Konzerne gegen Ministerin Klöckner Warum es Fruchtzwerge und Tiefkühlkost künftig mit Nährwertampel gibt

Wie gesund sind unsere Lebensmittel? Eine Nährwertampel kann zumindest eine grobe Orientierung geben. Verbraucherschutzministerin Klöckner zögert noch bei der Einführung, doch große Unternehmen preschen vor.

Nutri-Score in Belgien
Reporters/ imago images

Nutri-Score in Belgien

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Viele Verbraucher wünschen sich eine leicht verständliche Kennzeichnung von Lebensmitteln: Sie wollen auf den ersten Blick erkennen, ob ein Produkt viel Salz, Zucker oder Fett enthält. Ob sie es trotzdem kaufen, können sie ja selbst entscheiden.

Verbraucherministerin Julia Klöckner aber traut den Konsumenten das offenbar nicht zu. Bei der Vorstellung des jüngsten Ernährungsreports ihres eigenen Ministeriums sagte sie: "Wir werden den Bürgern nicht vorschreiben, was sie zu essen haben". Deshalb will die CDU-Politikerin die Lebensmittelhersteller auch nicht per Gesetz zu einer Nährwertkennzeichnung verpflichten.

Dabei sind einige Produzenten schon viel weiter.

Der französische Danone-Konzern hat schon im vergangenen Jahr angekündigt, dass er von 2019 an nach und nach alle Produkte mit dem französischen Nutri-Score-System kennzeichnen werde. Den Anfang machen im Februar die "Fruchtzwerge". Auch der Fischstäbchen-Hersteller Iglo macht mit und bedruckt die Verpackungen seiner Produkte mit der fünfstufigen Ampel.

Lieferfahrzeug von Bofrost
imago/Horst Galuschka

Lieferfahrzeug von Bofrost

Damit sind zwei der ganz großen Lebensmittelkonzerne also aufgebrochen - und jetzt zieht der nächste nach. Der Tiefkühlhersteller Bofrost stellt die Nährwertkennzeichnung seiner Produktpalette ebenfalls auf Nutri-Score um.

Imageproblem bei den Fruchtzwergen

Es sieht so aus, als käme die "Lebensmittelampel" nun durch die Hintertür - auf Initiative der Unternehmen. Vor zehn Jahren scheiterte die einheitliche Kennzeichnungspflicht in Brüssel. Damals war die Nährwertampel der britischen Lebensmittelbehörde FSA das Vorbild: Dabei richtet sich die Ampelfarbe nach den Nährwertgehalten auf der Basis von 100 Gramm. So wird das Zuckerfeld rot, wenn ein Produkt mehr als 15 Prozent Zucker enthält, ähnlich ist es bei Fett oder Salz. Die Lobbyisten der Lebensmittelindustrie verhinderten eine gesetzliche Regelung.

Weil nationale Alleingänge verboten sind, führte Frankreich das Nutri-Score-System später auf freiwilliger Basis ein. Das System erstellt eine Gesamtbewertung eines Produkts, günstige und ungünstige Nährwertbestandteile werden mit Punkten bewertet und dann miteinander verrechnet. Das Ergebnis wird auf der Packungsvorderseite in einer fünfstufigen Farbskala dargestellt, die zugleich mit den Buchstaben A bis E hinterlegt ist. Ein Produkt mit einem günstigen, ausgewogenen Nährwertprofil erhält somit eine grüne Einordnung und den Buchstaben A, ein sehr unausgewogenes Produkt erhält eine rote Bewertung und den Buchstaben E.

Es ist kein Wunder, dass Danone, Iglo, Bofrost und ein paar kleinere Produzenten dieses System bevorzugen: Es ist in Frankreich, Belgien und Spanien schon verbreitet, ersten Studien zufolge verstehen die Verbraucher Nutri-Score besser als andere Nährwertkennzeichnungen - und sie kaufen gesündere Produkte ein.

Danone-Produkt Fruchtzwerge
pa/obs/Danone

Danone-Produkt Fruchtzwerge

Für Danone hat die Einführung von Nutri-Score auch wirtschaftliche Gründe. Ein besonders gut verkauftes Danone-Produkt hat nämlich ein Imageproblem: der "Fruchtzwerge-Joghurt" für die Zielgruppe (Klein-) Kinder, ist massiv in die Kritik geraten. Den weit verbreiteten (Achtzigerjahre-) Werbeslogan "So wertvoll wie ein kleines Steak" hat Danone schon lange kassiert und mittlerweile auch die Rezeptur den aktuellen Ernährungstrends angepasst. Nach eigenen Angaben hat Danone den Zuckergehalt seit Einführung um 37 Prozent und den Fettgehalt um 68 Prozent reduziert. Ernährungsbewusste Eltern meiden den Joghurt allerdings trotzdem noch. Mit der Nutri-Score-Kennzeichnung, so das Kalkül, könnte sich das ändern: die Fruchtzwerge erreichen dort nämlich ein hellgrünes "B".

Bundesverbraucherministerin Julia Klöckner sitzt jetzt in der Zwickmühle

Und noch etwas könnte den Kennzeichnungspionieren Danone, Iglo, Bofrost und Co. helfen: Sobald die Verbraucher Nutri-Score erkennen und ähnlich gut annehmen wie in anderen EU-Ländern, hätten sie einen Wettbewerbsvorteil gegenüber den Konkurrenten. Insgeheim setzen sie auf "die normative Kraft des Faktischen": Wenn erst einmal genügend gekennzeichnete Produkte auf dem Markt sind, so die Hoffnung, werde sich Nutri-Score als Standard ganz alleine durchsetzen.

In dem mehr als ein Jahrzehnt lang schwelenden Streit um eine einfache, verständliche und sinnvolle Nährwertkennzeichnung haben sich die Konfliktlinien jedenfalls vollkommen verschoben: Waren es früher die Hersteller, die sich gegen Forderungen von Verbraucherschützen und staatliche Vorgaben wehrten, finden sich die Vorreiter der Lebensmittelkonzerne nun in einer ungewohnten Allianz. Verbraucherorganisationen wie Foodwatch fordern die flächendeckende Einführung von Nutri-Score, der "erst dann gesündere Kaufentscheidungen" ermögliche, "wenn Verbraucherinnen und Verbraucher im Supermarkt verschiedene Produkte auf einen Blick miteinander vergleichen können".

Bundesverbraucherministerin Julia Klöckner dagegen ist in der Defensive: Zum einen kann sie nicht mehr sagen, dass sie im Sinne der Industrie handelt, zum anderen wächst die Zahl der Unterstützer einer breiten Einführung von Nutri-Score immer weiter: Nicht nur Ärzteverbände und Krankenkassen, sondern auch immer mehr Ernährungswissenschaftler halten das System für sinnvoll. Klöckner will nun die Analyse des Max-Rubner-Instituts (MRI) abwarten, welches der verschiedenen freiwilligen Kennzeichnungsmodelle in Europa am besten sei.

In Frankreich waren es die Supermärkte und Discounter, die dafür sorgten, dass der Nutri-Score flächendeckend eingeführt wurde. In Deutschland könnte es nun ähnlich ablaufen: Hinter den Kulissen sprechen die Hersteller bereits mit dem Lebensmitteleinzelhandel. Vermutlich wird der Nutri-Score kommen - egal, wofür die Bundesverbraucherministerin sich irgendwann entscheidet.



insgesamt 41 Beiträge
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marthaimschnee 07.02.2019
1. günstige und ungünstige Nährwertbestandteile miteinander verrechnen
also jede Menge Vitamin C und schon ist selbst ein Stück Würfelzucker ein akzeptabler Snack.
fördeanwohner 07.02.2019
2. -
Nennt man so etwas nicht Ironie des Schicksals? Ich kann mir die Schadenfreude nicht verkneifen.
Raisti1 07.02.2019
3.
Warum lassen Journalisten den Politikern solche schwachsinnaussagen wie "Wir werden den Bürgern nicht vorschreiben, was sie zu essen haben" einfach durchgehen ? Da muss man doch direkt nachfragen wie Sie zu der Meinung kommt. selbes könnte man ja sonst auch über die Zutatenliste behaupten. Genauso unsinnig wie die Behauptung das Drogenverbote dazu dienen unsere Kinder zu schützen. Dealer liegt das wohl der Kinder natürlich mehr am Herzen als staatlich kontrollierten abgabestellen.
klaasohm24 07.02.2019
4. Von der Wirklichkeit überholt
Erst Scheuer, jetzt Klöckner – Lobbypolitiker von gestern müssen irritiert zusehen, wie Unternehmen sich selbst an den Bedürfnissen der Verbraucher orientieren.
freigeistiger 07.02.2019
5. Ist das wirklich besser?
Jemand gibt vor, nach eigenen Kriterien, was gut, oder was weniger gut ist. Bei den jetzigen Nährwertangaben wird der konkrete Anteil angegeben. Etwa der von Zucker. Zusammen mit den Zutatenlisten kann erkannt werden, ob mit Süßstoffen getrickst wird. Den man auch herausschmeckt. Mit der Ampel kann verschleiert werden, wie viel Zucker den Gemüsekonserven zugesetzt wird. Alle wollen selbstbestimmt sein, und Vorgaben haben. Medien präsentieren uns dafür laufend „Experten“.
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