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Telekom Nur mit Krampf

Die Telekom tut sich schwer im Kampf gegen die Telefongauner. Mit unhaltbaren Versprechungen verspielt sie das Vertrauen der Kunden.
aus DER SPIEGEL 4/1995

Wilhelm Pällmann wollte Tatkraft und Entschlossenheit demonstrieren. Der Chef der Deutschen Telekom AG versprach, »jetzt allen kriminellen Machenschaften über ausländische Telefondienste nachhaltig einen Riegel vorzuschieben«.

Pällmanns schärfste Waffe im Kampf gegen die Wilderer in den Telefonnetzen: »Ab sofort« werde die Telekom alle ausländischen Infodienste von Selbstwählverkehr auf Handvermittlung über das Fernamt umstellen. Etwa 2000 Nummern, vornehmlich in der Karibik, seien dann nur noch über den »Umweg beim Fräulein vom Amt« erreichbar.

Der Senior im Telekom-Vorstand, der seit dem überraschenden Ausscheiden von Helmut Ricke das größte Bundesunternehmen kommissarisch leitet, hatte zuviel versprochen. Die Umstellung der Party-Lines und Erotikdienste ist weitaus schwieriger, als es der Telekom-Chef erwartet hatte.

Erst am Freitag abend vergangener Woche, sieben Tage nach Pällmanns Ankündigung, war der größte Teil der schlüpfrigen Ansagedienste, mit denen Computerhacker und windige Geschäftemacher eine schnelle Mark machen, nicht mehr direkt erreichbar. Im Laufe dieser Woche will die Telekom auch einige Absahner-Nummern in Deutschland sperren.

Der jüngste Flop fügt sich nahtlos ein in eine lange Reihe von Fehleinschätzungen und Pannen, die den Ruf der Telekom in den vergangenen Wochen arg ramponiert haben. Während die neugegründete Aktiengesellschaft in großformatigen Anzeigen versucht, ihr Image als High-Tech-Firma aufzupolieren, läuft sie jetzt Gefahr, mit unausgegorenen Versprechungen vollends das Vertrauen ihrer Kunden zu verspielen.

Immer deutlicher wird dabei, daß die größte Fernmeldegesellschaft Europas im Kampf gegen die neue Form der Telefonkriminalität noch kein vernünftiges Rezept gefunden hat. Während andere Netzbetreiber alle Service-Nummern per Computer überwachen lassen, verdrängte die Telekom die Gefahr, Opfer krimineller Hackerbanden zu werden. Auch die Justizbehörden tun sich noch schwer. Anders als etwa in Amerika gibt es hierzulande unter den Ermittlern kaum Experten, die genügend Spezialwissen haben, um ausgefuchsten Hackern schnell auf die Schliche zu kommen. Sechs Wochen nach dem zweiten großen Schlag gegen Telefongauner in Deutschland, bei dem Anfang Dezember mehr als ein Dutzend Wohnungen und Büros durchsucht wurden, hat die Staatsanwaltschaft immer noch wenig Beweise.

Viel zu spät haben Justizbehörden und Telekom-Obere registriert, daß sich in der Boombranche der Telekommunikation mehr und mehr Absahner und Betrüger breitmachen. Besonders geeignet für kriminelle Machenschaften sind die kommerziellen Ansagedienste, die sich seit 1991 von Australien aus über die ganze Welt verbreitet und im vergangenen Jahr schon rund zwei Milliarden Mark eingenommen haben.

Das schnelle Geld versprechen vor allem Erotik-Lines in Übersee. So stieg etwa der Telefonverkehr mit den Niederländischen Antillen (Vorwahl 00599) innerhalb von drei Jahren von 130 000 auf 35 Millionen Einheiten pro Jahr. Die Gebühren, die von Deutschland in die Dominikanische Republik (Vorwahl 001809) gezahlt wurden, haben sich im ersten Halbjahr 1994 von fünf auf zehn Millionen Dollar pro Monat verdoppelt.

Von den Einnahmen der Telekom stehen 50 bis 70 Prozent der Telefongesellschaft in Übersee zu. Die wiederum überweist eine Provision an den Betreiber der Sex-Line. Stehen genug Anschlüsse zur Verfügung, kommen bei ihm leicht einige hunderttausend Mark pro Monat zusammen.

Windige Geschäftemacher, unterstützt von technikbegeisterten Hackern, haben das System zu einer Goldgrube ausgebaut. Sie warten nicht mehr auf zahlende Kunden, sondern sorgen selbst dafür, daß ihre Leitungen ständig ausgelastet sind.

Ein Wählautomat im PC ruft im Zehn-Minuten-Takt immer wieder die gleichen Nummern an. Da in Hackerkreisen diverse Tricks kursieren, mit denen der eigene Gebührenzähler umgangen werden kann, stellen die Stöhndienste für die Telefongauner eine fast risikolose Art der Geldvermehrung dar.

Viel zu lange haben die Telekom-Oberen darauf vertraut, daß ihr Netz gegen solche Machenschaften geschützt sei. Dabei war schon im Juli vergangenen Jahres bekannt, wie sich Hacker über gebührenfreie 0130-Nummern in die Telefonanlagen von Firmen einschmuggeln und auf deren Kosten in die ganze Welt telefonieren (SPIEGEL 28/1994).

Noch ist unklar, ob auch Privatleute zu Opfern der Schwarztelefonierer wurden. Sicher ist, daß offen verlegte Leitungen und nicht verplombte Verteilerkästen ein breites Betätigungsfeld für Telefonpiraten bieten. So deuten denn auch einige Indizien bei kraß überhöhten Telefonrechnungen auf Attacken von Hackern hin, die meisten dieser Computerfreaks mißbilligen aber die Schädigung von Privatleuten. Das Risiko, am Schaltkasten entdeckt zu werden, ist auch weitaus größer als am heimischen PC.

Für die Telekom rächt sich nun, daß sie nicht auf dem neuesten Stand der Technik ist. Erst von 1998 an werden die Telefonnetze in Deutschland vollständig mit digitaler Technik arbeiten.

Zur Zeit ist in den Ortsnetzen erst gut ein Drittel der etwa 8000 Vermittlungsstellen umgerüstet. Die Folge: Die Schutzmaßnahmen, die von der Telekom in den vergangenen Wochen angekündigt wurden, um das Vertrauen der Kunden wiederzugewinnen, sind noch gar nicht oder nur mit Krampf realisierbar.

So ist eine automatische Begrenzung der Telefongebühren auf einen bestimmten Höchstbetrag, ein Service, der in Frankreich kostenlos angeboten wird, nur in digitalen Ortsnetzen und frühestens Ende 1996 möglich. Für die individuelle Sperre von Auslandstelefonaten oder für eine detaillierte Gebührenrechnung ist ebenfalls ein Digitalanschluß zwingend erforderlich.

Zwar behauptet die Telekom, 90 Prozent aller Kunden könnten die genaue Gebührenaufstellung beantragen. Doch die meisten Antragsteller müssen dann an eine andere Vermittlungsstelle angeschlossen werden und erhalten eine neue Rufnummer. Bislang haben sich deshalb auch erst knapp 30 000 Telekom-Kunden für die detaillierte Rechnung entschieden, die zudem auch keinerlei Schutz gegen die Piraten bietet.

Noch ist nicht einmal sicher, ob die Umstellung der Absahner-Nummern auf die Handvermittlung Bestand hat. Bekannte Erotikanbieter wie Beate Uhse und Verlagsmanager von Boulevardblättern, die mit Kleinanzeigen der Telefonpiraten gute Geschäfte machen, sind sauer und wollen klagen. Ein Telekom-Manager: »Die rennen uns die Bude ein, weil wir denen das Geschäft vermasseln.« Y

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