anführer. Philips-Manager wußten schon des öfteren die EG-Kommission in Brüssel zu herben Sanktionen gegen die Japaner zu bewegen.

So versuchen die Hersteller einerseits, die Plattenindustrie zu beruhigen, indem sie die Preise für die DAT-Geräte (bis zu 4000 Mark) hochreden. Andererseits warten alle darauf, daß irgendein Außenseiter vorprescht.

Der scheint inzwischen sogar gefunden: Ausgerechnet der Fürther Grundig-Konzern will als erster ein digitales Aufnahmegerät in Deutschland anbieten. Am 15. Oktober will das zum Philips-Konzern zählende Unternehmen die ersten Recorder (Preis: rund 3500 Mark) an den Handel ausliefern.

Noch ehe das Gerät auf dem Markt ist, haben Tüftler schon herausgefunden wie es zu verbessern sei. In der Zeitschrift »Stereo« wurden die nützlichen Hinweise für den Hifi-Freund bereits veröffentlicht.

Der Text liest sich wie die Anleitung zum Entschärfen einer Bombe: »Vorne rechts sehen Sie eine Platine, die Sie nach Lösen dreier Schrauben hochklappen... Sie trennen die Brücke mit einem Seitenschneider auf und löten das eine Ende auf die benachbarte Brücke - fertig. »

Was da so locker gelöst wird, ist genau das Problem, das die Plattenhersteller und die DAT-Anbieter so lange beschäftigt hat - die Kopiersperre für CD-Platten. Um die zu knacken, so »Stereo« schadenfroh, »bedarf es nur einer Kneifzange« - den Lötkolben nicht zu vergessen.

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