Zur Ausgabe
Artikel 33 / 83
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

IMMOBILIEN Nur noch Kartoffelschalen

Die Zwangsversteigerungen von Eigenheimen sind sprunghaft angestiegen. *
aus DER SPIEGEL 13/1984

Seit 17 Jahren ist der Hamburger Jurist Jörg-Udo Joris im Immobiliengewerbe tätig, aber noch nie hat er »so viel Arbeit gehabt wie jetzt«.

Das liegt nicht daran, daß die Geschäfte mit Häusern und Grundstücken gegenwärtig prächtig laufen. Im Gegenteil: Joris, der die Rechtsabteilung der Deutschen Genossenschafts-Hypothekenbank (DG-Hyp) leitet, macht eine Welle arbeitsaufwendiger Zwangsversteigerungen zu schaffen.

Seinen Kollegen in anderen Kreditinstituten geht es ähnlich: Überall in der Bundesrepublik krachen die Finanzierungsmodelle von Eigenheimbesitzern zusammen; immer häufiger sehen sich die Banken gezwungen, Häuser über Versteigerungen zu Geld zu machen.

Im vergangenen Jahr nahm die Zahl der Zwangsversteigerungen bei der DG-Hyp um ein Drittel zu. Bei der Landesbausparkasse (LBS) der Westdeutschen Landesbank lag die Steigerungsrate bei 75 Prozent; 42 Prozent mehr ließ die größte Hypothekenbank der Bundesrepublik, die Deutsche Pfandbriefanstalt in Wiesbaden, versteigern.

Im vergangenen Jahr war mit schätzungsweise mindestens 30 000 Zwangsversteigerungen der bisherige Höchststand erreicht. Der große Schwung kommt aber erst noch. Ludwig Schork, Präsident der Deutschen Pfandbriefanstalt, geht davon aus, daß die Steigerungsrate vom letzten Jahr - rund 40 Prozent - locker erreicht wird.

Schon immer konnten alljährlich viele Tausende von Bauherren das Geld für die Hypothekenzinsen nicht mehr zusammenbringen. Zwangsversteigerungen von Ein- und Zweifamilienhäusern waren dennoch bislang selten.

Die privaten Pleiten ließen sich diskret bereinigen: Wer die Zinsen nicht mehr zahlen konnte, mußte eben sein Häuschen verkaufen. Das brachte in der Regel so viel ein, daß die Bank ihr Geld zurückbekam, der Bauherr sein eingesetztes Eigenkapital. Manchmal blieben noch ein paar Mark übrig, weil der Wert der Immobilie rasch gestiegen war.

Damit ist es vorbei. Seit Ende 1982 fallen die Preise. »Die Immobilienmärkte sind nicht mehr so aufnahmefähig«, umschreibt Norbert Schabel vom Verband deutscher Hypothekenbanken vornehm den Trend.

Ein Bremer Hypothekenfachmann beobachtete, daß Einfamilienhäuser »gelegentlich nur noch 50 bis 60 Prozent der Herstellungskosten bringen«. Die Württembergische Hypothekenbank in Stuttgart belegt den »katastrophalen Preisverfall« mit einem Beispiel aus Niedersachsen: Ein Einfamilienhaus bei Celle, vor wenigen Jahren für über 300 000 Mark gebaut, sei nicht einmal für 150 000 Mark loszuschlagen.

Als »überraschend neu« konstatieren die Stuttgarter einen »Verwertungsverlust bei Versteigerungen": Der Erlös ist oft so mickrig, daß die Bank nicht einmal ihren Kreditbetrag - in der Regel 80 Prozent der Baukosten, manchmal weniger - hereinholen kann.

Die Banken setzen daher die Zwangsversteigerung nur als letztes Mittel ein, um an ihr Geld zu kommen. Wo Hoffnung besteht, schulden sie um oder setzen die Tilgung aus. Denn die Häuslebauer gelten als Menschen mit vorbildlicher Zahlungsmoral. »Die fressen«, sagt

ein Hypothekenexperte, »wenn es sein muß, nur noch Kartoffelschalen, um ihr Reihenhaus zu behalten.« Doch die hoffnungslosen Fälle mehren sich.

Nach wie vor am häufigsten beendet die Ehescheidung den Traum vom eigenen Haus - wenn der Mann, nunmehr wie ein Junggeselle besteuert, für den Unterhalt von Frau und Kindern aufkommen muß. Zunehmend gewichtiger wird ein anderer Pleitegrund: Der Arbeitsplatz geht verloren. Da oft knapp kalkuliert wird, genügt gelegentlich schon der Fortfall von Überstunden, um die gesamte Kreditkonstruktion einstürzen zu lassen.

Während im Süden der Republik, vor allem in Baden-Württemberg und Bayern, ein Notverkauf meist akzeptable Preise bringt, ist der Verkauf nördlich der Mainlinie häufig schwieriger. In Niedersachsen und in Schleswig-Holstein nahmen die Zwangsversteigerungen letztes Jahr um 100 Prozent zu.

Besonders steil stürzten in wirtschaftsschwachen Gegenden die Preise. Hypothekenbanken fürchten vor allem die Gebiete um Ahaus/Coesfeld, Lüchow-Dannenberg, das Bremer Umland, das Ruhrgebiet und das Saarland.

Dort bleibt den Geldgebern »häufig nichts anderes übrig, als selbst zu ersteigern«, sagt Ingbert Schorr von der ZG Bank Saar. Doch viel zu holen gibt es bei den Auktionen für die Verkäufer selten. »Wo sich früher eine Menge Makler tummelte«, sagt Schorr, »sind die Bankenvertreter unter sich.«

Einen typischen Fall schildert der Immobilienexperte einer Hamburger Bankniederlassung.

Im Oktober 1980 kaufte sich ein Schlossermeister im Norden Hamburgs ein Reihenhaus, 150 Quadratmeter Wohnfläche, für 345 000 Mark. 270 000 Mark borgte er sich von der Bank.

Nach gut einem Jahr wurde der Mann arbeitslos. Als die dritte Quartalszahlung hintereinander ausblieb, kündigte das Kreditinstitut im Dezember 1982 den Kredit und beantragte die Zwangsversteigerung.

Wie vorgeschrieben, ließ das Gericht einen Sachverständigen den Wert des Reihenhauses schätzen, denn die Bank muß den Versteigerungserlös, mindestens aber sieben Zehntel des sogenannten Verkehrswerts, dem Schuldner gutschreiben. Der Sachverständige taxierte die Immobilie auf 423 000 Mark.

Beim ersten Versteigerungstermin, im September 1983, lag das höchste Gebot bei 5700 Mark, formal abgegeben von dem einzigen Interessenten, der Bank. Mehr Betrieb herrschte beim zweiten Termin: Ein Privatmann steigerte bis 206 000 Mark. Mit 220 000 Mark erhielt die Bank den Zuschlag.

Sieben Zehntel des Verkehrswertes - 296 100 Mark - muß das Kreditinstitut aber seinem Schuldner gutschreiben. Seit Januar müht sich die Bank damit ab, das Haus auf der Verhandlungsbasis von 280 000 Mark loszuwerden.

Es gibt schlimmere Fälle. Denn die Verkehrswerte werden derzeit gering angesetzt. Klaus Landowsky, Vorstandsmitglied der Berliner Wohnungsbau-Kreditanstalt: »Ein Haus, für eine halbe Million gebaut, wird vom Gutachter auf 400 000 geschätzt« - das Haus geht für 280 000 Mark weg, und der zahlungsunfähige Bauherr bleibt zeit seines Lebens seinem Kreditinstitut Geld schuldig.

Aus gutem Grund machen daher jetzt die Hypothekenbanken Bau- und Kaufwillige auf Versteigerungen aufmerksam: Dort, so lockt Joris von der DG-Hyp, seien Immobilien »preiswert bis supergünstig« zu haben. _(Vergangene Woche, vor dem Amtsgericht ) _(Hamburg-Blankenese. )

Vergangene Woche, vor dem Amtsgericht Hamburg-Blankenese.

Zur Ausgabe
Artikel 33 / 83
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.