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Tourismus Nur noch Altpapier

Die Reiselust der Deutschen stößt offenbar an Grenzen. Mit dem Zusammenbruch von Hetzel-Reisen erlebt die erfolgsverwöhnte Branche ihre größte Pleite. Im Massengeschäft bestimmen immer stärker die Reise-Riesen, im Hintergrund agieren Supermarktketten wie Rewe und Banken wie die WestLB.
aus DER SPIEGEL 32/1996

Wolfgang Nordwig wollte schon immer hoch hinaus. Vor 24 Jahren bei den Olympischen Spielen in München katapultierte sich der DDR-Athlet auf 5,50 Meter und holte im Stabhochsprung eine Goldmedaille.

Vor vier Wochen trat Nordwig in Stuttgart in einer ganz anderen Disziplin ebenfalls mit hochgesteckten Zielen an. Im Auftrag des neuen Eigners, der Fluggesellschaft Germania, sollte er das angeschlagene Touristikunternehmen Hetzel-Reisen wieder nach oben bringen.

Kein Problem, gab der Manager auf einer eilends einberufenen Pressekonferenz zu verstehen: »Spätestens 1998« werde der kränkelnde Anbieter, der jährlich bis zu 300 000 Urlauber beförderte, »wieder sehr wirtschaftlich arbeiten«. Und er versprach: »Wir werden das Jahr so fahren, wie es in den Katalogen steht.«

Doch seit Mittwoch vergangener Woche, 15.55 Uhr, sind die Hetzel-Kataloge nur noch Altpapier. Und das Unternehmen, das Nordwig retten sollte, ist pleite.

Gemeinsam mit Elke Hetzel-Maute, der bisherigen Geschäftsführerin, reichte der ehemalige Stabhochspringer beim Amtsgericht Stuttgart-Bad Cannstatt den Konkursantrag ein. Die Billig-Tochter Sofort-Reisen ereilte nur einen Tag später dasselbe Schicksal.

Mitten in der Sommersaison bricht damit einer der traditionsreichsten Reiseveranstalter der Republik zusammen. Das spektakuläre Aus trifft über 50 000 Kunden, die bei den Schwaben die schönsten Wochen des Jahres gebucht haben. Es ist die größte Pleite, die die deutsche Tourismusindustrie je erlebt hat.

Der Absturz trifft die erfolgsverwöhnte Branche hart. »Bisher lief das Tourismusgeschäft doch völlig losgelöst von der übrigen wirtschaftlichen Lage«, urteilt Klaus Laepple, Präsident des Bundesverbandes mittelständischer Reiseunternehmen.

Vorbei scheinen die Zeiten, als die Deutschen auf alles verzichten wollten, nur nicht auf ihren Urlaub. Vorbei auch die Jahre, in denen die Branche stets kräftig, oftmals gar zweistellig zulegte. Noch im November titelte die Süddeutsche Zeitung: »Der Reise-Riesen-Himmel hängt voller Geigen«. Längst haben viele Veranstalter ihre Prognosen für 1995/96 nach unten revidiert.

Die Arbeitslosigkeit stieg auf Rekordhöhe - vielen Deutschen verging da die Reiselust. Und Schreckensmeldungen aus den Sonnenländern dämpften zusätzlich das Geschäft: Mit der Birgenair stürzten 189 Menschen vor der Dominikanischen Republik ins Meer, in Sri Lanka schreckten Anschläge, die PKK drohte in der Türkei mit Terror, und eine Bombe zerfetzte wahrscheinlich den TWA-Jumbo vor New York.

»Erstmals seit langem«, fürchtet TUI-Chef Ralf Corsten, werde der Markt stagnieren. »Womöglich erwirtschaftet die Branche sogar ein kleines Minus« (siehe Interview Seite 71). Immerhin geht es dabei - inklusive der heimischen Hotels und Restaurants - um zwei Millionen Beschäftigte und ein Geschäft von 200 Milliarden Mark; die Tourismusbranche setzt fast soviel um wie die Chemie-Riesen, die 235 Milliarden Mark erwirtschaften.

Längst mischen branchenfremde Giganten im Reise-Monopoly mit. Da nennt Karstadt-Chef Walter Deuss den zweitgrößten Veranstalter Neckermann-Reisen und die Reisebürokette Euro Lloyd sein eigen; da gebietet Supermarkt-Chef Hans Reischl (Rewe) über ITS und Atlas-Reisen.

Gleich mehrfach zieht die WestLB mit ihrem Vorstandschef Friedel Neuber im Hintergrund die Fäden: Die Staatsbank hält satte 100 Prozent der Reisebürokette Thomas Cook. Noch wichtiger sind 30 Prozent Beteiligung am deutschen Reisekonzern Nummer eins, der TUI, und 34 Prozent an der Nummer drei, der LTU.

Die größten Opfer im Milliarden-Poker müssen die Kleinen erbringen. »Mittelständler und Kleinunternehmer«, urteilt TUI-Chef Corsten, »können die Schwankungen im Kundenverhalten immer schwerer auffangen.« Seine Prognose: »Noch viele gehen pleite oder müssen bei größeren Konkurrenten Unterschlupf suchen.«

Schon jetzt melden die Firmen des Reisegewerbes viermal so oft Konkurs an wie andere Branchen. So verbandelten sich im vergangenen Jahr die blockfreien Veranstalter Kreutzer, Fischer und Öger Tours mit der Lufthansa-Tochter Condor.

Mittelständler Hetzel, der mit 353 Millionen Mark gerade Mal ein Fünfzehntel des TUI-Umsatzes erwirtschaftete, vertraute dagegen allzulang auf sein Image als Familienunternehmen. Der verstorbene Gründer Kurt Hetzel, genannt »der Millionendiener«, ließ schon in den fünfziger Jahren ganze Sonderzüge nach Sizilien rollen und betreute mit Ehefrau Else die Gäste. Später empfahl er sich als »Erfinder der Kurzflugreise«; die erste Maschine, eine propellergetriebene DC-7, startete 1963 gen Barcelona.

Als jedoch im vorigen Sommer der Flughafen Stuttgart, von dem 60 Prozent aller Kunden starten, umgebaut und teils geschlossen wurde, brachen die Buchungen ein. Folge: rund 40 Millionen Mark Verlust - und der endgültige Verkauf.

Doch der vermeintliche Retter war keiner: »Ich bin doch kein Masochist«, ließ Hinrich Bischoff wissen, der mit seiner Fluggesellschaft Germania das »Beamtenshuttle« zwischen Bonn und Berlin betreibt.

Der neue Eigentümer Bischoff und sein Beauftragter, Medaillengewinner Nordwig, erarbeiteten zwar zunächst gemeinsam mit der LTU ein Sanierungskonzept. Vergangene Woche erklärte Germania-Chef Bischoff dann, die Durchführung des Plans wäre einem »Selbstmord« gleichgekommen. Neue, unbekannte Finanzlöcher seien aufgetaucht.

Auch die LTU machte einen Rückzieher. Ursprünglich sollte der Carrier mit einem zweistelligen Millionenbetrag bei der Sanierung helfen; immerhin zählte Hetzel-Reisen zu den bedeutenden Kunden der Düsseldorfer Ferienflieger. Im laufenden Geschäftsjahr buchte der Pleite-Veranstalter für 37 Millionen Mark bei LTU. Bis zuletzt, so hieß es in Düsseldorf, habe die Germania den Carrier zum Einstieg gedrängt. Doch vor allem WestLB-Boß Neuber habe Bedenken geäußert, berichtet einer der beteiligten Manager.

»Wir hätten sehr gerne einen guten Geschäftspartner unterstützt«, so LTU-Sprecher Wolfgang Osinski, »doch die Zahlen bei Hetzel ließen das nach einer eingehenden Prüfung einfach nicht zu.«

Statt dessen sprang am vergangenen Mittwoch blitzschnell die TUI ein, bei der ebenfalls die WestLB als Anteilseigner firmiert; der Riese aus Hannover übernahm zwar nicht den Pleiteveranstalter, wohl aber sämtliche Verpflichtungen gegenüber 11 000 Hetzel-Kunden, die derzeit vor allem in Ägypten, Griechenland und der Türkei urlauben.

Möglich macht's ein Abkommen mit dem Deutschen Reisepreis-Sicherungsverein. Seit vor drei Jahren die MP Travel Line krachte und Tausende von Touristen tagelang in Hotels und Flughäfen festsaßen, müssen die Veranstalter ihre Kunden gegen eine Pleite versichern.

Verwundert registriert man in der Hetzel-Zentrale in Stuttgart-Weilimdorf allerdings, wie schnell TUI als Ersatzanbieter bereitstand. »Das muß wohl von langer Hand vorbereitet worden sein«, sagt Firmensprecherin Gabriele Andresen.

TUI-Chef Corsten weist das weit von sich: Sein Unternehmen habe die Rettungsaktion »innerhalb von 24 Stunden geplant«.

Wer auf Dauer vom Hetzel-Konkurs profitiert, bleibt indes ungewiß. Denn den Kunden in der Reisebranche fehlt, so klagt ein Tourismusmanager, vor allem eines: echte Markentreue. »Die buchen heute hier, morgen da - und schauen gnadenlos auf den Preis.«

Besonders die 18 000 Reisebüros bekommen das zu spüren. Seit das Bundeskartellamt im vorletzten Jahr den Vertrieb liberalisierte, tobt ein hemmungsloser Wettbewerb. Die Claims, früher klar abgesteckt, gelten nicht mehr: Während das eine Reisebüro bis dahin in erster Linie ein Vertriebsarm der LTU war und das nächste um die Ecke ITS führte, darf jetzt jeder alles anbieten. Der Marktführer TUI, zuvor in 6100 Büros exklusiv präsent, angelte sich prompt über 3000 neue Agenturen; und Neckermann verdoppelte die Zahl seiner Verkaufspartner gar.

»Für die Reisebüros hat das fatale Folgen«, urteilt Verbandschef Laepple. Mit einem Mal fielen satte »Superprovisionen« weg, weil sich der Umsatz nun auf mehrere große Veranstalter verteilt.

Auch Neckermann und Co., die im Vertrauen aufs große Geschäft ihr Kontingent erhöhten, verkalkulierten sich. »Es hat uns alle eine Menge Geld gekostet, aber nichts gebracht«, sagt Neckermann-Chef Wolfgang Beeser.

Statt dessen buchen die Deutschen so kurzentschlossen wie nie zuvor. Das Geschäft in letzter Minute macht vor allem der Spezialist L'tur, »sehr zum Ärger der Reisebüros, die das ja eigentlich auch selber machen könnten«, so Gerd Hesselmann, Präsident des Deutschen Reisebüro-Verbandes.

Elke Hetzel-Maute blickt derweil traurig auf die Ruinen des Familienbetriebs, Mitleid erwartet sie nicht: »Der Markt ist viel zu eng. Wenn da ein Mitbewerber verschwindet, ist doch klar, daß alle anderen froh sind.«

[Grafiktext]

Marktanteile der Reiseveranstalter 1994/95

[GrafiktextEnde]

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