Zur Ausgabe
Artikel 26 / 82
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

SPEKULATION Nur noch Schrott

Nach dem Selbstmord des hochverschuldeten Altbau-Spekulanten Günter Kaußen kracht es in dessen Wohnungsimperium. *
aus DER SPIEGEL 17/1985

Wenn der Kölner Immobilienkaufmann Günter Kaußen über Kredite verhandelte, hatten es die Hypothekenbankiers in letzter Zeit mit »einem Nervenbündel« zu tun. »Kaußen«, erinnert sich Eberhard Reichstein, Vorstandsmitglied der Deutschen Centralbodenkredit AG, »wirkte manchmal völlig fertig.«

Deutschlands größter privater Hausbesitzer habe stets »an der Grenze zwischen Genie und Wahnsinn« gelebt, meint ein Sprecher der Frankfurter Hypothekenbank. Die Grenze hat Kaußen, so glauben manche seiner Angestellten, dann schließlich vor etwa einem Jahr überschritten.

Da erweiterte er seine vielen Spleens um eine weitere Marotte: den Einsperrungs-Tick. Erstmals im Frühjahr 1984 mußte eines Abends nach zehn Uhr auf Kaußens Anweisung der Leiter der Rechtsabteilung die Ausgangstüren abschließen. Keiner durfte Kaußens Hauptverwaltung in Kölns Neusser Straße 30-32 verlassen.

Wenige Tage vor seinem Tod hatte er mehrere Angestellte sogar drei Tage und Nächte im Büro eingesperrt. Es waren Mitarbeiter, die er zu dem gefürchteten Spätdienst verdonnert hatte.

Als sich der Großvermieter vergangene Woche in seinem Badezimmer erhängte, führten Kaußen-Kenner denn auch den Selbstmord vor allem auf den psychischen Zustand Kaußens zurück. Die triste Lage seiner Firma jedenfalls hätte ihn kaum in den Tod getrieben.

Kaußens Wohnungsimperium war schon vor vielen Jahren ins Wanken geraten. Besonders verhängnisvoll wirkte sich seine Immobilien-Spekulation in den USA aus. Dort konnte er nicht die Mieten in dem erhofften Umfang hochtreiben. Die US-Banken gaben sich hart, Kaußen mußte für die Hypotheken aus Deutschland Geld heranschaffen und teuer in Dollar wechseln.

Doch schon hierzulande konnte Kaußen die fälligen Beträge für Zins und Tilgung seiner Kredite nicht pünktlich aufbringen. Er gehörte, umschreibt die Frankfurter Hypothekenbank seine Zahlungsmoral, »nicht immer zu den pünktlichsten Zahlern«.

Wie hoch die Schulden sind, die Kaußen hinterlassen hat, ist bislang nicht zu berechnen. Etwa 400 Millionen Mark, meint ein Bankier, seien »die absolute Untergrenze«. Andere schätzen die Schulden auf mehr als 800 Millionen Mark.

Der Wert des Immobilienbesitzes wird auf zwei bis 2,5 Milliarden Mark taxiert. Doch die Häuser sind kaum zu Geld zu machen. Kaußen, berichtet ein ehemaliger Geschäftspartner, habe schon seit langem keine Häuser mehr in guten

Lagen anzubieten gehabt - »nur noch Schrott in IIIc-Lagen«.

Nur hin und wieder hatte Kaußen Altbauten in guter Lage ordentlich renovieren lassen, um sie als Eigentumswohnungen zu verkaufen. Seine Mietskasernen jedoch - zunächst Altbauten, die vor dem Ersten Weltkrieg errichtet wurden, später ganze Wohnanlagen aus den 50er Jahren - sind oft bis zur Unbewohnbarkeit heruntergekommen.

Als in Deutschland noch Wohnungsnot herrschte, machte Kaußen glänzende Geschäfte. Er trieb die Mieten hoch, steckte aber keine Mark in die Instandhaltung. Bei Altbauten, so eine Faustregel der Immobilienbranche, gehen üblicherweise 25 Prozent der Mieteinnahmen für die Instandhaltung drauf.

Kaußens Probleme entstanden, als seine Mieter merkten, daß vor deutschen Gerichten praktisch jeder Prozeß gegen den Mann zu gewinnen war, der bald nur noch als »Miethai« tituliert wurde. Die Leute zahlten einfach weniger Miete und zwangen per Gerichtsbeschluß ihren Hausbesitzer, wenigstens die allernotwendigsten Reparaturen machen zu lassen.

Viele Mieter flüchteten aus Kaußen-Häusern, neue zogen erst gar nicht ein, wenn sie hörten, daß es sich um ein Kaußen-Haus handelt. So sind die meisten Immobilien des Kölner Großvermieters nach Ansicht eines rheinischen Maklers »Problemfälle«.

Was Kaußens Banken das größte Kopfzerbrechen bereitet, ist freilich nicht der schwierige Verkauf, sondern die Frage, wie hoch seine Immobilien belastet sind. Aus den Grundbüchern nämlich ist das nicht zu erkennen.

Denn Kaußen besorgte sich Geld nicht nur in Form von Hypothekenkrediten, sondern auch mit Hilfe sogenannter Abtretungserklärungen. Er kaufte beispielsweise ein Zinshaus für eine Million Mark mit einer Hypothek über 300 000 Mark. Weitere 500 000 bis 700 000 Mark Kredit holte er sich, indem er als Sicherheit die Miet-Erträge abtrat.

Die notariell beurkundeten Abtretungserklärungen wurden nicht ins Grundbuch eingetragen, sondern, so ein Insider, »in den Tresor gelegt«. Kaußen-Mitarbeiter halten es für möglich, daß in verschiedenen Banksafes für ein und dasselbe Objekt Abtretungserklärungen liegen.

Nach Kaußens Selbstmord begann in über 120 Geldinstituten die große Inventur. Zu den Großgläubigern zählen Institute wie die Frankfurter Hypothekenbank, eine Tochter der Deutschen Bank - mit deren Hilfe er sein Wohnungsimperium aufgebaut hatte -, aber auch weniger bekannte Häuser wie die Bensberger Volksbank, mit deren Chef sich Kaußen besonders gut vertrug.

Selbst Kaußens Buchhalter können nicht sagen, wie vielen Banken ihre Firma Geld schuldet. Die Buchführung war so chaotisch, daß nicht einmal der Chef wußte, wie viele Wohnungen er eigentlich besaß.

So teilte Kaußen im vergangenen Jahr Immobilienhändlern mit, er habe Häuser entdeckt, von denen er bislang keine Ahnung hatte. »Hiermit«, so Kaußen schriftlich, »biete ich Ihnen eins meiner vergessenen Häuser zum Kauf an.«

Seine Geschäftspartner schätzten seinen Besitz zeitweise auf 80 000 bis 100 000 Wohnungen. Sie wußten, daß er seine Angestellten hart rannahm, und schlossen von der Zahl seiner Mitarbeiter - rund 50 in der Kölner Zentrale, 20 bis 30 in den Außenstellen Berlin und Hamburg - auf die Zahl der verwalteten Wohnungen.

Tatsächlich jedoch waren es 30 000 bis 35 000. »Kaußen war haarsträubend organisiert«, sagt ein ehemaliger Buchhalter. Seit 1981 mühen sich zwei Betriebsprüfer vom Finanzamt Köln-Mitte, hinter das Chaos zu kommen. Sie haben es bis heute noch nicht geschafft. »Es gab«, so ein Angestellter, »keine Buchführung im herkömmlichen Sinn, sondern eine Einnahmen- und Ausgabenrechnung nach System Kaußen.«

In den drei Büroetagen der Zentrale waren auch nur zwei Telephone angeschlossen. Die standen im 3. Stock, im Büro seiner Geschäftsführerin und Lebensgefährtin Ingeborg Skowronek, einer gelernten Handelsschullehrerin. Die Angestellten hatten alles schriftlich zu erledigen. Nur in Notfällen durfte telephoniert werden - einen Arzt anzurufen galt nicht als Grund, Kaußens Telephon zu benutzen.

Die EDV-Anlage, von Kaußen stolz als »Computer der vierten Generation« bezeichnet, arbeitet mit Lochkarten und Ablochbelegen. Sie schafft nur Buchungen unter 100 000 Mark. Als Kaußen im vergangenen Jahr ein millionenschweres Objekt in Berlin verkaufte, mußten seine EDV-Experten für eine einzige Buchung 72 Beträge eintippen.

Wichtigstes und größtes Ressort war die Rechtsabteilung mit rund 15 Angestellten. Kaußen zahlte grundsätzlich nur dann seine Rechnungen, wenn der Gerichtsvollzieher mit einem Vollstreckungsbescheid kam.

Kaußen, ein Pfennigfuchser, hat Millionenbeträge für Gerichtskosten, Rechtsanwälte und Gerichtsvollzieher verpulvert. Gleichwohl behauptete er stets, dadurch Zinsen gespart zu haben: »Der Gerichtsvollzieher kommt mich billiger.«

Weil eine Bank pro Überweisung 50 bis 60 Pfennig nimmt, benutzte Kaußen das buchungsfreie Postscheckkonto. Zu Monatsanfang fuhr seine Lebensgefährtin Ingeborg Skowronek in die Kölner Innenstadt und hob dort die Mieteinnahmen - rund vier Millionen Mark - ab, abzüglich der jeweils gepfändeten Beträge.

Die Millionensummen verstaute sie in einer Tasche und fuhr ohne Begleitschutz - das war Kaußen zu teuer - 20 Kilometer nach Bensberg. Dort zahlte sie das Geld bei der Volksbank ein.

Kaußen - da sind sich viele, die ihn kannten, einig - war hochgebildet und intelligent, aber auch rücksichtslos und unfähig zu systematischer Arbeit: ein Chaot, der, mit einigen Litern Kaffee und fünf Päckchen »Peter Stuyvesant« versorgt, ganze Nächte im Büro verbrachte.

Seine Angestellten mußten gelegentlich bis morgens um sieben bei ihm ausharren, seine Wutanfälle ertragen und seine stundenlangen Monologe anhören: Nahezu druckreif redete er über griechische Philosophie, über Wirtschaft, Parteien und Krieg.

Viele seiner Mitarbeiter, obwohl überdurchschnittlich bezahlt, hielten es nicht lange bei Kaußen aus. Er behandelte seine Angestellten genauso ruppig wie seine Mieter.

Von seinen Anfällen blieb auch Ingeborg Skowronek, die Mutter seiner vier Töchter, nicht verschont: »Da kommt«, schrie Kaußen einmal, »die dümmste Handelsschullehrerin Deutschlands.«

Die versucht nun, versehen mit einer Generalvollmacht ihres Lebensgefährten, von Kaußens zusammenstürzendem Imperium einige Teile zu retten. »Ich will«, versprach sie Klaus Herzig, dem Vorstandsmitglied der Deutschen Kreditbank für Baufinanzierung, »abstoßen, was abzustoßen geht.«
*KASTEN

»Nur Feinde«

Aus Berichten zu Kaußens Tod *

Kaum jemand wird ihm auch nur eine Träne nachweinen. Sein Name galt als Synonym für »Bruchbuden-Spekulant«, »Altbau-König«, »Miet-Hai«. ("Die Welt")

Er war so geldgierig wie Dagobert Duck, aber was er tat, war nicht komisch: Er ruinierte vielen Menschen das Leben. Günter Kaußen ist jahrzehntelang Sinnbild der ungezügelten Raffgier, der Habsucht ohne Ziel gewesen. ("Süddeutsche Zeitung")

Der Hai hatte nur Feinde. Freudenfeste in Kaußens Häusern. ("Bild")

Mit diesem Selbstmord ging die Schrecken verbreitende Karriere eines Mannes zu Ende, der wie kein anderer in den vergangenen 20 Jahren Synonym für gewissenlose Geschäftemacherei geworden war. ("Frankfurter Rundschau")

Deutschlands bestgehaßter »Slumlord«. ("Frankfurter Allgemeine Zeitung")

Zur Ausgabe
Artikel 26 / 82
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.